Lahr Ensemble gibt gelungenes Debüt

Die "Theaterbühne im Keller" hat mit "Koralle Meier" ihren Einstand gefeiert. Foto: Baublies Foto: Lahrer Zeitung

Von Endrik Baublies

Das Stück "Koralle Meier – aus dem Leben einer Privaten" spielt zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Inhalt ist aber hochaktuell. Die "Theaterbühne im Keller" hat mit der Aufführung ihr gelungenes Debüt im Stiftsschaffneikeller gegeben.

Lahr. Die "Theaterbühne im Keller" ist das neu gegründete Ensemble des Lahrer Kulturkreises. Die 13 Darsteller und Regisseur Christopher Kern haben das Drama von Martin Sperr aus dem Jahr 1970 am Freitag und Samstag aufgeführt. Die junge Witwe Koralle Meier (Katija Rothbächer) möchte ihre Existenz als "Private" aufgeben und einen Gemüseladen eröffnen. Der Prostituierten kommen dabei aber Vorurteile und ihre eigene Naivität in die Quere. Sie landet zuletzt hinter Stacheldraht, das weitere Schicksal bleibt offen. Die Spießer im Dorf gehen zur Tagesordnung über.

Sperr gehörte als Dramatiker Anfang der 70er-Jahre zu den jungen Wilden der BRD wie Rainer Werner Fassbinder oder Franz-Xaver Kroetz. Sperr legte mit dem Stück damals den Finger in die Wunde. Gerade die Geschehnisse in der jüngeren Vergangenheit haben das Ensemble des Kulturkreises bewogen, mit "Koralle Meier" am Wochenende den Einstand zu geben. Kern sagte zur Einleitung, dass der Spiegel, den das Drama 1970 der Gesellschaft vorgehalten habe, sehr mutig gewesen sei. Die Gefahr besteht immer, dass heute bieder wirkt, was vor 45 Jahren mutig war. Dem aber ist das gesamte Ensemble mit einer guten, glaubwürdigen und handwerklich sauberen Inszenierung entgegengetreten.

Die Darstellung von Rothbächer war sehr gut. Sie spielte zuerst die Naive, die sich dann aber immer mehr aufgrund der Spießigkeit ihrer Umgebung in Rage und damit um Kopf und Kragen redete. Sie bannte mit ihrer darstellerischen Leistung die Gefahr, dass die Rolle einer Prostituierten auf der Bühne in Kitsch abgleitet.

Neben Rothbächer glänzte Siegfried Wacker als heuchlerischer und bornierter Bürgermeister Klugbauer. Der Name der Figur sagt eigentlich alles. Seine Darstellung wirkte erschreckend gut und dadurch tatsächlich böse.

Es war der entscheidende Unterschied, dass die Inszenierung gewollt bieder und vielleicht sogar etwas altbacken wirkte: Bühnenbild und Kostüme zeigten nur die Vergangenheit. Die Strumpfbänder der "Koralle" sahen aus, wie die einer "Privaten" auf dem Dorf vor 70 oder 80 Jahren ausgesehen hätte. Jeder Anflug von Modernität war gestrichen. Das aber hatte im Gegenteil eine sehr starke Wirkung.

Der Zeigefinger, der dazugehören sollte, war weder die Inszenierung noch die durchgehend gute darstellerische Leistung aller Akteure. Es war die Geschichte und die Tatsache, dass spießbürgerliche Ängste oder Duckmäusertum wohl unausrottbar sind.

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