Lahr OB-Wahl: "Mehr Spannung geht nicht"

Lahr - Wer wird Nachfolger von Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller? Fünf Kandidaten haben bisher ihren Hut in den Ring geworfen und werben derzeit um die Gunst der Wähler. Einer, der schon viele Wahlkämpfe intensiv beobachtet hat, ist Michael Wehner. Er ist Leiter der Freiburger Außenstelle der Landeszentrale für politische Bildung. Mit der Lahrer Zeitung hat er über die bevorstehende OB-Wahl in Lahr gesprochen und sagt, worauf es im Wahlkampf ankommt.

Herr Wehner, wie bewerten Sie das Kandidatenfeld?

Lahr scheint eine interessante und reizvolle Stadt zu sein. Sonst hätten nicht schon fünf Bewerber ihr Interesse am Amt des OBs angemeldet. Zwischen 2016 und 2018 haben sich in Baden-Württemberg bei einer Bürgermeister-Wahl durchschnittlich 2,7 Kandidierende beworben.

Rechnen Sie noch mit einem oder mehreren weiteren Bewerbern?

Noch haben Interessierte ja die Möglichkeit, ihre Bewerbung einzureichen. Eine Last-Minute-Kandidatur ist nicht auszuschließen.

Sind Sie überrascht, dass die AfD keinen Kandidaten gestellt hat?

In Offenburg hat die AfD ja auch recht spät einen Bewerber ins Rennen geschickt. Allerdings werden sich die Parteistrategen ausrechnen können, dass ein AfD-Kandidat keine Aussichten auf einen Wahlsieg haben wird.

Der Amtsinhaber tritt nicht mehr an, was heißt das für die Wahlbeteiligung?

Die Wahl ist ja an Spannung nicht zu überbieten. 2013 wurde der jetzige OB Wolfgang G. Müller als einziger Bewerber zwar mit phänomenalen 99 Prozent wiedergewählt, aber die Wahlbeteiligung war mit 52,7 Prozent nur deshalb so hoch, weil gleichzeitig Bundestagswahlen angesetzt waren. Die durchschnittliche Wahlbeteiligung bei baden-württembergischen Bürgermeisterwahlen liegt im Zeitraum von 2016 bis 2018 bei 52,9 Prozent. Tendenziell ist die Wahlbeteiligung in kleineren Gemeinden aber deutlich höher als in Städten. In einer Stadt mit der Größe von Lahr mit knapp 47 000 Einwohnern lag die Wahlbeteiligung in den Jahren 2016 bis 2018 in Baden-Württemberg nur bei 39,5 Prozent. Insofern wird es schwierig werden, die Wahlbeteiligung von 2013 noch einmal zu steigern. Dass gar die 60-Prozent-Marke geknackt werden könnte, wird wohl eher Wunsch bleiben als Wirklichkeit werden. Aber vielleicht sind die Lahrer Wählerinnen und Wähler ja für eine Überraschung gut.

Worauf wird es Ihrer Meinung nach im Wahlkampf ankommen?

Bürgermeister-Wahlen sind in erster Linie Persönlichkeitswahlen. Erst an zweiter Stelle kommt der Wettstreit um Ideen, Sachfragen und Themenkompetenzen. Die Bürger erwarten sich einen durchsetzungsstarken, entscheidungsfreudigen, aber eben auch kommunikativen Gemeindemanager mit pädagogischen Qualitäten und Moderationsgeschick. Der Bürgermeister sollte "nah bei den Leuten" sein, aber weit genug weg von "Klüngel und Kumpanei". Das richtige Maß von Nähe und Distanz zu finden, ist keine einfache Aufgabe, zumal man im Wahlkampf ja auf Annäherung bedacht ist und sich in der "Schmusephase" mit den Bürgern befindet.

Wie werden sich die Ferien auf den Wahlkampf auswirken?

Ferienzeiten sind keine guten Wahlkampfzeiten, wenn bei jedem zweiten Haustürbesuch kein Bewohner anzutreffen ist oder die Besucherzahlen bei Informationsveranstaltungen zu wünschen übrig lassen. Hiervon sollten sich die Kandidaten nicht entmutigen lassen. Auch wenn Schwimmbäder und Eisdielen keine typischen Wahlkampforte sind, hier sind Wähler an heißen Sommertagen anzutreffen. Und das persönliche Gespräch kann durch noch so viele und gute Instagram-Postings oder Twitter-Feeds nicht ersetzt werden. Allerdings erhöht die Präsenz der Kandidierenden in den sozialen Medien die Zahl an Kontakten, die Transparenz der Wahlkampfführung und bietet die Chance, niederschwellig wichtige Inhalte und Themen zu platzieren. Im Jahr 2019 kann sich kein Kandidat mehr den sozialen Medien verweigern. Auch hier ist die Gratwanderung zwischen sehr persönlichen Bildern, emotionalen Botschaften und seriöser Information keine ganz einfache.

Welche Rolle kann der Kandidat-O-Mat in der Entscheidungsfindung der Wähler spielen?

Der Kandidat-O-Mat ist ein wichtiges spielerisches Informationsangebot von der Landeszentrale für politische Bildung, der Lahrer Zeitung und der Badischen Zeitung. Auf kommunaler Ebene bietet bislang kein anderes Tool einen ähnlich einfachen, guten und ausgewogenen Überblick über die Positionen der verschiedenen Bewerber. Mit Hilfe der etwa 30 Thesen werden die Kandidierenden unterscheidbar und ich kann die mir wichtigen Positionen mit denen der Bewerber vergleichen. Die Begleitforschungen belegen, dass diese Angebote zu 85 Prozent den Nutzern Spaß machen. Und mehr als die Hälfte der Nutzer fühlt sich zu weiterer politischer Information motiviert.

Gibt es Ihrer Einschätzung nach einen Favoriten?

Das Spannende an Wahlen ist ja, das sie meist einen sehr offenen Ausgang haben. Das macht sie ja auch für die Demokratie so wertvoll. Auch aus Respekt vor den Wählern verbietet sich eine Einschätzung. Bei diesem Bewerberfeld zeichnet sich allerdings ab, dass es einen zweiten Wahlgang geben wird, in dem ja die einfache Mehrheit der Stimmen reicht. Die Bürger Lahrs haben es am 22. September oder bei einem sogenannten zweiten Wahlgang – de facto ist es ja eine Neuwahl – in der Hand, wem sie für die nächsten acht Jahre die Geschicke der Stadt Lahr anvertrauen wollen. Deshalb: Gehen Sie bitte alle zur Oberbürgermeister-Wahl, Sie haben voraussichtlich erst im Jahr 2027 die nächste Gelegenheit dazu.  Fragen von Felix Gieger

  • Bewertung
    3