Lahr "Bald noch mehr Leerstände"

Lahr - Normalerweise befinden sich die Lahrer Einzelhändler Ende November im Spagat – der Kundenmagnet Chrysanthema ist gerade vorbei, da wartet schon das Weihnachtsgeschäft. In diesem Jahr ist freilich alles anders, die Blumenschau fiel der Pandemie zum Opfer, das Feiertagsgeschäft ist stark eingeschränkt. Die LZ hat sich mit Michael Schmiederer, dem Vorsitzenden der Lahrer Werbegemeinschaft, unterhalten – über Corona, den Online-Handel und deren Auswirkungen auf Lahr.

Herr Schmiederer, das Geldzählen nach der Blumenschau fällt dieses Jahr aus ...

Da müssen wir den Ball flach halten. Die Chrysanthema ist unbestritten wichtig, aber es ist nicht so, dass alle Lahrer Einzelhändler davon leben. Das ist stark von der jeweiligen Branche abhängig. So wie umgekehrt jetzt auch nicht pauschal alle unter Corona leiden.

Wer leidet denn nicht?

Na ja, wer zum Beispiel Fahrräder verkauft, bei dem brummt der Laden. Daneben gibt es krisenunabhängige Branchen, die Lebensmittler zum Beispiel.

Aber die rund 400 000 Chrysanthema-Besucher hätten den Lahrer Händlern schon gutgetan, oder?

Keine Frage. Nach dem Lockdown im Frühjahr, der kurz vor dem wichtigen Ostergeschäft kam, ging es sehr langsam bergauf. Im Schnitt waren die Umsätze bis Mitte Oktober wieder auf rund 80 Prozent des Vorjahresniveaus. Dann kamen erneut die Warnungen, die Kontakte zu reduzieren und es ging wieder abwärts. Also genau zum geplanten Chrysanthema-Start. Für Lahr lief es deshalb doppelt bitter, kann man sagen.

Lässt sich das Defizit beziffern?

Die Situation ist aktuell landauf landab schlecht. Man geht davon aus, dass 50 Prozent des Umsatzes fehlen. Lahr dürfte diesen Schnitt eher drücken als heben.

Wie läuft es in Ihrem Bekleidungsgeschäft?

Es ist kein Geheimnis, dass Mode- und Schuhhändler von der momentanen Situation mit am stärksten betroffen sind. Sie können davon ausgehen, dass wir die 50 Prozent nicht erreichen. Ist ja klar: Den Leuten fehlen die Anlässe, um sich neu einzukleiden. Man muss es so knallhart sagen: Rein finanziell wären wir besser dran, wenn wir den Laden wie im Frühjahr schließen und die Angestellten in Kurzarbeit schicken würden.

Das klingt nicht gut. Schon vor Corona waren viele Schaufenster in Lahr leer...

... und es werden danach noch mehr sein. Ich kann und will hier keine Namen nennen, aber ich weiß konkret von mehreren Geschäften, die es in naher Zukunft nicht mehr geben wird.

Würde ein Ende des Lockdowns helfen?

Es würde sicher nicht schaden. Aber wer glaubt ernsthaft daran, dass Restaurants, Café und Hotels im Dezember wieder öffnen dürfen? Innenstädte haben sich in den vergangenen Jahren zu multifunktionalen Räumen entwickelt. Derzeit fehlt ein wichtiger Teil. Das schlägt sich auf die Besucherzahlen nieder. Niemand will sich ein Lunchpaket richten, bevor er einkaufen geht.

Sind Sie sauer über die Corona-Einschränkungen?

Nein. Was sein muss, muss sein.

Und über die Maskenpflicht in der Innenstadt?

Auch nicht. Sie gilt ja auch nur, wenn der Mindestabstand von eineinhalb Meter nicht eingehalten werden kann – und das ist derzeit leider selten der Fall in Lahr. Das Thema wird für mein Empfinden etwas aufgebauscht. Bei uns in den Geschäften wird schon seit dem Sommer Maske getragen, es funktioniert. Ich glaube nicht, dass sich allzu viele wegen der Maskenpflicht von einem Besuch in der Stadt abhalten lassen.

Welche Erwartungen haben Sie an das Weihnachtsgeschäft?

Schwierig zu beantworten. Keine allzu großen, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern. Und danach sieht es momentan wie gesagt ja leider nicht aus.

Einen Gewinner hat die Pandemie: den Online-Handel. Bedeuten Amazon und Co. langfristig das Aus für den kleinen Laden um die Ecke?

Für den kleinen Laden um die Ecke eher nicht. Probleme haben die großen Kaufhäuser, bei denen man nicht richtig weiß, für was sie stehen: Ist es ein Textilhandel, ein Spielwarenladen oder doch eine Parfümerie? Wer sich aber abhebt, sei es durch ein bestimmtes Produkt, besonders gute Beratung oder schlicht Tradition, kommt auch mit dieser schwierigen Situation und der Konkurrenz im Internet zurecht. Dabei können die Menschen übrigens mithelfen.

Wie?

Wir alle wollen irgendwann wieder in eine Welt zurückkehren, wie wir sie kennen. Das sollte man sich klarmachen, bevor man im Netz auf den Kaufen-Knopf klickt. Denn wenn es zu viele Klicks werden, man Dinge online bestellt, die man auch vor Ort kaufen kann, wird vieles von dem, was wir derzeit so sehr vermissen, irgendwann weg sein. 

Auch in diesem Jahr Weihnachtsbeleuchtung

Traditionell lässt die Lahrer Werbegemeinschaft kurz vor dem ersten Advent die Innenstadt erstrahlen. Die Weihnachtsbeleuchtung wird jedes Jahr in der Markt-, Kaiser-, Friedrich- und Kirchstraße sowie auf dem Markt-, Schloss- und Rathausplatz von einer Firma montiert.

Die Kosten für Auf- und Abhängen, Wartung und Strom belaufen sich laut dem Vorsitzenden der Werbegemeinschaft auf rund 15. 000 Euro pro Jahr. Die Summe wird über die Mitgliedsbeiträge der aktuell rund 110 Unternehmen gestemmt. "Solange wir es uns noch leisten können, machen wir es", sagt Michael Schmiederer.

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