Lahr Mediensucht bereitet große Sorgen

Die Corona-Pandemie hat laut Psychologe Fritz Gaiser das Problem der Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen noch verstärkt. Die Folgen seien noch nicht absehbar. Foto: Vichra

Lahr - Was macht Corona mit uns Menschen? Diese Fragen stellen sich viele Experten und können sie doch noch nicht beantworten. Etwaige Langzeitfolgen sind erst in einigen Jahren feststellbar. Das Virus betrifft dabei alle. Senioren, Erwachsene und auch Kinder und Jugendliche.

Letztere müssen mit den Einschränkungen und fehlenden Freizeitmöglichkeiten umgehen, zeitgleich aber in der Schule funktionieren. Dass das nicht einfach ist, weiß auch der Lahrer Psychologe Fritz Gaiser. Er hat seit 21 Jahren seine Praxis im Waldpotenhaus und weiß von seinen jungen Patienten hautnah, was die Pandemie mit ihnen macht.

Herr Gaiser, wie viele Patienten haben sie derzeit im Vergleich zu vor der Pandemie?

Insgesamt habe ich fast wieder ›normale‹ Umstände. Nach dem ersten Lockdown hatte ich auf einen Schlag etwa ein Drittel weniger Patienten. Das hat sich jetzt wieder einigermaßen normalisiert. Aktuell sind rund 50 bei mir in Behandlung.

Bemerken sie bei den etwa 50 schon bestimmte Krankheitsbilder, die zugenommen haben?

Definitiv. Grundsätzlich beobachtet der Fachbereich Psychologie drei Krankheitsbilder beziehungsweise Belastungsmerkmale bei jungen Patienten, die zugenommen haben: Ängste, Depressionen und Mediensucht sowie allgemeine Stresssymptome wie Gereiztheit, Genervtheit und Aggressionen.

Lässt sich das auch anhand von Zahlen festmachen?

Ja, eindeutig. Vor Corona hatten etwa fünf Prozent meiner Patienten irgendeine Form von Ängsten, jetzt sind es 19 Prozent. Die Zahl von Depressionen ist in meiner Praxis von vier auf 20 Prozent hochgegangen.

Wie schwer war für junge Menschen die Zeit bisher?

Die Probleme der jungen Menschen haben sich über das Jahr angestaut. Nach dem ersten Lockdown ging für die Schüler wieder für ein paar Wochen der Alltag los – bis zu den Sommerferien. Ein richtiges Zusammenkommen hat da gefehlt. Vor allem liebgewonnene Brauchtümer wie Karneval und Martinsumzüge, Weihnachtsmärkte und Halloween-Veranstaltungen fehlen.

Stichwort Ängste. Vor was haben junge Menschen denn konkret Angst?

Das kann ganz unterschiedlich sein. Viele machen sich etwa Sorgen um ihre Großeltern. Es sind eher wenige, die um sich selbst Angst haben. Zudem konnten und können sie die Schutzmaßnahmen nicht nachvollziehen, warum jetzt etwa so ein Lockdown verordnet worden ist. Etwa das Schließen der Spielplätze. Es ist so eine undefinierbare Angst, die man auch nicht sieht.

Wie behandeln sie die Kinder?

Egal bei welcher Krankheit versuche ich immer kindgerecht zu erklären, was ihr Problem ist respektive warum sie jetzt bei mir sind. Das kann man auch schon mit Vier- und Fünfjährigen machen, die Ängste haben.

Den sage ich dann auch, dass ich selbst Ängste habe. Ich versuche das Kind ernst zu nehmen, mich in es hineinzuversetzen und nachzuvollziehen, was die Probleme zur Folge haben.

Wie äußern sich Depressionen bei Kindern?

Meistens mit Ängsten. Sie ziehen sich zurück, sind lust- und antriebslos. Sie entwickeln oftmals auch Schlafstörungen oder es fehlt ihnen an Fantasie und Selbstvertrauen.

Ist das Krankheitsbild von jungen Menschen vergleichbar mit Erwachsenen?

Ähnlich: Bei Kindern und Jugendliche treten sie altersabhängig unterschiedlich auf und äußern sich über Traurigsein, Spielunlust, Schlafstörung, mangelnde Fähigkeit sich auf etwas zu freuen, Leistung- und Konzentrationsstörung, Appetitlosigkeit, vermindertes Selbstvertrauen bis hin zu suizidalen Gedanken. Es fehlt ihnen plötzlich ein Lebenssinn.

