Lahr "Ich schoss auf alles, was sich bewegte"

Unter einer Jacke versteckt begegnet der Angeklagte dem großen Aufgebot an Kameras. Dem einstigen Lahrer wird sechsfacher Mord vorgeworfen.Fotos: Braun Foto: Lahrer Zeitung

Ellwangen/Rot  am  See. "Ich habe auf alles geschossen, was sich bewegt hat", sagt der junge Mann mit fester Stimme, als er vor dem Ellwanger Landgericht schildert, was sich am 24. Januar in Rot am See (Kreis Schwäbisch Hall) im Norden von Baden-Württemberg zugetragen haben soll – an jenem Tag, als bei einem Familiendrama sechs Menschen erschossen und zwei weitere lebensgefährlich verletzt werden. In einem blutigen Kugelhagel mit 30 Schüssen, der einem Massaker gleichkommt, mutmaßlich begangen von Adrian S., der in Lahr im Ortenaukreis aufgewachsen ist.

Die Tat geschah in einem Gasthaus, wo der junge Mann bei seinem Vater lebte. Dort traf sich die Familie aus Anlass eines Todesfalls. Eine gute Gelegenheit, seine seit Jahren geschmiedeten Mordpläne an der Mutter umzusetzen, sagte der Angeklagte im Prozess. Er habe zuletzt nur wenig Kontakt zu ihr gehabt.

Seine Mutter soll versucht haben, ihn über Jahre konsequent mit Hormonen zu vergiften

Eine komplizierte Geschichte blättert sich da auf, an diesem Montagmorgen im großen Gerichtssaal, voll besetzt mit Pressevertretern aus der ganzen Republik. Eine Geschichte, die sich um das Leben eines jungen Mannes dreht, der eine ganze Familie in den Tod gerissen haben soll, weil er der festen Überzeugung war und offenkundig noch immer ist, von seiner Mutter mit Hormonen vergiftet worden zu sein.

Als der Prozess beginnt, wird der Angeklagte mit einer Jacke über dem Kopf in den Saal geführt. Keiner soll ihn erkennen, niemand Fotos oder Aufnahmen von ihm machen. Erst, als die Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen haben und die Verhandlung offiziell startet, legt er seine Jacke ab. Hervor kommen ein langhaariger Wuschelkopf und ein jungenhaftes Gesicht mit Metallgestell-Brille. Adrian S. blickt nach unten, fast die ganze Verhandlung über, auch während er spricht. Die Hände gefaltet, kaum Blickkontakt zu anderen. Schon gar nicht zu seinen Verwandten, die ihm als Nebenkläger im Saal gegenübersitzen. Verwandte, die das Blutbad teils miterlebt und überlebt haben.

Quälend lange Minuten listet die Staatsanwaltschaft in der Anklage auf, wer in Rot am See alles zu Tode kam – und durch welche Verletzungen. Man erträgt die Schilderungen kaum. Später wird man erfahren, dass der Täter mit spezieller Munition geschossen hat. Eine Munition, die größtmögliche Schäden anrichtet. Die Opfer wurden fast alle ganz gezielt erschossen. Das waren geradezu Hinrichtungen, oft aufgesetzte Kopfschüsse, entnimmt man den Schilderungen, die Adrian S. nahezu so regungslos und kaltblütig von sich gibt, dass es die Zuhörer im Saal schaudert. Tot sind am Ende seine Mutter, sein Vater, seine Halbschwester und der Halbbruder aus erster Ehe der Mutter sowie eine Tante und ein Onkel. Sechsfacher Mord lautet die Anklage. Zwei weitere Mordversuche kommen hinzu.

Er redet, der Angeklagte. Der Vorsitzende Richter braucht ihn kaum zu ermutigen, über sich und die mutmaßlichen Taten zu sprechen. Der 27-Jährige plaudert wie ein Wasserfall, ist teils kaum zu stoppen. Er berichtet über seine Kindheit in Lahr, mit Kindergarten, Grundschule, Gymnasium. Und wie er schon von kleinauf von seiner Mutter angeblich mit weiblichen Hormonen konsequent vergiftet worden sei. Das ist sein Trauma, macht er deutlich, dies habe ihn sein Leben lang bewegt und gequält. Die Mutter habe ihm seine Männlichkeit absprechen wollen. Schon mit geschädigten Sexualorganen sei er zur Welt gekommen. "Sie hätte lieber ein Mädchen gehabt", meint er zu wissen. Sogar zu einer Geschlechtsumwandlung habe sie ihm geraten. Seine Halbschwester sehe er als Komplizin der Mutter. Für ihn sei "meine Männlichkeit das Wichtigste auf der Welt geworden".

