Lahr Mit frischem Mut ins Lahrer Kultur-Jahr 2021

Cornelia Lanz ist die Nachfolgerin von Gottfried Berger im städtischen Kulturamt. Für das Jahr 2021 hat sie einige Ideen in der Schublade. Foto: Ingo Degenhart

Lahr - Zu Jahresbeginn hat es einen Wechsel in der Leitung des Kulturamts gegeben. Die 39-jährige Mezzosopranistin Cornelia Lanz aus München hat die Nachfolge von Gottfried Berger angetreten, der in Rente gegangen ist. Im Interview verrät sie, worauf sich die Lahrer 2021 in Sachen Kultur freuen können.

Wie fühlen Sie sich dabei, die Leitung des Kulturamts in einer Zeit übernommen zu haben, in der der Kulturbetrieb brach liegt?

Im Kulturamt selbst empfinde ich die Zeit wie in einem Kokon: Das Team, meine neue Stellvertreterin Valerie Silberer und ich, nutzen die Zeit, um uns neu zu erfinden, Visionen zu spinnen und Ziele zu formulieren.

Beispielsweise nahm fast das ganze Team online an der Heidelberg Music Conference teil. Das gab viele Denkimpulse: Was sind unsere Werte und wie können wir diese in unserem Spielplan transportieren? Was beinhaltet das Konzerterlebnis der Zukunft? Wie gehen wir auf neue Publikumsgruppen zu? Was bedeutet Erfolg im Kulturbetrieb? Ansonsten sind wir mit Rückabwicklungen und dem Jahresabschluss beschäftigt.

Natürlich ist die Corona-Zeit für uns alle eine harte Zeit. Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft der Kultur und darum, wie im Jahr 2020 in den Phasen der Lockerung mit Kultur umgegangen wurde. Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Kunstfreiheit sind alle im Grundgesetz verankert – sie wurden jedoch sehr unterschiedlich behandelt.

Die Kulturverantwortlichen entwarfen sehr schnell sehr gute Hygienekonzepte und unser Publikum ist ein sehr verantwortungsvolles. Trotzdem fand beispielsweise die Eröffnung der Ausstellung "Wer ist Stroh?" des Stadtmuseums Lahr Mitte Dezember ohne Publikum statt – in weiten, großen Räumen.

Ich hoffe sehr, dass die Politik, sobald es wieder möglich ist, klare Parameter schafft, die unabhängig von den Infektionszahlen Kultur möglich machen. Die Lobby der Kulturschaffenden muss noch stärker sein, denke ich.

Im Dezember haben Sie ein neues Projekt mit dem Titel Künstler Tandem Lahr ins Leben gerufen. Was steckt dahinter?

Künstler Tandem Lahr ist eine Plattform, die regionale Künstler und Künstlerinnen an Firmen und Privatleute vermittelt. Die Corona-Krise hat die Kulturschaffenden aller Sparten besonders hart getroffen.

Wir wollen dazu beitragen, dass Künstler und Künstlerinnen trotz der Pandemie, und so schnell wie möglich direkt danach, wieder Aufträge bekommen.

Künstler bewerben sich mit Vita oder ihrer Webseite. Anschließend werden sie auf unserer städtischen Webseite vorgestellt. Auch nach der Corona-Zeit. Ebenso können sich Kulturinteressierte melden und wir schicken ihnen die Liste der registrierten Lahrer Künstler zu.

Beispielsweise lässt sich ein privates Wohnzimmerkonzert planen. Und Firmen finden über die Vermittlung DJs und Bands für ihre nächste After-Work-Party, Privatpersonen ein persönliches Gemälde für die eigenen vier Wände.

Unsere Liste an Bildenden Künstlern und Künstlerinnen ist schon recht stattlich. Ein positiver Nebeneffekt: Wir bekommen so einen aktuellen Überblick über die Lahrer Künstler und Künstlerinnen und diese erhalten auch für die Zeit nach Corona eine Plattform.

Ich denke, eine Hauptaufgabe des Kulturamts ist es, Möglichkeiten, Vernetzung und Vermittlung zu schaffen. Ich sehe uns als Moderatoren, Mentoren und Motivatoren, die Chancen und Raum schaffen, Ideen umzusetzen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Lage der Künstler aus Lahr und der Region?

Die Corona-Soforthilfe des Landes hat finanziell einiges aufgefangen. Aber natürlich war es ein trauriges Jahr für die Kultur. Ich höre von vielen Künstlern und Künstlerinnen, die sich nach einem zweiten Standbein umschauen oder froh sind, dass der Partner oder die Partnerin Geld verdient.

Viele sind kreativ im Internet mit Live-Streams, Open-Air-Veranstaltungen oder Hauskonzerten – aber das wiegt ein großes Konzerterlebnis, eine Oper, einen Ausstellungsbesuch weder emotional noch finanziell auf.

