Lahr Eine Oase der Stille und Besinnlichkeit

Noch zweieinhalb Wochen, dann wird der Wickertsheimer-Weg eingeweiht. Der Schwarzwaldverein will damit an den Lahrer Kunstmaler Wilhelm Wickertsheimer erinnern. In einer Serie stellen wir einige Stationen vor – heute den Denkmalhof.

 

Lahr. Unmittelbar angrenzend an die stark befahrene B 415 ist der Denkmalhof nördlich der Stiftskirche dennoch eine Oase der Stille und der Besinnlichkeit. Die Anlage, die ehrenamtlich vom Lahrer Schwarzwaldverein betreut wird, erhielt ihre jetzige Gestalt anlässlich des 750-jährigen Bestehens der Stiftskirche im Jahr 2009. Ein einfaches Wegekreuz wurde geschaffen, der vorher im Abseits stehende Brunnen fand seinen Platz in der Mitte der Anlage, und Sitzbänke animieren zum Verweilen. Zurückhaltende Bepflanzung gestattet den unmittelbaren Blick auf die Schätze dieses Lahrer Kleinods: die Grabmäler und die Kreuzigungsgruppe.

Man könnte meinen, dass der Hof, wie er sich heute zeigt, schon immer so bestanden hätte. Dem ist aber nicht so. Ursprünglich gehörten die Grabmäler zu dem die Stiftskirche an drei Seiten umgebenden Friedhofsareal, das mit einer Mauer umschlossen war. Eine ganze Reihe der im Denkmalhof ausgestellten Epitaphien war einst in diese Umfassungsmauer eingelassen. Andere stammen aus dem Inneren der Stiftskirche. Die 1569 nach abgeschlossener Reformation errichtete Kreuzigungsgruppe mit dem Kruzifix in der Mitte und den klagenden Figuren von Maria und Johannes an der Seite überragte früher die Gräberfelder und gab den Friedhofsbesuchern Trost.

Diese ursprüngliche Funktion als Trost spendendes Andachtsbild ist in Wilhelm Wickertsheimers Gemälde wunderbar dadurch eingefangen worden, dass er den gotischen Chor der Stiftskirche, die alte Friedhofsmauer und die Kreuzigungsgruppe zu einer stimmungsvollen Einheit verband.

In den Jahren 1924/25 wurde die Anlage des Denkmalhofs als künstlicher Kreuzgang nach Plänen des Architekten Karl Meurer errichtet. 1972 musste ein beträcht­licher Teil für die verbreiterte B  415 in Anspruch genommen werden. Diese eigentlich für die historische Innenstadt martialische Straßenbaumaßnahme hat aber den Kunstwerken des Denkmalhofs nicht geschadet. Denn die dem Wind und dem Wetter ausgesetzten Grabmäler erhielten damals auf Betreiben des Lahrer Architekten und Archäologen Karl List (1905 bis 2005) schützende Dächer auf hölzernen Stützen.

Platte aus rotem Sandstein ist das älteste Grabmal

Das älteste und vielleicht wertvollste Grabmal ist eine Klerikergrabplatte aus rotem Sandstein, die sich ehemals in der Kirche befand. Sie zeigt einen Kelch mit Hostie unter einem Baldachin aus spätgotischem Blendwerk und ist dem letzten Prior des Lahrer Augustinerklosters, Jacobus Zerer, gewidmet. Dieser war nach der Umwandlung des Klosters auch der erste Dekan des neu gebildeten Kollegiat­stifts gewesen.

Zwei der barocken Epitaphien seien noch herausgegriffen: einmal der prunkvolle Stein des Egenolph Friedrich Röder von Diersburg (gestorben 1740) und dessen Frau Maria Eleonora Pistorie, das im Giebel das Allianzwappen der beiden adligen Familien präsentiert. Zum anderen sei beispielhaft auf die originelle Inschrift des Schultheißen und Kaufmanns Georg Müller verwiesen, die Emil Baader merkwürdig vorkam und bei deren Lektüre man – weil beeindruckt – ins Schlucken kommt. Dort heißt es: "Dis Denckmahl hat zu Ehren / ein Pilgrim weit und breit / Ein Kaufmann sonder Lahren / Vor gute Handelsleuth / Ein Christ zu Gottes Hulden / Ein Hausmann fruh und spath / Ein Schultheiß gut vor Schulden / Ein Rathsglied in der Tat / Ein um gar viel verdienter/ Die er zu Leut gemacht / Ein Vatter dreizehn Kinder/ An Enckeln viermahl acht / Die er vom ersten Bande / Des Heyraths hat erblickt / Im dritten Ehestande / Ward einst vom toot verzückt / Georg Müller nach dem Nahmen / Alt siebenzig neunthalb Jahr / Von guter Frucht und Samen / Gott mach die That uns wahr." Aber auch alle anderen, aus dem 16. bis 19. Jahrhundert stammenden Grabmäler haben großen historischen und künstlerischen Wert. Sie alle werden von der Kreuzigungsgruppe dominiert, deren stämmige und dynamisch wirkende Jesusfigur durch derben Realismus, der besonders in dem bärtigen Gesicht zum Ausdruck kommt, fasziniert.

Die 41 Denkmäler aus der Renaissance und der Barockzeit bilden ein Gesamtkunstwerk, das in der Fachwelt hohen Rang genießt. Sie auch weiterhin vor dem Verfall zu bewahren, ist für die Stadt Lahr, die durch Brand, Kriege und zeitweise mangelnde historische Sensibilität vieles an wertvoller überkommener Substanz verloren hat, eine wichtige Aufgabe.

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