Lahr "Mich ruft keiner aus Köln an"

Fußballdeutschland diskutiert über das Handspiel in der Bundesliga. Doch wie sieht es in den regionalen Amateurligen aus? Zwei Schiedsrichter aus der Ortenau erklären, wie sie die Regel umsetzen. Und warum sie keine Probleme damit haben.

Hat man in den vergangenen Wochen und Monaten die Berichterstattung der Bundesliga verfolgt, kam man nicht am Thema "Handspiel" und "Handelfmeter" vorbei. Beinahe jeden Spieltag gibt es neuen Gesprächsstoff, eine neue Auslegung der Regel, einen neuen Aufreger eines Trainers oder Spielers. "Das wird verrückt. Das ganze Spiel ist nicht mehr das Spiel, was es sein muss. Das ist kein Fußball mehr", echauffierte sich etwa Christian Streich, Trainer des SC Freiburg. Sein Dortmunder Kollege Lucien Favre sprach nach der Niederlage gegen Schalke vor wenigen Wochen – ein Handelfmeter hatte großen Anteil an der Pleite – gar vom "größten Skandal im Fußball seit Jahren. Der Fußball macht sich lächerlich." Befeuert wird das alles noch nur eine nicht enden wollende Diskussion um den Videobeweis.

In den Amateurligen der Ortenau gibt es jedoch keine großen Diskussionen über das Thema Handspiel. Der Grund dafür liegt in der Auslegung der Regel, die im Regelwerk des DFB nur gut 100 Wörter lang ist. "Die strenge Auslegung der FIFA haben wir bei uns nicht", hat Wilfried Pertschy, Bezirksschiedsrichterobmann des Bezirks Offenburg, eine Erklärung dafür. Denn im Gegensatz zum Profibereich wird im Amateurbereich klar die Grenze zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handspiel gezogen.

Von der FIFA ist zudem noch vorgegeben, dass auch die Armhaltung – also natürlich oder unnatürlich – in die Bewertung einfließt. "Das würden wir nicht verkauft bekommen", sagt Pertschy dazu. Er selbst pfeift bis zur Bezirksliga und unterscheidet klar zwischen Absicht oder nicht. "Und wenn jemand unabsichtlich den Ball mit der Hand spielt, etwa weil er ausrutscht, dann pfeife ich keinen Elfmeter", sagt er. Und das hat einen Grund: "Ein Profi hat seine Bewegungen besser im Griff als ein Amateur" sagt der Bezirksschiedsrichterobmann, also quasi der hiesige "Oberschiedsrichter".

Bandbreite in der Auslegung so gering wie möglich halten

Ähnlich sieht es auch David Schmidt, als Bezirkslehrwart für die Aus- und Weiterbildung der Schiedsrichter in der Ortenau verantwortlich. Das Handspiel sei in der Ausbildung der Unparteiischen ein "großes Themenfeld" und eine der "komplexesten Regeln", erzählt Schmidt, der selbst Spiele bis zur Oberliga pfeift. Das Problem bei der Regel sei, dass sie "viel Spielraum zulässt", sagt er weiter. "Die Regel muss pragmatisch ausgelegt werden. Das bringen wir unseren Schiedsrichtern auch so bei."

Dieser Pragmatismus klingt bei Pertschy dann so: "Geht der Ball durch aktives Zutun an die Hand, ist es Handspiel. Ist es unabsichtlich, dann nicht." Wichtig sei dabei dann auch immer die "Ansicht des Schiedsrichters", so Pertschy weiter. "Aber natürlich versuchen wir bei der Auslegung eine schmale Bandbreite zu haben", sagt er.

Das ist wiederum die Aufgabe des Lehrwarts Schmidt. "Die ein oder andere Rückfrage" käme von den Schiedsrichtern zu diesem Thema sagt er. Er versuche dann, dem Kollegen "praxisnahe Lösungen" mitzugeben. Also Tipps zum Erkennen des Handspiels durch Stellungsspiel. Aber: "Erkennen ist das eine, bewerten das andere. Und das muss nachvollziehbar sein." Und einfach. Denn "Fußball muss Volkssport bleiben", sagt Schmidt. "Beim Handspiel gab es schon immer Proteste, weil oft die Regeln nicht bekannt sind. Viele Leute meinen, die Regel funktioniere analog dem Handball – Fuß ist Fuß, also Hand ist Hand. Das entscheidende Kriterium der Absicht, und die Definitionen von Absicht, sind vielen Sportbegeisterten oft weniger geläufig."

Regel soll immer im Sinne des Fußballs umgesetzt werden

Und genau diese Absicht ist in den Amateurligen das Wichtigste. "Es kann nicht sein, dass jemand für unabsichtliches Handspiel bestraft wird", sagt Pertschy. "Anders können wir die Regel im Sinne des Fußballs auch gar nicht umsetzen", sagt er weiter. Und solange man die Regel konsequent auf beiden Seiten umsetzte, gebe es dann auch keine Probleme, sagt Schmidt.

Einen wichtigen Grund, warum die Schiedsrichter im Amateurbereich keine Probleme beim Handspiel sehen, ist übrigens der Videobeweis. Denn während die Entscheidungen von Profischiedsrichtern aus zahlreichen Perspektiven geprüft werden, ist die Entscheidung in der Bezirks­liga unwiderruflich. "Das ist fast schon ein Vorteil des Amateurfußballs", sagt Schmidt schmunzelnd. "Mich ruft keiner aus Köln an."

  • Bewertung
    0