Lahr Bürger opfern sich für Flüchtlinge auf

Bis Flüchtlinge einen staatlich finanzierten Intensiv-Deutschunterricht besuchen können, vergehen in Lahr oft Monate. Deshalb bietet der Freundeskreis kostenlosen Deutschunterricht an – hier in der Containeranlage auf dem Flugplatz.                                                Foto: Freundeskreis

Lahr - Rund 100 Menschen engagieren sich im Freundeskreis Flüchtlinge Lahr. Sie geben Sprachkurse, unterstützen die Neuankömmlinge bei Behördengängen und der Wohnungssuche. Ehrenamtliche erzählen, weshalb sie mitmachen und wo es Probleme gibt.

 

Günter Endres war Hauptschullehrer an der Lah­rer Friedrichschule und hat dabei auch viele ausländische Kinder unterrichtet. "Diese Aufgabe war erfüllend", erinnert sich der heute 73-Jährige. Er ist längst pensioniert, nach wie vor ist es ihm aber wichtig, Menschen zu helfen, die aus der Fremde kommen und in Deutschland Fuß zu fassen versuchen – nun eben Flüchtlinge.

Endres gehört ebenso zum Sprecherrat des Freundeskreises wie Stephanie Kempchen. Für die Tierärztin gaben Fernsehbilder im Herbst 2015 den Ausschlag. Damals zeigten die TV-Anstalten Flüchtlinge in Not –­ "da muss man was machen", habe sie sich gesagt. "Wir haben das Glück, in einem wohlhabenden Land zu leben. Deshalb ist es mir wichtig, anderen zu helfen, denen es nicht so gut geht."

Kempchen übernahm beim Flüchtlingskreis die Leitung der Willkommensgruppe, deren Ziel es ist, den Neuankömmlingen bei der Orientierung in Lahr zu helfen. Sie zeigt Flüchtlingen, wo sie Ausländeramt, Jobcenter, Tafelladen oder das Rot-Kreuz-Lädele finden. "Im Oktober 2015 haben wir täglich zwei Gruppen mit je 20 Flüchtlingen durch die Stadt geführt", erinnert sie sich an den Höhepunkt der Flüchtlingswelle.

Als Leiterin der Willkommengsruppe wird Kempchen heute nicht mehr so dringend gebraucht, da die Zahl der neu ankommenden Asylbewerber zurückgegangen ist. Mittlerweile hilft sie Flüchtlingen auf andere Art und Weise. Sie betreut vier Syrer, die zwischen Anfang und Mitte 20 sind. "Sie sagen Mama zu mir", sagt Kempchen über ihre Schützlinge. Es sei für sie eine Freude, mitanzusehen, wie die jungen Männer immer besser zurechtkommen. "Am Anfang haben sie sich mit Händen und Füßen verständigt, jetzt können sie schon gut Deutsch."

Die vier Syrer, die zurzeit noch getrennt leben, sind Freunde und wollen zusammenziehen. Seit einem Jahr sehen sie sich auf dem Wohnungsmarkt um – vergeblich. "In Lahr fehlen Wohnungen", stellt die Tierärztin fest, die es außerdem bedauert, dass nicht wenige Hausbesitzer offenbar Vorbehalte gegen Ausländer haben. "Wenn ich auf ein Inserat anrufe und mich als Doktor Kempchen vorstelle, sind die Leute aufgeschlossen", berichtet sie. Das ändere sich aber, sobald die Vermieter erfahren, dass sie eine Wohnung für Araber sucht.

Bei der Wohnungssuche gibt’s große Probleme

Endres hilft Flüchtlingen unter anderem beim Papierkram mit Behörden. Dem früheren Lehrer ist es wichtig, dass Flüchtlingskinder eine gute Schulausbildung erhalten. Dank ihm kann etwa ein Mädchen aus Syrien Abitur an den Gewerblichen Schulen in Lahr machen – Endres hatte sich beim Schulamt dafür stark gemacht, dass das Zeugnis aus Syrien als mittlere Reife anerkannt wird. Außerdem setzt er sich beim Ausländeramt für Flüchtlinge ein, denen die Wohnsitzauflage Probleme bereitet – etwa wenn die Behörde den Umzug in ein Schwarzwalddorf fordert, der Betroffene aber einen Job in Lahr in Aussicht hat und deshalb hier bleiben will.

Was ist die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen der Integration? "Die Sprache", so Endres und Kempchen unisono. Der Freundeskreis hat 20 Freiwillige – meist ehemalige Lehrer –, die in den vier staatlichen Unterkünften am Flugplatz, in der Gerolds­ecker Vorstadt und der Willy-Brandt-Straße Deutsch unterrichten. Wie viele Flüchtlinge nehmen das für sie kostenlose Angebot wahr? "Mal kommt keiner, mal kommen fünf, mal 20", antwortet Endres. Flüchtlinge seien oft ausgelastet mit Behördengängen, bei denen sie lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssten, erklärt En­dres. Es habe aber auch mit ihrer Mentalität zu tun, wenn sie den Kurs nicht regelmäßig besuchen.

Er sei zufrieden, wenn er helfen könne, sagt En­dres, ohne zu verschweigen, dass er auch Enttäuschungen mit Flüchtlingen erlebt hat. So erzählt er von einer Frau, die sich einen Rucksack gewünscht hatte. Er schaffte es, einen zu besorgen, übergab ihn der Asylbewerberin, die das Geschenk entgegennahm, ohne sich zu bedanken. "Eine Mentalitätsfrage, vielleicht auch eine Frage der Erziehung", meint der 73-Jährige bedauernd.

Kempchen stört das Anspruchsdenken, mit dem sie bisweilen konfrontiert wird – etwa wenn Flüchtlinge eine ihnen angebotene Wohnung ablehnen, da der gewünschte Balkon fehlt. Oder wenn sie mit einem geschenkten Herd nicht einverstanden sind, weil er Kochplatten statt eines Ceranfeldes hat.

Sie erinnert sich auch an ein Ehepaar aus Afghanistan, das gemeinsam einen Sprachkurs des Freundeskreises besuchte. Als die Frau schneller Deutsch lernte als er, verbot der Mann ihr die weitere Teilnahme. "Er hat gesagt, es genügt, wenn einer in der Familie Deutsch kann", so Kempchen. Tatsächlich hat der Lernfortschritt seiner Frau aber wohl eher den Stolz des Afghanen verletzt.

An ihrer Arbeit als Flüchtlingshelferin gefällt Kempchen, wenn ihre Schützlinge "wachsen", wie sie es nennt – wenn sie sich in der neuen Umgebung immer besser zurechtfinden. "Für mich war es ein schöner Moment, als zwei der Syrer, die ich betreue, mir mitgeteilt haben, dass sie sich selbstständig Arbeitsstellen als Lagerist gesucht haben." Freuen würde sie sich auch, wenn "ihre" vier Syrer eine Wohnung finden würden. Sie verspricht, dass es gute Mieter sind. Wer helfen will, kann sie per E-Mail kontaktieren: steffi_fluechtlingshilfe@gmx.de.

Endres betont ebenfalls, dass als Flüchtlingshelfer die positiven Eindrücke klar überwiegen. Er ist auch dankbar, dass die Hilfsbereitschaft der Lahrer nicht nachgelassen hat – an Weihnachten habe der Freundeskreis 3000 Euro an Spenden erhalten. ­

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