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Lahr Eisige Zeiten für Landwirte

Erst die Trockenheit, jetzt die Kälte: Alarmstufe Rot für die Obst- und Gemüsebauern im Kreis. Vor allem Winzer müssen mit gravierenden Ernteverlusten rechnen. Es gehe um die Existenz, sagen einige.

 

Ortenau. Viele Landwirte der Region sehen ihre Ernte durch die nächtlich anhaltenden Minusgrade bedroht und bangen vor dem Ernte-Aus. "Der Bodenfrost hat im Kreis mit Sicherheit Schäden hinterlassen. In welchem Ausmaß, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden", sagt Karl Silberer, Vorsitzender des Bauernverbands BLHV im Kreis Lahr. Hierfür müsse man noch ein bis zwei Tage abwarten. Am Kaiserstuhl seien fünf Hubschrauber zur Frostbekämpfung eingesetzt worden, um kalte mit warmer Luft zu vermischen. Ob dies erfolgreich war, sei offen.

"Die Landwirte haben sehnlichst auf den Regen gewartet, aber die jetzt einsetzende Kälte, die der Regen mit sich bringt, ist eine Kata­strophe", erklärt Petra Breitenfeld als Geschäftsführerin des BLHV in der Herbolzheimer Bezirksgeschäftsstelle. Die Vegetation sei ihrer regulären Zeit fast drei Wochen voraus.

Der Ettenheimer Landwirt Gerhard Henninger befürchtet für viele Kollegen "enorme Schäden" durch den Frost. Der frühere Bauernverband-Geschäftsführer in Freiburg braucht nur in seinen Garten zu schauen, um das Ausmaß der Frosttemperaturen zu ermessen: "Alles, was blüht, sieht nach der Kälte aus wie abgekocht", sagt er. Fliederbüsche, Beerensträucher und Blumen: alle in Mitleidenschaft gezogen. Auf den Feldern sehe es nicht anders aus. Unklar sei noch, in welcher Höhe der Frost zugeschlagen habe. Gerade bei den Obstbäumen könne dies über Wohl und Wehe einer ganzen Ernte entscheiden. Henninger hofft, dass der Frost nur am Boden herrschte.

 

> Weinstöcke erfrieren

Dietrich Jörger, Bereichsleiter für den Breisgau im Badischen Weinbauverband, muss die folgenden Tage nicht mehr abwarten. Er erkenne den gravierenden Ernteverlust in seinen 30 Hektar Reben bereits jetzt. "Nachdem ich mir heute morgen meine Reben angesehen hatte, war mir klar: Meine Mitarbeiter brauchen nächste Woche nicht zu erscheinen", erklärt Jörger. So eine Wetterlage habe er noch nie erlebt – er müsse nun um seine Existenz bangen. "Vorgesehen war, dass in diesem Jahr mein Sohn die Winzerei übernimmt. Dass sich daraus nun ein Schuldenberg aufbauen könnte, war bisher jedoch nicht bedacht", sagt Jörger. Maßnahmen, etwa das Gras kurz zu mähen oder Blecheimer als sogenannte "Kerzen" aufzustellen, hätten laut dem Winzermeister die Erfrierung seiner Pflanzen nicht verhindern können. Dazu seien die kalten Temperaturen und die Windstille zu mächtig. "Ein Freund von mir hat es in der vergangenen Nacht mit alten Heuballen probiert, die er an den Reben angezündet hat. Der Rauch – und damit die Wärme – ist aber nicht zwischen die Reben, sondern senkrecht in den Himmel aufgestiegen."

Auch beim Weingut Wöhrle in Lahr sind die Schäden massiv, wie Inhaber Markus Wöhrle im Gespräch mit unserer Redaktion niedergeschlagen berichtete. "Teilweise sind 100 Prozent der Reben geschädigt", sagt er. Jetzt hofft er auf den zweiten Trieb, der später erfolge und im Normalfall abgeschnitten werde, um den Ertrag des ersten Triebs zu stärken. "Das ist nun unsere einzige Hoffnung. Aber dieser zweite Trieb bringt nie den Ertrag des ersten", berichtet der Winzer. Am schlimmsten habe es seine Reben in Friesenheim getroffen. Aber auch die Weinberge in Lahr, also den Herrentisch, den Kronenbühl, die Kirchgasse und den Gottesacker, habe es herb erwischt.

