Lahr Getreideernte war einst mühsame Handarbeit

Der Wickertsheimer-Weg wird am Freitag, 9. September, eingeweiht. Der Schwarzwaldverein will damit an den Lahrer Kunstmaler Wilhelm Wickertsheimer erinnern. In einer Serie stellen wir einige Stationen vor – heute der Schutterlindenberg.

 

Lahr. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Getreideernte von Hand erfolgte. Was heute der Mähdrescher in deutlich kürzerer Zeit erledigt, wurde noch in der Nachkriegszeit auf herkömmliche Weise verrichtet. Man schnitt das Getreide mit Sense und Sichel, dann wurden die Halme zu Garben gebunden. Anschließend stellte man sie als "Hiisli" gegeneinander zum Trocknen und Abreifen. Später wurden sie mit dem Ochsenwagen zur Scheune oder gleich zur Dreschmaschine gebracht. Ganz früher droschen die Bauern noch von Hand mit Dreschflegeln.

In den 1950er-Jahren setzte sich eine teilmechanisierte Getreidernte durch: Die erste Runde des Ackers wurde mit der Sense gemäht, dann fuhr die von Pferden gezogene Mähmaschine über das Feld. Kinder breiteten Garbenseile aus, Frauen legten das mit Sicheln aufgenommene Getreide büschelweise darauf. Drei bis vier Büschel wurden zur Garbe zusammengebunden. Diese ließ man zum Trocknen liegen und gabelte sie später auf den Wagen. Dann ging es zur Dreschmaschine.

An den Südhang des Schutterlindenbergs schmiegt sich ein Dorf, das am 1. Oktober 1933 nach Lahr eingemeindet wurde: Dinglingen. Dort war nach dem Zweiten Weltkrieg die überkommene landwirtschaftliche Struktur nahezu unverändert erhalten: Im Weinbau überwog der Streubesitz, die Ackerflächen waren klein parzelliert und lagen oft weit auseinander. Viele Bauern besaßen Pferde und Ochsen, die drei Schmiede am Ort hatten daher genug zu tun. Den ersten Traktor erwarb der landwirtschaftliche Betrieb des Waisen- und Rettungshauses (heute Standort des "Real"-Markts).

In der Bildmitte sieht man den Turm der in den Jahren 1781 bis 1787 erbauten Martinskirche. Erbauer war Johannes Menhardt (1744 bis 1787), dem in Lahr unter anderem die alte Schutterbrücke in der Vogtsvorstadt, das Vogtszollhaus und das Stoesser-Fischer-Haus zu verdanken sind. Die Martinskirche wurde 1784 in kurioser Weise eingeweiht, als der Turm noch gar nicht fertig war. An drei Tischen saßen die Gäste. An allen Tischen wurden Suppe, Rindfleisch, Gemüse, Braten und Salat gereicht. Tisch eins und zwei erhielten zudem Fisch und Kuchen, und nur an Tisch eins wurde Kaffee eingeschenkt. Die Dinglinger Gemeinderäte – damals Gerichtsleute genannt – saßen übrigens alle an Tisch drei.

Zurück zum Schutterlindenberg: Vor der Umlegung des Rebgeländes in den 1950er-Jahren zeigte er ein anderes Gesicht, denn er war abwechslungsreich zerrissen und wegen der Kleinteiligkeit seiner Äcker, Wiesen und Rebflächen sowie seiner eindrucksvollen Hohlgassen naturnäher als heute. Hausberg der Lahrer wird er genannt, jedoch war er den Dinglingern und Hugsweierern räumlich immer näher. Die frühere Gemarkungsgrenze zwischen Lahr und Dinglingen verlief auf seinem Gipfel, den seit 1843 das in Zusammenhang mit der Feier des 25-jährigen Bestehens der badischen Verfassung angelegte Lindenwäldchen schmückt.

Weitere wichtige Ereignisse haben dort stattgefunden, etwa 1717 ein gemeinsames Abendmahl anlässlich der 200-Jahr-Feier der Reformation. Zwischen 1814 und 1818 versammelten sich dort Lahrer an den Jahrestagen der Völkerschlacht bei Leipzig.

Wickertsheimer hat das Motiv "Landwirtschaft am Schutterlindenberg" mehrfach in Gemälden umgesetzt. Bei dieser Darstellung ging es ihm um das Erinnern an einstiges Bauernleben und das Sichtbarmachen eines früher anderen Landschaftsbilds. In verfremdeter Ausprägung – die Talaue und das Rheintal sind entleert, Mietersheim ist stilisiert dargestellt – zeigt er den Übertritt des Schuttertals in die Rheinebene, eingesäumt von einer Berglandschaft mit Vorbergzone, Kaiserstuhl und Vogesen.

INFO

Wanderung

Der Schwarzwaldverein lädt alle Interessierten zur ersten geführten Wanderung auf dem Wickertsheimer-Weg am Sonntag, 11. September, ein. Treffpunkt ist um 9.30 Uhr am neuen Stadtmuseum (Tonofenfabrik) in der Kreuzstraße. Der Rundgang führt durch die Innenstadt, zum Schutterlindenberg und über Burgheim zum Urteilsplatz (etwa 6,5 Kilometer, drei Stunden). Die Wanderung endet um die Mittagszeit am Café "Süßes Löchle" mit einem Umtrunk, zu dem der Vorstand des Cafés einlädt. Wanderführer ist Eberhard Stulz, Initiator des Projekts Wickertsheimer-Weg.

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