Lahr Der Tag, an dem die Bombe fiel

Lahr - In der Lahrer Erde dürften noch viele Fliegerbomben liegen – es ist das explosive Erbe des Zweiten Weltkriegs. Allein am 19. Februar 1945 wurden 250 Sprengkörper über der Stadt abgeworfen, darunter wohl auch der jetzt entschärfte Blindgänger.

Nach dem Fund der 250-Kilo-Bombe am Hohberweg gaben Experten des Kampfmittelbeseitigungsdiensts am Mittwoch gegen 18 Uhr Entwarnung – sie hatten den Blindgänger entschärft (wir haben berichtet). Die explosive Altlast wird zu einer Spezialfirma transportiert, wo sie zersägt und der Sprengstoff TNT verbrannt wird.


> Bomber greifen an: Die am Mittwoch gefundene Bombe stammt von einem Großangriff auf die damalige Serre-Kaserne, ist Norbert Klein überzeugt. »Nicht alle abgeworfenen Bomben landeten im Kasernengelände. Einige trafen auch das Gebiet östlich davon, wobei auch das Hohbergsee-Hotel getroffen wurde«, berichtet der Vorsitzende der Regionalgrupe Geroldsecker Land im Historischen Verein Mittelbaden. Der Hauptangriff auf die Kaserne wurde am Montag, 19. Februar 1945, ab 15 Uhr geführt ­– eine große Bomberformation überflog an jenem Nachmittag die Stadt. Die 64 in mehreren Wellen heranfliegenden zwei- und viermotorigen Langstreckenbomber warfen rund 250 Sprengbomben ab. Bei dem Großangriff kamen 27 Menschen ums Leben – in der Kaserne, in dem davor liegenden Rosenweg, im dahinter liegenden Hohbergseehotel, in der angrenzenden Geroldsecker Vorstadt und im südlich liegenden Burghardwald. Außerdem sind laut Klein in den Stadtarchiv-Akten 20 Verletzte verzeichnet.


> Schreie aus den Trümmern: Die meisten Opfer befanden sich unter den Männern, Frauen und Kindern, die im nahen Wald aus den am 14. Februar zerbombten Bäumen Brennholz machen wollten: Allein dort gab es 15 Tote und sieben Verletzte, so Klein. Überlebende Zeitzeugen berichteten von grauvollen Bildern der Zerstörung, von Opfern und ihren Schreien aus den Trümmern und dem Wald.


> Kaserne wird zerstört: Der Luftangriff – es war der größte, der im Zweiten Weltkrieg auf Lahr geflogen wurde – galt der 1937 am Hohbergsee errichteten Serre-Kaserne, die nach einem Kriegsschauplatz des Ersten Weltkrieges benannt wurde. Mit ihrem Bau wollte Adolf Hitler seine neue militärische Stärke in der bis dahin militärfreien Zone am Oberrhein demonstrieren, sagt Klein. Die Kaserne wurde beim Angriff am 19. Februar 1945 vollständig zerstört.


>  Foto zeigt den Angriff: Das Bild oben mit einem angreifenden Bomber, Typ Martin B-26 Marauder, stammt laut Klein vom Lahrer Hermann Schaefer. Dieser war Anfang 1945 in französischer Kriegsgefangenschaft in Aix-les-Bains. Im Jahrbuch »Geroldsecker Land 1979« berichtete er über den Fund: »Beim Reinemachen musste ich auch die Papierkörbe ausleeren. Dabei fiel mir eine Illustrierte vor die Füße. Bekanntlich stürzt sich jeder Gefangene auf etwas Gedrucktes, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu bietet. Bei mir war dies auch nicht anders. Da ich mich gerade nicht beobachtet fühlte, blätterte ich in den Seiten und blieb an einer taktischen Fliegeraufnahme hängen. Dieses Bild, die »Bombardierung der militärischen Anlagen der Kasernen von Lahr« am 19. Fe­bruar 1945, sprang mir in die Augen. Ich konnte deutlich erkennen: Den Altvater mit dem Steinbruch, das Waisenhaus, das Seminar, die ersten Häuser von Kuhbach und links am Rosenweg die Sprengwolken am Wasserwerk. Daneben, in der Verlängerung der Feuerwehrstraße an der Stelle, wo die Kasernen liegen mussten, war alles eingehüllt in Sprengwolken. Ich ließ die Illus­trierte im Hosenbund verschwinden.«


> Traurige Bilanz: In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurden 30 Luftangriffe auf Lahr geflogen – ­der erste am 10. August 1944, der letzte am 17. April 1945. Bei den Luftangriffen auf Lahr kamen ­– wie Norbert Klein berichtet – insgesamt 128 Zivilisten und 46 Soldaten ums Leben, 160 Menschen wurden verletzt. 130 Gebäude in der Stadt waren zerstört, 275 schwer beschädigt. Von 5480 Wohnungen galten 580 als verloren. 700 Wohnungen waren beschädigt. Im damaligen Kreis Lahr wurden 23 Prozent der Industriebetriebe mittelstark oder sogar schwer beschädigt.


> Explosive Überreste: Die Entdeckung des Blindgängers auf dem Akad-Areal am Hohbergweg ist in Lahr kein Einzelfall; zuletzt waren Bauarbeiter im Mai 2017 am Bahnhof auf eine 500-Kilo-Bombe gestoßen. Mehrere Millionen Tonnen an Sprengkörpern hatten alliierte Bomber im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland abgeworfen. Ein Teil davon tickt bis heute voll funktionsfähig im Untergrund. In der Lahrer Erde ruhen weitere gefährliche Bomben, ist Hobby-Historiker Klein (61) sich sicher.


> Glück gehabt: Am Tag nach der Entschärfung der Bombe auf dem Akad-Gelände fährt der 55-jährige Ulrich Krieg zum Fundort in den Hohbergweg. Anfang der 80er-Jahre war er Mitglied der Mähkolonne. Genau dort, wo der Blindgänger gefunden wurde, fuhr er mit dem Rasennmäher. »Da sieht man mal wie oft man Glück hat im Leben«, sagt er lachend. Direkt über dem Fundort der Bombe hat er damals ein kühles Bier nach getaner Arbeit genossen. »Dass die Kanadier die Bombe nicht schon damals entdeckt haben«, meint er – und wird nachdenklich: »Es ist irgendwie ein komisches Gefühl, wenn man so drüber nachdenkt. Heute kann ich drüber lachen.«


>  Rote Fähnchen: Die roten Fähnchen auf dem Gelände neben dem ehemaligen Offizierskasino des kanadischen Militärs am Hohbergweg zeigen an, wo Blindgänger vermutet werden. Jede einzelne Stelle wird mit einem Bagger aufgegraben und untersucht. Es könnte eine weitere Bombe sein – oder auch nur ein verrostetes Metallstück. Die Grasfläche ist derzeit übersät von aufgebuddelten und wieder zugeschütteten Erdlöchern. Wie die Mitarbeiter der Spezialfirma bei ihrer Suche nach Blindgängern konkret vorgehen, wollte das Unternehmen auf Anfrage nicht beantworten. Der Eigentümer des Grundstücks, die Immobilienagentur Imolahr, ist laut Stadt verpflichtet, auf dem Grundstück nach Blindgängern zu suchen, bevor es bebaut wird.

  • Bewertung
    0