Lahr "Ich wusste, dass ich sie töten würde"

Vor dem Gasthaus, in dem die Tragödie sich ereignete, haben zahlreiche Menschen Kerzen abgelegt. Auf einer weißen Kerze (links) steht groß "Warum?" geschrieben. Foto: Braun

Lahr/Ellwangen - Für Adrian S., so schreibt er, hatte es nur einen Weg gegeben: Seine Mutter zu töten. So steht es in einen Erklärungsschreiben, das am vierten Prozesstag verlesen wurde. Die Vorwürfe des 27-Jährigen gegenüber den Lahrer Ärzten erwiesen sich als haltlos. Jede einzelne Sekunde seines Lebens, so steht es in einem handschriftlichen, dreiseitigen Erklärungsschreiben von Adrian S., "war eine Höllenqual in den Händen dieses Dämons". Geschrieben hat der 27-Jährige, der sich im Landgericht Ellwangen wegen sechsfachen Mordes an seinen Eltern, seinen Geschwistern und Tante und Onkel verantworten muss, diesen Brief am 29. Dezember 2019, dem Todestag seiner Oma.

An jenem Tag war klar, dass die verstreut in Lahr und in Rot am See lebende Familie zur Beerdigung der Großmutter zusammenkommen werde. Und das wäre die Gelegenheit, auf die Adrian S. eigenen Angaben zufolge schon so lange gewartet hatte – um die Mutter, die Schwester, den Vater zu töten.

Sein Testament sollte jenes Schreiben sein, hat der Angeklagte vor Gericht ausgesagt. Am Dienstag wurde die Erklärung verlesen. Sie dokumentiert die hasserfüllte Wahnwelt, in die er sich seit Jahren vergraben hat. Adrian S. nennt seine Mutter darin nur "Es", sie ist für ihn der Inbegriff des Bösen. "Ich wusste, dass ich es töten würde, seit ich mit 17 Jahren im Krankenhaus lag", wo die Ärzte angeblich eine "Vergiftung" mit synthetischen weiblichen Östrogenen festgestellt hätten.

Seine Mutter bezeichnet er in seinem Schreiben nur als "Es"

Weiter schreibt er: "Es hat alles gehasst, was einen Penis hatte" und "versucht mir einzureden, dass es mich liebt". Doch noch nicht einmal als Kind sei er davon überzeugt gewesen. Im Gegenteil: "Es war seine größte Freude im Leben, mich leiden zu sehen." Weil das in der herrschenden "Matriarchie" vollkommen akzeptabel sei, solange man eine Frau sei, so schreibt er, gebe es nur einen Weg. "Man kann das Böse nur aufhalten, indem man es tötet – und seine Diener mit ihm."

Die Diener, das sollen die Schwester gewesen sein, die ihm nicht geholfen habe, und der Vater, der der Mutter hörig gewesen sein soll. Der Bruder, die Tante und deren Mann habe er nie vorgehabt zu erschießen. Sie kamen ihm aber an jenem 24. Januar einfach in den Weg. "Ich verstehe das nicht, die gingen alle auf die Schüsse zu", sagte er am Abend dieses Tages in seiner ersten Vernehmung durch die Kriminalpolizei. Schwer atmend, aber klar, strukturiert und ohne zu beschönigen erklärte er den Beamten, was er wie geplant und getan hat.

Warum? "20 Jahre Kindesmisshandlung", sagte er, immer wieder: bei seinem Notruf, als er selbst die Polizei verständigte, bei seiner Vernehmung, auch vor dem Haftrichter. "Es ist nicht zu leugnen, dass meine Mutter mich vergiftet hat", das betonte Adrian S. auch vor Gericht.

Und zwar mit Ethinylestradiol, einem synthetischen Östrogen, wie es etwa in der Antibabypille enthalten ist. Ärzte der Lahrer Ortenau-Klinik hätten das im Mai 2012 auch festgestellt.

Lahrer Ärzte schließen Bluttests auf Östrogen aus

Dort war Adrian S. vom Notarzt eingeliefert worden, weil er so stark Migräne hatte, dass er unter Sprachstörungen litt. Doch der 71-jährige Neurologie-Professor Volker Schuchardt, seinerzeit Chefarzt der Neurologiestation in der Ortenau-Klinik, schloss am Dienstag vor Gericht rundweg aus, dass das Blut des Migränepatienten auf Östrogene getestet worden ist. "Wir untersuchen auf dieses Hormon nie. Wir haben das mit Sicherheit nicht gemacht", erklärte er. Zwei seiner Kollegen, die S. damals untersucht hatten, bestätigten dies. Das sei schlichtweg abwegig – "Blödsinn", wie es der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg formuliert.

Schuchardt schloss auch aus, dass die Akte manipuliert worden sei, wie es der Angeklagte ebenfalls ausgesagt hat: Seine Mutter, die in der Klinik ihre Hebammenausbildung gemacht hatte, habe über Freunde die "Beweise" für seine "Vergiftung" verschwinden lassen. An der Stelle hakte Adrian S., der dem vierten Verhandlungstag ansonsten aufmerksam, aber zurückhaltend und häufig mit gesenktem Kopf folgte, gleich mehrfach nach.

Am Mittwoch soll der forensische Psychiater Peter Winckler zur Schuldfähigkeit des Angeklagten angehört werden. Das Urteil wird für Freitag erwartet.

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