Lahr "Das ist überwältigend"

Reinhard Schmidt hängt am Handy und ist im Stress. Der Ehrenoberzunftmeister der Narrenzunft "Schärmies" in Mietersheim hat ein Problem, das eigentlich gar keines ist: die riesige Hilfsbereitschaft der Lahrer für die rund 500 Flüchtlinge, die vor wenigen Tagen im Hotel Bel Air in Sasbachwalden angekommen sind. Daraufhin hatte der Ortenauer Narrenbund um Spenden gebeten – Kleidung, besonders für den Winter, Hygieneartikel, Spielzeug, Schuhe: alles wird dringend benötigt. Bei den vier Abgabestellen sind auch die "Schärmies" dabei, die ihren Narrenkeller im Mietersheimer Rathaus haben. Ab 18 Uhr am Dienstag sollte die Aktion beginnen, der Keller ist zu diesem Zeitpunkt aber schon voll – und im Minutentakt biegen weitere Autos mit einem oft voll gepackten Kofferraum um die Ecke.

 

Um 9 Uhr rufen die ersten Helfer an

"Heute morgen um 9 Uhr haben schon die ersten angerufen", sagt Denise Schmidt, die Frau des Ehrenoberzunftmeisters. "Und es wurden immer mehr, die unbedingt helfen wollten." Nachdem der Platz im Keller bereits erschöpft ist, stellen die Helfer ihre aussortierten Sachen direkt am Gebäude der Feuerwehr ab. Dort könnten sie natürlich auch nicht über Nacht bleiben, sagt Reinhard Schmidt. Er habe eben bei der Feuerwehr angerufen, ob sie die Sachen bei ihnen unterstellen könnten – das wäre allerdings auch keine Lösung für die Nacht, denn das Feuerwehrauto dürfe nicht draußen stehen bleiben. Schmidt hat kaum ausgeredet, da hilft er auch schon den nächsten Ankömmlingen, das Auto zu entladen.

"Wenn man helfen kann, sollte man das tun", sagt der 19-jährige Jonathan Reichenbach, der unter anderem Pullover und Bettwäsche gebracht hat. Obwohl Sasbachwalden mehr als 50 Kilometer von Lahr entfernt ist, glaubt er, dass der regionale Faktor bei der Hilfsaktion eine Rolle spielt. Wenn in Lahr eine große Zahl an Flüchtlingen ankommt, wird die Hilfsbereitschaft der Bürger noch größer sein, glaubt er. Auch Jonathans Handy klingelt. "Das war meine Tante, sie möchte auch noch was vorbeibringen."

Jemand, der sich mit solchen Aktionen auskennt, ist Edgar Huber, der unter anderem Geschirr und einen Schreibtisch in seinem Auto hat. Er bringt regelmäßig Kleidung zu bedürftigen Kindern in Paraguay. Viele Leute hätten Angst vor der Flüchtlingswelle, sagt er. Ihm ist aber nicht bange: "Wenn ein wohlhabender Staat wie Deutschland nicht schafft, damit umzugehen, wer sonst?" Es sei wichtig, dass die Bürger sehen, wo ihre Hilfe hingeht. Das sei hier der Fall.

"Wir versuchen, noch heute einen Lastwagen hierher zu bekommen", sagt das "Schärmies"-Gründungsmitglied Schmidt. Eigentlich sollte dieser erst am Mittwoch alles mitnehmen. "Damit hatten wir einfach nicht gerechnet", freut sich Schmidt. Inzwischen ist auch die stellvertretende Vorsitzende Gabriele Hauptmeier vor Ort, Oberzunftmeister Ralf Burgmeier ist im Urlaub. Der Ortenauer Narrenbund sei am Wochenende auf sie zugekommen mit der Idee. "Wir haben sofort zugesagt", so Hauptmeier. "Wir sehen ja die Not, in der sich die Menschen befinden. Es ist toll, wie die Lahrer die Aktion angenommen haben."

Je mehr Autos hinter das Rathaus kommen, desto mehr "Schärmies"-Mitglieder versammeln sich, um mit anzupacken. Pressewart Oliver Gremm hatte spätestens eine Vorahnung, wie groß die Lahrer Hilfsbereitschaft ist, nachdem die Homepage des Vereins aufgrund des Ansturms nicht mehr zu erreichen war.

Nach 19.15 Uhr kommen langsam etwas weniger Bürger – der halbe Hof steht inzwischen schon voll. Für die "Schärmies" Zeit, kurz durchzuschnaufen. Auch, weil sich eine Lösung für das Platzproblem anbahnt. Nicht nur befindet sich ein Sprinter auf dem Weg nach Mietersheim, auch die Ortsverwaltung hat inzwischen ihr Okay gegeben, dass die Säcke, Koffer und Kartons im Bürgerhaus untergebracht werden können.

Zwischenlager im Bürgerhaus

Gegen 20 Uhr biegt Benedikt Späther, Geschäftsführer des Ortenauer Narrenbunds, mit einem Sprinter um die Ecke. Die "Schärmies" beginnen sofort, die Säcke einzuladen, die im Bürgerhaus zwischengelagert werden sollen. Der Rest wird noch nach Renchen gebracht. Späther ist seit 8 Uhr auf den Beinen. "Das ist überwältigend, das macht mich stolz", sagt er über die Hilfsbereitschaft nicht nur in Mietersheim, sondern auch in den ebenso vollen Abgabestellen bei der Familienbrauerei Bauhöfer in Renchen, im Narrenpalais in Kehl und im Zunfthaus Narrhalla in Achern. Späther hatte die Idee zur Aktion, als er Samstag dabei war, als die Flüchtlinge in Sasbachwalden ankamen. In dem hoch gelegenen Dorf wird es nun schnell kalt. "Trotzdem hatten viele Menschen nur kurze Hosen, Shirts und Sandalen an." Noch vor Ort bringt Späther die Aktion ins Rollen. "Wir haben das Netzwerk, die Freunde und die Helfer, wir wollen einfach etwas Gutes tun."

Lob bekommen die Narren nicht nur von sämtlichen Bürgern, sondern auch von Ortsvorsteherin Diana Frei, die am Abend zusagt, dass die Säcke theoretisch bis zum 18. September im Bürgerhaus bleiben können.

Ein Angebot, auf das der Narrenbund vielleicht zurückkommen wird. Denn obwohl die Aktion am Mittwoch aufgrund des Ansturms ruhen sollte, kamen auch gestern noch eine Menge Helfer zu den "Schärmies". Da in Sasbachwalden aber inzwischen keine weiteren Spenden angenommen werden können, werden die Säcke und Kisten zunächst im Bürgerhaus "geparkt", bis klar ist, wo noch Bedarf besteht.         Lars Weber

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