Lahr "Kleine Kliniken müssen sich ändern"

Ortenau - Um hochwertige medizinische Versorgung dauerhaft zu gewährleisten, sind bei Kliniken und Hausärzten neue Strukturen nötig. In der Ortenau stehen dafür die Chancen besonders gut, sagt der baden-württembergische AOK-Chef Christopher Hermann.

 

Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, und Wolfgang Schweizer, Geschäftsführer der AOK Südlicher Oberrhein, beleuchteten in einem Gespräch mit unserer Zeitung aktuelle Trends und Entwicklungen im Gesundheitswesen.

> Neue Klinik-Strukturen: Vor allem die medizinische Entwicklung mache neue Strukturen im Bereich der Krankenhäuser notwendig, ist sich Hermann sicher: "Die Spezialisierung und die Qualitätsorientierung schaffen heute ganz andere Anforderungen, aber eben auch andere Möglichkeiten als vor Jahren. Deshalb können wir nicht mehr in Kleinstrukturen arbeiten", sagt der AOK-Chef. Folglich müsse sich viel ändern, sei der Umbruch auch in der Ortenau groß. "Hier werden Entscheidungen für die nächsten zehn oder 20 Jahre gefällt oder vorbereitet, deswegen müssen die auch fundiert sein."

Mit den derzeitigen Strukturen sei das dauerhaft nicht zu machen. Möglichkeiten der modernen Medizin könnten in einem kleinen Krankenhaus nicht umgesetzt werden. Das scheitere schon am Personal – sowohl mit Blick auf Ärzte als auch Pflegegkräfte. Die Versorgung auf höchstem Qualtitätsniveau müsse deshalb an Orten konzentriert werden, an denen diese auch möglich sei, so Hermann – wo eingespielte Teams aus verschiedenen medizinischen Bereichen routiniert zusammenarbeiten könnten.

> Kein Zentralkrankenhaus: Kleine Krankenhäuser dürften aber nicht verschwinden, die Entfernungen nicht zu groß werden, betont der AOK-Chef. Das gelte gerade im riesigen Ortenaukreis. "Es wäre schwierig, eine stationäre Versorgung auf Offenburg zu konzentrieren", so Hermann. Im Ortenaukreis gebe es nur einen Träger für viele Klinikstandorte. "Das ist ein absoluter Glücksfall", so Geschäftsführer Wolfgang Schweizer vom hiesigen AOK-Bezirk mit Blick auf die Umstrukturierung. "Hier geht es weniger darum, wer setzt sich gegen wen durch." Vielmehr gebe es die Chance, an den Standorten verschiedene Schwerpunkte zu bilden. Es schließe sich nicht gegenseitig aus, Akutkrankenhäuser in Lahr und Offenburg zu erhalten, gleichzeitig aber auch Aufgaben etwa in Ettenheim anzusiedeln, so Schweizer.

> Digitalisierung hilft: Neue Technik mache es laut Hermann möglich, den Zustand von Patienten aus der Ferne einzuschätzen. Mit Analysen und Messergebnissen, die digital von Klinik A zum Facharzt in Klinik B weitergeleitet werden, könne der Arzt "den Patienten sehen, obwohl er nicht vor ihm steht".

> Tele-Doktor berät: Ein Baustein der medizinischen Zukunft sei Beratung per Internet oder Telefon, sagt der AOK-Chef. "Statt anderthalb Stunden im Wartezimmer zu sitzen, können Patienten ihre Fragen telefonisch stellen." Bei manchen Anliegen würde das genügen.

> Neue Ärzte-Modelle: Einerseits gebe es so viele Ärzte in Deutschland wie noch nie. Andererseits würden vielerorts Hausärzte fehlen, weiß der Landes-Chef der AOK. Da gelte es, neue Modelle zu versuchen, um die Löcher zu stopfen. Gemeinschaftspraxen könnten eine Lösung sein, um verwaiste Orte wieder mit Medizinern zu versorgen. Zu berücksichtigen sei auch, dass die nun neu beginnende Generation von Ärzten oft eine andere Einstellung zum Beruf habe als die klassischen Hausärzte vom alten Schlag. Viele junge Mediziner wollten nicht 70, 80 Stunden pro Woche arbeiten und ständig erreichbar sein. Gerade auch junge Ärztinnen hätten eine andere Lebensplanung. Die AOK am Südlichen Oberrhein versuche, mit konkreten Aktionen interessierte Ärzte für Praxen zu gewinnen. Etwa durch ganz gezielte Besuche bei Arztkollegen. So würden die Nachwuchskräfte direkt erfahren, was sie am Standort xy erwarte. Mehr Psycho-Krankheiten: Auch bei den AOK-Versicherten sei erkennbar, dass immer mehr Menschen an psychischen Erkrankungen leiden würden. Krebs, Rückenbeschwerden und Hepatitis C seien weitere Krankheitsbilder, die massiv zu Buche schlagen würden.

> Wünsche an Berlin: Der AOK-Vorstandsvorsitzende Hermann hat einen klaren Wunssch an die künftige Regierung in Berlin: "Bitte alles weniger zentralistisch regeln und lieber den Beetroffenen vor Ort regional mehr Kompetenzen einräumen!"

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