Einige Lahrer Künstler sagten uns, sie wollten sich nicht bei Künstler Tandem bewerben, weil es ihnen durch die Pandemie nicht schlecht gehe.  Aber auch diese können herzlich gerne teilnehmen.

Denn es geht ja auch um die Plattform und darum, dass wir alle Kreativen kennenlernen wollen. Werden sie gebucht, kann das Geld gerne an einen anderen Künstler des Tandems weitergegeben werden.

Neben Ihrer Anstellung bei der Stadt Lahr treten Sie immer wieder als Sängerin auf und sind dabei ebenfalls von den Corona-Einschränkungen betroffen. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Ich hatte im Vorjahr unterschiedliche Engagements in Opern, Oratorien und Konzerten. Fast alle wurden abgesagt. Allein in der Passionszeit 17 Stück. Finanziell konnten manchmal Ausfallgagen gezahlt werden.

Meist prozentual, manchmal wurde das Konzert verlegt, aber oftmals einfach ersatzlos gestrichen. Im Dezember hatte ich in den vergangenen Jahren immer circa 20 Auftritte – von Bachs Weihnachtsoratorium bis zum Singen in Altenheimen.

Dieses Jahr sind zwei übrig geblieben: Ein Gottesdienst im Innenhof der evangelischen Gesellschaft Stuttgart – die Mitarbeiter schauten aus den Fenstern. Und, darüber bin ich sehr glücklich, am Heiligen Abend ein Stream auf der virtuellen Kulturbühne des BR aus der Philharmonie im Gasteig in München.  

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Oberstes Ziel ist, Kultur mit der Stadt und nicht für die Stadt zu machen. Und dabei für die Menschen hier erreichbar zu sein, eventuell in einem regelmäßigen Thinktank. Die Kultur ist systemrelevant, wenn sie sich mit dem System befasst, dieses reflektiert, diskutiert, beleuchtet oder hinterfragt.

Kultur darf und soll Stellung beziehen zu aktuellen sozialpolitischen Themen. Warum nicht beispielsweise einen Kabarettisten einladen, der sich mit Impfung auseinandersetzt?

Ein weiteres Ziel ist, dass jeder Schüler einmal im Jahr ins Konzert und ins Theater geht. Ein Traum ist eine Kammermusikreihe im Pflugsaal. Hier soll beispielsweise Schumann mit Poetry Slam und Streichquartett mit Videoinstallation kombiniert werden.

Ich freue mich neben internationalen Künstlern auch auf die Zusammenarbeit mit sehr guten regionalen Künstlern, beispielsweise aus der Städtischen Musikschule.

Schlagworte wie Integration, Interkultur und Inklusion wollen wir leben. Durch Kultur haben wir eine Möglichkeit, Menschen jenseits von Sprache und Religion zu verbinden.

Auf welche kulturellen Projekte können sich Lahrer trotz Corona 2021 freuen?

Sobald es möglich ist, werden wir das Parktheater wieder öffnen und für die zugelassene Zahl an Zuschauern spielen. Viele Programmpunkte mussten wegen Corona in die Spielzeiten 2021/22 und 2022/23 verschoben werden.

Die Spielzeit soll im Oktober mit einem Art-Event-Wochenende eröffnet werden. Zusätzlich wollen wir neben einem großen Klassik-Open-Air im Sommer kleinere, niedrigschwellige Surprise-Concerts an öffentlichen Plätzen stattfinden lassen.

Natürlich auch im wunderbaren Stadtpark, aber vielleicht auch auf dem Schutterlindenberg oder in den Weinbergen. Im Stadtmuseum und im römischen Streifenhaus wird es eine große Römerausstellung geben, auch mit musikalischem Begleitprogrammen.

Wann erleben wir die Lahrer Kultur wieder so, wie wir sie lieben?

Hoffentlich, sobald Großteile der Bevölkerung dank Impfung immunisiert sind, und davor mit den vielen Formaten unter Hygieneauflagen, die wir uns überlegt haben. Wir tüfteln beispielsweise gerade an einer Mini-Corona-Oper, in der Zärtlichkeit mit Mindestabstand ausgetauscht wird.

Ich denke, gerade dieses Jahr 2020 hat gezeigt, dass Kultur nicht Ornament dieser Gesellschaft ist, sondern das Fundament, auf dem sie steht. 

Fragen: Annika Schubert

Zur Person

Cornelia Lanz (39) wuchs in Biberach an der Riss auf. Die neue Kulturamtsleiterin studierte Anglistik, Schulmusik und Gesang an der Universität und Musikhochschule Stuttgart, Amerikanistik, Regie und Gesang in New York.

Ihre Karriere als Mezzosopranistin bestritt sie mit Engagements an der Staatsoper Stuttgart, den Landestheatern Thüringen und Schleswig-Holstein sowie in zahlreichen Konzerten, unter anderen in den Philharmonien München und Berlin oder in der Chinaoper in Peking.

  • Bewertung
    2