Lahr BND spioniert ganz offiziell

Agenten als Nachbarn: Die Ruster und Rheinhausener wissen seit Jahren vom Horchposten im Taubergießen. Seit einiger Zeit spioniert der Geheimdienst dort ganz offiziell. Seitdem hat sich auch das Verhältnis zum Europa-Park entspannt.

Rust/Rheinhausen. Wer eine Bootstour über den Altrhein bucht, erfährt viel Wissenswertes über die besondere Flora und Fauna entlang des Wasserlaufs. Nicht ins Bild der unberührten Idylle im Rheinhausener Ortsteil Niederhausen passen die riesigen weißen Satellitenschüsseln und langen Antennen, die aus dem Gelände aufragen. Die Erklärung: In dem Naturschutzgebiet haben nicht nur seltene Tiere und Pflanzen ein Zuhause gefunden, sondern auch der Bundesnachrichtendienst, kurz BND.

Was ist von außen zu erkennen?

Die Luftbildaufnahmen von Google geben einen guten Überblick: Wer genau hinschaut, zählt 28 Parabolantennen auf dem mehrere Tausend Quadratmeter großen Gelände. Dazu kommen einige unscheinbar-graue Flachbauten. Auch ein Parkplatz ist aus der Vogelperspektive zu erkennen – neben Autos stehen Motor- und Fahrräder. Wer das Areal von der Landseite aus besucht (beim Mitarbeiter-Parkplatz des Europa-Parks Richtung Rheinhausen fahren), wird auf Abstand gehalten. Das Gebiet ist ringsum umzäunt. Auf einem nicht zu übersehenden gelben Schild steht: "Achtung! Militärischer Schutzbereich!" Im Kleingedruckten: Fotografien, Zeichnungen und Skizzen sind verboten.

Was verbirgt sich hinter der Anlage?

Google-Maps behauptet noch heute, dass es sich um ein "Ionosphären-Institut" handelt. Ein Tarnname, das wissen nicht nur die Einheimischen schon lange. Die Mär, dass mit den Satellitenschüsseln die äußerste Hülle der Erdatmosphäre – das ist die Ionosphäre nämlich – erforscht wird, glaubten von Anfang an die wenigsten. Genauso wenig sind die unzähligen Theorien wahr, die über die Einrichtung kursieren. Es ist kein Atomwaffenlager und es werden dort keine Außerirdischen gefangen gehalten. Tatsache ist: In Rheinhausen wird gelauscht.

Was genau wird dort gemacht?

Die Anlage im Taubergießen ist eine von mindestens sechs Außenstellen des BND, die einzige bekannte in Baden-Württemberg. Ihr Auftrag: Terrorabwehr, die Bekämpfung von Waffen- und Drogenkriminalität und die Zerschlagung von Schleuserringen. Dazu werden über Funk Telefongespräche abgehört, E-Mails und Chats mitgelesen. Allerdings nur – zumindest verlangt es so das Grundgesetz – im Ausland. Bundesbürger sind für den BND offiziell tabu.

Wann und warum endete die Geheimniskrämerei?

Wegen Edward Snowden. Im Zuge der Enthüllungen des einstigen NSA-Mitarbeiters flog auch der Rheinhausener Abhörposten auf. Seit 2014 prangt am Tor ein Schild mit der Aufschrift "Bundesnachrichtendienst". Seitdem müssen die rund 100 Mitarbeiter auch nicht mehr behaupten, sie arbeiteten in einem wissenschaftlichen Institut. An die große Glocke hängen sollten die Angestellten ihren Arbeitgeber aber auch heute nicht, wie zu hören ist.

Wann und zu welchem Zweck wurde die Anlage gebaut?

Zwischen 1972 und 1976. Sie soll dem Vernehmen nach rund 90 Millionen Mark gekostet haben. Bis zum Ende des Kalten Krieges dienten die Parabolantennen dazu, russische Spionagesatelliten zu verfolgen.

Wie funktioniert die Technik?

Die Satellitenschüsseln – die größten haben einen Durchmesser von 18 Metern – fangen Signale ab und leiten sie weiter zu einem zimmerhohen Server. Gesammelt werden im Auftrag der Bundesregierung Namen oder Telefonnummern. Die Vorgabe für die Mitarbeiter: nicht ein Meer von Daten abzufangen, sondern nur einzelne Infos.

Wie funktioniert das Zusammenleben mit dem Europa-Park?

Mittlerweile gut, wie Roland Mack jüngst im parkeigenen Magazin "Emotional pur" erklärt hat. Nicht immer sei es einfach gewesen zwischen den Nachbarn, die kaum mehr als ein Steinwurf voneinander trennt: "Seit den Anfängen des Europa-Parks hatten wir immer mal wieder Probleme mit Genehmigungen", berichtet Mack. Mit Messungen habe man nachweisen müssen, dass neue Bauten keine Störfaktoren für die Anlage aussendeten. Zu einer ersten Annäherung kam es Ende der 1990er-Jahre. Damals kaufte der Europa-Park dem Nachbarn eine ausrangierte Antenne ab. Sechs Millionen Mark ließ man sich die 45-Meter-Schüssel kosten. Spioniert werde mit ihr nicht mehr, versichert Mack. Der 50 Tonnen schwere Stahlkoloss, der – passenderweise – im russischen Themenbereich steht, diene nur noch Dekozwecken.

Der Bundesnachrichtendienst ist einer von drei Nachrichtendiensten des Bundes. Er ist mit der Auslandsaufklärung betraut. Im Inland ist der Verfassungsschutz zuständig. Dazu kommt der Militärische Abschirmdienst (MAD). Der BND untersteht direkt dem Chef des Bundeskanzleramts. Er wurde 1956 gegründet und beschäftigt aktuell rund 6500 Mitarbeiter. Sein Hauptsitz ist seit diesem Jahr in Berlin (vorher Pullach bei München). Im Bundeshaushalt 2017 waren für den BND Mittel in Höhe von 832,8 Millionen Euro eingestellt.