Lahr Ist eine Corona-Statistik die Lösung?

Wie und wo verbreitet sich das Virus in der Stadt? Roland Hirsch will’s genau wissen. Er schlägt eine detaillierte Erfassung der Erkrankten vor. Foto: Hagen

Lahr - Das hohe Infektionsgeschehen im Ortenaukreis und speziell in Lahr bleibt ein Rätsel. Die Antworten der Behörden haben die Öffentlichkeit nur bedingt zufriedengestellt. Nun wird die Forderung nach einer detaillierten Corona-Statistik laut.

"Es bleiben nach wie vor etliche Fragen offen", sagt Roland Hirsch im Gespräch mit der LZ. Der SPD-Sprecher im Lahrer Gemeinderat hatte –­"stellvertretend für viele, viele Bürger" –­ vergangene Woche einen offenen Brief an OB Markus Ibert geschickt, um sich erklären zu lassen, was scheinbar nicht zu erklären ist: warum Lahr kreisintern seit Wochen den traurigen Spitzenplatz bei den Neuinfektionen inne hat.

Von den – Stand Dienstag – 11.880 bislang bekannten Corona-Fällen im Ortenaukreis entfallen 1717 auf Lahr, der Abstand zu Offenburg (1827 Fälle), das rund 14.000 Einwohner mehr hat, schmilzt zusehends.

Der Tenor aus dem Rathaus: Der Kontakt mit dem Gesundheitsamt ist eng, die Einhaltung der Regeln wird überwacht, wie die verhältnismäßig hohen Zahlen zustande kommen, ist unklar. Hirschs Resümee zur Antwort auf seine Anfrage: "Unbefriedigend."

Schuldzuweisungen macht der pensionierte Kriminalhauptkommissar aber bewusst nicht: "Ich bin überzeugt, dass das Rathaus und speziell der Kommunale Ordnungsdienst tut, was möglich ist, um Herr der Lage zu werden." Mehr sei "unter den aktuellen Voraussetzungen vielleicht einfach nicht drin".

Für diese These spricht, dass man eine Stufe darüber ebenfalls im Trüben stochert. Was Lahr im Ortenaukreis ist, ist der Ortenaukreis in Baden-Württemberg. Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen pro 100 .000 Einwohner und Woche, liegt nach wie vor deutlich über dem Schnitt. Am Mittwochabend wurde für die Ortenau ein Wert von 119,3 gemeldet – Platz zwei hinter Heilbronn (155,6). Landesweit lag die Inzidenz bei 66,9.

Wie berichtet, vermutet Landrat Frank Scherer als Grund für die hohen Zahlen die vielen Tests, die in der Ortenau Tag für Tag gemacht würden. Ein Erklärungsansatz, der Hirsch nicht zu überzeugen vermag. Vor allem weil die Verantwortlichen einräumen, gar nicht zu wissen, wie viele Abstriche hier und andernorts tatsächlich genommen werden.

Zudem sagt Hirsch: "Wer krank ist, ist krank, dass wir das erfahren, ist doch das Mindeste." Der 70-Jährige sieht sowohl aus Kreis- als auch auf Stadtebene "eine gewisse Hilflosigkeit" im Kampf gegen die Pandemie – und vermisst einen Plan, diesen am Ende zu gewinnen. Sein Vorschlag: eine "detaillierte Statistik", um zu ergründen, wie und wo sich das Virus ausbreitet.

OB will regelmäßig über Entwicklung informieren

"Soweit es das Persönlichkeitsrecht zulässt, sollte genau erfasst werden, welche Bevölkerungsgruppen, welche Lebensbereiche am stärksten betroffen sind." Hirsch betont, dass es ihm "in keinster Weise darum geht, irgendjemanden an den Pranger zu stellen, sondern darum, Erkenntnisse zu erhalten, um gezielt gegensteuern zu können". Hirsch sieht das Land in der Verantwortung: "Es sollten einheitliche Erfassungsparameter für alle Kreise geschaffen werden, um eine Vergleichbarkeit herzustellen."

OB Ibert hatte in seiner Antwort auf Hirschs offenen Brief einmal mehr an die Bevölkerung appelliert, diszipliniert zu bleiben und sich an die geltenden Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen zu halten. Für den Fragesteller "unabdingbar und absolut richtig".

Dass es ausreicht, um die Zahlen nachhaltig zu senken, glaubt Hirsch indes nicht. "Ein Beispiel: Lahr ist eine Multi-Kulti-Stadt, möglicherweise dringen wichtige Infos nicht zu allen Menschen mit Migrationshintergrund durch." Auch manche Jugendliche bräuchten "eine spezielle, klarere Ansprache".

Die Lahrer Rathausspitze habe ihm und den anderen Stadträten zugesagt, künftig regelmäßig über die aktuellen Entwicklungen zu informieren. Für Hirsch ein "wichtiger Schritt". Denn: "In diesen Zeiten sind Transparenz und Offenheit unabdingbar, nicht zuletzt, um Corona-Verharmlosern den Nährboden zu entziehen."

Amt: Heime vor Mutante schützen

Das Gesundheitsamt und die Heimaufsicht des Ortenaukreises riefen am Mittwoch dazu auf, "auf nicht notwendige Besuche in stationären Pflegeheimen zu verzichten". Grund ist die britische Variante des Coronavirus, die bis zu sechsmal ansteckender gilt als die Ursprungsvariante und auch im Ortenaukreis bereits mehrfach nachgewiesen wurde.

Zwar gebe es bisher keine Hinweise darauf, dass die Mutante schwerere Krankheitsverläufe verursacht. Dennoch gelte es, Heimbewohner besonders zu schützen, weil sie wegen ihres Alters, Grunderkrankungen oder eingeschränkter Mobilität anfälliger für Infektionen seien, so die Mitteilung. "Wir möchten eine vollkommene und flächendeckende Schließung von stationären Einrichtungen und generelle Besuchsverbote unbedingt vermeiden.

Dafür bedarf es jetzt aber einer besonderen Disziplin der Besucher. Jeder muss für sich auch im Sinne der Gemeinschaft prüfen, ob ein Besuch momentan dringend notwendig ist", sagt die Leiterin des Gesundheitsamts, Evelyn Bressau. Besuche sollten nur noch aus wichtigen Gründen stattfinden, etwa zur Sterbebegleitung oder bei schwer demenzkranken Menschen.

Bressau lobt ausdrücklich die Pflegeheime: "Die Einrichtungen im Ortenaukreis leisten vorbildliche Arbeit und tun alles in ihrer Macht stehende, damit sich das Virus in ihren Häusern nicht verbreitet­." Es komme aber immer wieder vor, dass das Virus von außen hineingetragen werde.

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