Trotz fehlender Sportangebote und Freizeitmöglichkeiten: Was können Kinder in der Pandemie-Zeit zu Hause machen?

Ich sage den Eltern, dass sie rausgehen sollen. Spazieren oder Fahrrad fahren. Wichtig ist, dass das Kind Bewegung hat. Der Kopf muss frei werden. Raus in die Natur, damit nicht der ständige Eindruck da ist, man sei eingesperrt. Einige Kinder brauchen auch ein Ventil, sonst schlägt das in Gewalt um.

Wie können Kinder und Jugendliche ihre Aggressionen derzeit abbauen?

Das sind meistens Kleinigkeiten, mit denen man das in den Griff bekommen kann. Beispielsweise einfach 40 bis 50 Liegestützen machen. Oder rausgehen und einen Dauerlauf machen. Die Möglichkeiten sind schon da. Sie wurden einfach jahrelang nicht ausgeschöpft.

Muss man sein Kind zu Hause ständig bespaßen?

Nein. Man sollte dem Kind auch die Zeit geben, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Etwa Lesen, Basteln oder auch Malen. Man muss die Kinder auch an andere Sachen heranführen.

Die Eltern müssen es dem Kind vormachen und auch mitmachen. Dann springt es da auch auf. Das braucht gar nicht so lang sein. Eine halbe oder ganze Stunde am Tag genügt schon.

Das Kind ist dann auch in der Lage, selbstständig Ideen zu entwickeln. Ich empfehle meinen Patienten auch regelmäßig, wenn sie aus der Schule kommen, einfach 15 Minuten inne zu halten. Den Tag Revue passieren lassen. Sich einen Plan zu machen, wie man den Tag weiter angehen möchte. Ganz ohne digitale Medien.

Wie stark ist der Einfluss digitaler Medien zurzeit?

Die Mediennutzungszeit war vor der Pandemie schon bei vielen, vor allem männlichen Jugendlichen, sehr hoch. Heutzutage greifen die jungen Menschen aufgrund von Langeweile viel schneller zu den digitalen Medien als früher.

Untersuchungen haben etwa gezeigt, dass die reine Spielzeit mit digitalen Medien vor Corona 80 Minuten pro Tag betrug. Die sind jetzt auf 150 Minuten hochgegangen. Die gesamte Online-Medienutzungszeit hat sich von drei Stunden 15 Minuten auf fünf Stunden und 32 Minuten mehr als verdoppelt.

Neben Langeweile werden als Hauptgründe von Kindern und Jugendlichen auch Realitätsflucht, Stressabbau, Vergessen von Sorgen und die Abreaktion von Wut für ihren vermehrten Mediengebrauch genannt.

Was sind mögliche Folgeschäden?

Übergewicht, Diabetes und Bewegungsmangel. Auch werden hier Grundsteine für spätere Suchtbiografien gelegt. Es ist aber noch reversibel.

Wie sollte man sich mit Kindern und Jugendlichen mit dem Thema Coronavirus auseinandersetzen?

Da sind Eltern und vor allem auch die Schule gefordert. Solche übergreifenden Themen sollte man im Unterricht regelmäßig behandeln, um so die Befindlichkeit der Schüler abzufragen und sich gegenseitig auszutauschen.

Wird sich durch die Pandemie etwas in unserer Gesellschaft ändern?

Ja, ich denke schon. Die Wahrnehmung ist jetzt bereits eine andere. Auch stellt sich die Frage, wie gehen Kinder und Jugendliche gerade in Lockdownzeiten mit der gewonnen Freizeit versus der Langeweile um?

Der Lockdown bietet die Möglichkeit, mal wieder inne zu halten und sich wieder mehr auf die inneren Werte zu besinnen. 

Der 68 Jahre alte Fritz Gaiser studierte Psychologie an der Freiburger Universität sowie Sozialpädagogik an der dortigen Hochschule. Obendrein absolvierte er eine fünfjährige psychotherapeutische Ausbildung. Seit 1999 ist er in seiner Praxis im Lahrer Waldpotenhaus tätig.

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