Lahr Nach dem Krieg: Peiniger vor Gericht

Lahr/Freiburg - Die Verschleppung aller badischen Juden jährte sich am 22. Oktober zum 80. Mal. Aus dem Amtsbezirk Lahr wurden damals 134 jüdische Einwohner ins südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. In dieser Serie werden NS-Opfer vorgestellt, die aus verschiedenen Gründen nicht nach Gurs kamen.

Beginn ist mit dem Schicksal des Rechtsanwalts Albert Strupp, der den Holocaust überlebt hat. Er sorgte im Mai 1947 durch eine Anzeige bei der Oberstaatsanwaltschaft Offenburg dafür, dass die Verantwortlichen für die Verhaftungswelle der jüdischen Männer in Folge der sogenannten Reichspogromnacht am 10. November 1938 in den Synagogenprozessen von Lahr (30. Juni 1949) und Ettenheim (22. Oktober 1948) vor Gericht gestellt wurden.

Kippenheim war der Sammelplatz

Albert Strupp wurde als Sohn jüdischer Eltern am 23. Dezember 1892 in Jena geboren. Nach seinem Jurastudium wurde er beim Amtsgericht Ettenheim als einziger Anwalt mit Zulassung zum Landgericht Freiburg eingestellt. Er wohnte in der Ettenheimer Luisenstraße.

In den frühen Morgenstunden am 10. November 1938 wurde er von SS-Männern in seiner Wohnung festgenommen, wobei auch seine christliche Ehefrau durch einen Schlag ins Gesicht misshandelt wurde. Bürgermeister Eduard Seitz war anwesend, als die Wohnung demoliert und einzelne Gegenstände gestohlen wurden.

Unter Anführung von SS-Hauptsturmführer Karl Friedrich Rieflin, der einen SS-Sturm im Südbereich des Amtsbezirkes führte, wurde Strupp zusammen mit weiteren fünf jüdischen Männern aus Ettenheim nach Kippenheim und dann nach Lahr geführt. Dabei wurden sie von Rieflin auf unflätigste Weise beschimpft.

In Kippenheim war der Sammelplatz aller Verhafteten aus dem südlichen Amtsbezirk. Hier hatten sich einige wüste Antisemiten eingefunden, die die Festgenommenen ständig beleidigten und demütigten, indem man Wasser in ihre Hütte füllte. Strupp, dem man aufgrund seiner vornehmen Kleidung ansehen musste, dass er eine besondere Stellung innehatte, wurde ebenfalls der Hut abgenommen und er wurde mit Viehdung beworfen.

"Schonung" hielt in Freiburg erstaunlicherweise lange

Die Männer wurden von Lahr in einem Sammelzug mit allen südbadischen Juden ins KZ Dachau verbracht, wo sie vier bis sechs Wochen geschlagen und gedemütigt wurden, bis sie mit ihrer Unterschrift zusagten, das Land zu verlassen. Nach seiner Entlassung im Dezember 1938 zog Strupp nach Freiburg in die Jägerstraße 19.

Am 22. Oktober 1940 wurde er nicht wie alle anderen Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Freiburg nach Gurs deportiert, weil er mit einer "Arierin" verheiratet war. Jüdische Ehepartner sogenannter privilegierten Mischehen wurden auf diese Weise verschont. So war er einer der wenigen Juden, die nach 1940 in Freiburg bleiben dürfen und sich ab 1941 mit einem gelben Davidstern an der Kleidung in der Öffentlichkeit als Jude offenbaren mussten. Diese "Schonung" hielt in Freiburg erstaunlicherweise sehr lange, aber am 13. Februar 1945 wurde auch Albert Strupp in der Jägerstraße 19 abgeholt und mit anderen jüdischen Einwohnern ins KZ Theresienstadt deportiert.

Als Häftling XIII/6-82 wurde er als "Gemeindewachmann" eingesetzt, überlebte auf diese Weise das Konzentrationslager und kehrte nach der Befreiung des Lagers durch die russische Armee am 8. Mai 1945 zu seiner Frau nach Freiburg zurück.

1946 wurde er wieder in den öffentlichen Dienst eingestellt. Als Jurist wurde er 1947 in der Rechtsabteilung des Badischen Landesamts für kontrollierte Vermögen eingesetzt. Am 25. Oktober 1952 starb Albert Strupp in Freiburg im Alter von 59 Jahren.

Seine Mutter Franziska Strupp hatte weniger Glück. Sie wurde 1940 nach Gurs deportiert und starb unter den widrigen Bedingungen im Lager Récébédou am 23. Februar 1942. Durch diesen Tod blieben ihr der tagelange Transport und die Ermordung durch Gas im KZ Auschwitz-Birkenau erspart.

Für die erlittenen Leiden wurden für Albert und Lieselotte Strupp am 26. Oktober 2016 in der Jägerstraße 19 Stolpersteine verlegt.

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