Die Tat soll Adrian S. lange und gezielt geplant haben, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Zunächst, räumt der Angeklagte ein, habe er seine Mutter foltern wollen. Doch dann sei der Plan gereift, sie zu erschießen. Um an eine Waffe zu gelangen, sei er bei einem Schützenverein Mitglied geworden. Dort führte er sich redlich, bekam nach einiger Zeit die Erlaubnis, eine Waffe zu kaufen.

Warum alarmierte er nicht die Polizei oder einen Arzt, als er die Sorge hatte, seine Mutter wolle ihn hormonell vergiften? So will es im Prozess der Staatsanwalt wissen. Er wollte darüber nicht mit anderen reden, das selbst lösen, antwortet Adrian S. Also lieber Selbstjustiz üben? "Ja, deshalb hab ich keine Polizei eingeschaltet."

Hatte er, nachdem er mutmaßlich sechs Menschen erschossen und zwei weitere lebensgefährlich verletzt hatte, mit dem Gedanken gespielt, sich selbst auch das Leben zu nehmen? "Nein", sagt er. "Dazu hatte ich keinen Mumm." Er habe zu viel Angst gehabt, bei einem Scheitern lebenslang gelähmt zu sein, sagt er seelenruhig, nachdem er zuvor detailliert und völlig emotionslos geschildert hatte, wie er seine schwer verletzte Mutter noch mit einem Kopfschuss getötet habe, um sicherzugehen, dass sie auch tatsächlich sterben würde.

Strafrechtlich war der junge Mann bis zu seiner Festnahme noch nicht aufgefallen. Er galt als Eigenbrötler, saß viel in seinem Zimmer vor dem PC. Habe die Zeit totgeschlagen und sich von allen anderen abgeschottet. Essen nahm er nur alleine zu sich, auf seinem Zimmer, aus Angst, weiter vergiftet zu werden, erklärte er. Sein Abitur hatte er in Lahr noch mit sehr guter Note gemacht, danach mehrfach Studiengänge begonnen und wieder abgebrochen. Zuletzt war er arbeitslos.

Auch ein 14-Jähriger, der die Bluttat überlebte, darf unverhofft vor Gericht aussagen

Noch bevor erste Zeugen des Blutbads befragt werden, äußert sich Adrian S. zu den Tatvorwürfen gegen ihn. "Ich wünschte, ich hätte es nicht getan", sagt er auf die Nachfrage des Staatsanwalts, wie er heute, fünf Monate nach den Schüssen, zur Tat stehe. Es seien zu viele Menschen umgekommen.

Kurz flammt dann plötzlich eine Debatte mit dem Richter auf. Die Nebenklage will durchsetzen, dass auch der 14-jährige Sohn der getöteten Halbschwester aus Lahr vor Gericht aussagen darf. Richter Gerhard Ilg wollte den Jungen schützen und sich auf dessen Aussagen bei der Polizei stützen. Auch Verteidigung und Staatsanwaltschaft hätten lieber verzichtet. Doch die Nebenklage setzte sich durch, der Junge sei stark genug für die Aussage und wolle diese unbedingt. So schilderte der Lahrer in Ellwangen, wie er die Bluttat erlebt hatte. "Adrian war wie weggetreten", erinnert er sich. Als er sich dem Onkel gegenübersah, dieser eine Pistole in der Hand, habe dieser nur gerufen: "Raus!" Dann sei er geflohen und blieb unverletzt.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt, am 10. Juli soll das Urteil fallen. Es könnte noch später werden, die verworrene Geschichte wurde schon am ersten Prozesstag immer vielschichtiger.

Ist der Angeklagte Adrian S. schuldfähig? Das wird in den nächsten sechs Prozesstagen weiterhin ein Dreh- und Angelpunkt der Verhandlung sein. Mehrfach verhedderte sich der junge Mann, als ihn der Vorsitzende Richter dazu befragte, was er denn unter "Paranoia" verstehe. Diesen Begriff hatte der Angeklagte über sich selbst mehrfach in den Raum geworfen. Nicht ausgeschlossen, dass er an einer psychischen Erkrankung leidet.

Gutachter

Ein Gutachter, der den Prozess die komplette Zeit mitverfolgt, wird am Ende seine Einschätzung abgeben. Der Fachmann klinkte sich am ersten Prozesstag mehrfach in den Sitzungsverlauf ein und stellte Zeugen und dem Angeklagten Fragen. Es gibt auch schon ein erstes Gutachten, aus dem jedoch vieles herauszulesen sei, wie der Pflichtverteidiger des Beschuldigten gegenüber unserer Zeitung erklärte. In welche Richtung es gehe, sei derzeit noch nicht absehbar.

Drohendes Urteil

Bei einer Verurteilung würde der 27-Jährige, wenn er als nicht schuldfähig eingestuft wird, in eine geschlossene Klinik eingewiesen. Bei voller Schuldfähigkeit droht ihm lebenslange Haft.

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