Lahr Konzepte gegen die Austritte

Herbert Schabel
Im Mai 2020 starteten die Kirchen in der Region – hier St. Peter und Paul in Lahr – wieder mit Präsenzgottesdiensten. Wegen der Abstandsgebote blieben viele Plätze leer. Archivfoto: Baublies Foto: Lahrer Zeitung

Glaube: Wie die evangelische und katholische Kirche in Lahr um Mitglieder kämpfen

Die katholische und die evangelische Kirche leiden unter Mitgliederschwund. Seit Jahren hält dieser Trend in Lahr an. Woran liegt das – und was setzen die Kirchen dem entgegen? Wir haben uns umgehört.

Lahr - Die Entscheidung zum Austritt hat bisweilen mit dem Lohnzettel zu tun, weiß der katholische Dekan Johannes Mette. Wer austritt, erhält von ihm einen Brief mit der Bitte, den Grund zu nennen. Die Kirchensteuer werde dabei manchmal erwähnt, "andere sagen, sie glauben nicht an Gott und finden es ehrlicher, das auch amtlich zu besiegeln", so Mette.

Wieder andere würden ausdrücklich betonen, dass sie weiter gläubig sind, aber mit der Kirche nichts mehr anfangen könnten, "auch mit der Lehre oder mit ethischen Regeln oder wegen fehlender Gleichberechtigung oder aufgrund der Missbrauchsskandale", gibt Mette Rückmeldungen wieder.

Inzwischen sind nur noch rund 14 700 Lahrer Mitglieder der evangelischen Kirche, während 13 600 Einwohner der katholischen Kirche zuzuordnen sind. Den größten Bevölkerungsanteil bilden die etwa 19 000 Lahrer ohne Zugehörigkeit zu einer öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaft, wie die Statistik des Standesamts zeigt.

Wer die Kurve der Kirchenaustritte betrachtet, dem fällt auf, dass die Entwicklung bei beiden Kirchen ähnlich verläuft (siehe Grafik), für Mette ein Anzeichen für tieferliegende Ursachen: "Da ja beide Konfessionen ähnlich stark betroffen sind, glaube ich, dass prinzipiell die Beheimatung in Kirche und Glaube bei vielen nicht mehr gegeben ist und sie ab einem gewissen Zeitpunkt dies mit dem Austritt quasi besiegeln." Mette konstatiert: "Kirchenaustritte gab es immer schon, aber die seit einiger Zeit hohen Zahlen schmerzen."

Kirchensteuer einer der Austrittsgründe

Auch der evangelische Dekan Rainer Becker verweist auf die Kirchensteuer, die ihm als ein Austrittsgrund genannt werde. Außerdem würden sich schlechte Nachrichten aus den Kirchen auswirken, "wobei die Menschen leider nicht zwischen den Konfessionen differenzieren", wie er festgestellt hat. "Manche sind sauer auf den Papst und treten dann aus der evangelischen Kirche aus", verdeutlicht Becker.

Auch Nachrichten wie die Kündigung einer Erzieherin in einem Friesenheimer Kindergarten durch die katholische Kirche führten zu Enttäuschungen, die in einen Austritt münden könnten. Doch Becker betont, dass er "nicht mit dem Finger auf die Geschwisterreligion zeigen" wolle. "In der evangelischen Kirche gibt’s auch Probleme."

Darüber hinaus sieht er tieferliegende Ursachen, die er unter dem Begriff "Traditionsabbruch" zusammenfasst: Früher hätten Eltern und Großeltern ihre Kinder und Enkel in die Kirche mitgenommen. Das sei heute vielfach nicht mehr so.

Was tut die evangelische Kirche in Lahr, damit die Menschen bei ihr bleiben? "Sehr viel", hebt Becker hervor, "wir sind sehr gut aufgestellt." Der Dekan spricht über die Seelsorge in der Kirche und weitergehende Beratungsangebote des Diakonischen Werks. Man leiste tätige Nächstenliebe, etwa in der Lahrer Tafel oder im Café Löffel.

Die evangelische Kirche gehe zu den Menschen, betreibe Seelsorge im Europa-Park, dem Nationalpark und den Vogtsbauernhöfen.

In den Kindertagesstätten sei man präsent, "auch im Religionsunterricht sind wir sehr gut aufgestellt", so Becker. Außerdem habe die Pandemie zu einem "Innovationsschub" geführt, neue digitale Formate seien entwickelt worden, aber auch neue Gottesdienstformen.

So habe man jetzt Extra-Gottesdienste für Taufen in kleinem Rahmen oder Konfirmations-Gottesdienste für nur zwei Konfirmanden, des Abstandsgebots wegen. Diese Angebote seien "aus der Not geboren", würden bei den Menschen aber sehr gut ankommen. Was die evangelische Kirche in Lahr leistet, sei ausgezeichnet, betont Becker.

Was macht die katholische Kirche gegen die Austritte? "Wir können natürlich nicht einen Trend einfach umkehren", erwidert Dekan Mette. Aber wenn die Akteure vor Ort als glaubwürdig, engagiert und ehrlich erfahren würden, sei das ein wichtiger Beitrag, um Vertrauen zu festigen.

Kirche will neue Mitglieder gewinnen

"Ich glaube, es ist für eine Kirchengemeinde wichtig, nicht nur Austritte zu verhindern, sondern vor allem neue Menschen für den Glauben und die Gemeinde gewinnen zu wollen", so Mette. Ab und zu würde er auch Menschen in die Kirche wiederaufnehmen, obwohl das im Vergleich zu den hohen Austrittszahlen Einzelfälle seien.

"Mir ist es wichtig, die Kirchensteuer als einen Solidarbeitrag herauszustellen, mit dem nicht nur Personen in der Pfarrseelsorge oder die nötige Verwaltung bezahlt werden, sondern die ein wichtiger Beitrag zur Finanzierung unter anderem von Caritas, Sozialstationen, Kindergärten und dem Kinder- und Jugendhilfebereich darstellen", so Mette.

In vielen sozialen Bereichen würden Staat und Kirchen gemeinsam den laufenden Betrieb finanzieren. "Würde die Kirchensteuer wegbrechen, hätten auch Länder und Kommunen ein massives Problem", betont Mette. "Wir vor Ort versuchen, sowohl als Dienstleister als auch durch die Gestaltung der Gottesdienste den Menschen zu helfen und ihnen dadurch die frohe Botschaft glaubwürdig zu verkünden", betont er.

Info

In Lahr treten pro Jahr rund 250 Menschen aus der evangelischen oder katholischen Kirche aus – dieser Wert ist seit 2013 recht konstant. Einen traurigen Höchststand bei den Austritten gab es 2019, als insgesamt 332 Lahrer den beiden christlichen Kirchen den Rücken kehrten. Im Vorjahr gingen die Zahlen etwas zurück, blieben aber auf hohem Niveau.