Auch Cornelia Schwörer vom gleichnamigen Weingut in Kippenheim sieht einen Ernteverlust: Rund 50 Prozent ihrer Weinstöcke seien in Gefahr. "Nur bei unserer besten Lage zeigt sich, dass ihre Qualität nicht von ungefähr kommt: Sie liegt etwas höher und an der Südseite des Hangs, dort sind zum Glück keine Schäden entstanden."

 

> Erdbeeren werden beregnet

Bei den Erdbeerbauern in der Ortenau gibt es verschiedene Versuche, dem Frost Herr zu werden. Manche besprengen ihre Felder mit reichlich Wasser, um die schon teilweise blühenden Pflanzen mit einer schützenden Eishülle vor dem noch kälteren Frost zu schützen. Pumpen auf einigen Feldern liefen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag auf Hochtouren, um Wasser in die Sprühanlagen zu treiben – teils bis in den späten Vormittag hinein.

Andere Erdbeerbauern wie auch Bernhard Irion aus Nonnenweier setzen stattdessen auf Folien und Vlies, um die Pflanzen zu schützen. "Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu, was besser hilft", erklärt der frühere BLHV-Hauptgeschäftsführer Gerhard Henninger. Mais kaum in Gefahr Der Mais kann sich derzeit in drei verschiedenen Wachstumsstadien befinden: Er kann frisch ausgesät sein, Keimwurzeln austragen oder bereits aus der Erdoberfläche hinausragen. "Der Mais ist in allen drei Stadien auch bei den momentanen Temperaturen um den Nullpunkt keiner Erfrierungsgefahr ausgesetzt", erklärt Reinhard Frenk, Landwirt aus Schwanau. Mais sei frostresistent – zumindest solange der Boden nicht unter Minus drei Grad abkühle. Und das sei in Schwanau bislang nicht der Fall. "Optimale Voraussetzungen sind die momentan zwei bis drei Grad kalten Böden nicht. Die idealen Temperaturen liegen bei um die acht Grad. Aber eine große Bedrohung hinsichtlich der Ernte sehe ich nicht." In anderen Orten der Ortenau hingegen sind Landwirte wegen der starken Minustemperaturen auch beim Mais in Sorge, hieß es am Donnerstag.

 

> Folie schützt den Spargel

"Ernteverluste sind vor allem bei Sommerungen, also Pflanzen, die nicht frosttolerant sind, zu befürchten", erklärt Hannes Fleig, Spargelbauer aus Kippenheimweiler. Die größten Bedrohungen seien wolkenlose Nächte und Windstille. "Davor ist der Spargel, der unter der Folie sitzt, jedoch bestens geschützt." Das kalte Klima verlangsame den Wachstum allerdings deutlich, das Stangengemüse sei jedoch "relativ robust". Lediglich einzelne Spargel, die bereits mit dem Kopf an die Folie herangewachsen sind, würden erfrieren. Einen Ernteverlust wegen der kalten Temperaturen sehe Fleig nicht, da stelle die Regenknappheit einen deutlich gefährlicheren Faktor dar. Spargel dürfte aber in den kommenden Tagen nicht preiswerter werden, wie eigentlich um diese Jahreszeit zu erwarten wäre.

 

> Tabak hat noch Glück

"Der Tabak ist noch gar nicht auf dem Feld", sagt Helga Adam vom landwirtschaftlichen Familienbetrieb Adam in Neuried. "Wäre er schon draußen, wäre alles kaputt. Denn er verträgt nur Temperaturen von minus einem Grad." Im Moment befinde er sich noch in Folienhäusern und werde erst im Mai ausgepflanzt. Insofern habe der Tabakanbau Glück gehabt.

 

INFO

Ungewöhnliche Wetterlage

Hans-Dieter Beuschlein, Pflan­zenschutzberater im Landratsamt, sagt, dass in diesem Jahr vor allem das enorme Ausmaß der Kälte ungewöhnlich sei: "Die Temperaturen gingen hin­ab bis auf fünf Grad unter Null, und dieser Frost dauert im Moment nachts bis zu acht Stunden an. In dieser Intensität haben wir das in den vergangenen Jahren nicht gehabt." Für einen so lange anhaltenden Frost in der Nacht müssten viele Dinge zusammenkommen: Neben der allgemeinen Großwetterlage mit wenig Wind macht er auch die aktuelle Mondphase dafür verantwortlich. Von Nordbaden bis in die Ortenau seien die Nächte frostig, der Raum weiter südlich sei wegen leicht höherer Temperaturen nicht so stark betroffen.

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