Lahr OB-Wahl: "Auch Städte müssen ökologisch handeln"

Diskussionsrunde im Naturbad Sulz. Kandidatin Christine Buchheit erklärt Zuhörern ihre Pläne als Lahrer Oberbürgermeisterin. Drum herum wird gebadet. Foto: Braun

Lahr - Die Kandidaten der Lahrer OB-Wahl absolvieren in diesen Wochen zahllose Termine, um für sich zu werben. Unsere Redaktion besucht jeden Bewerber bei einem solchen Wahlkampfauftritt. Heute: die grüne Bewerberin Christine Buchheit im Naturbad.

Ein warmer Sommerabend in Sulz, im vielleicht grünsten Ort des Stadtteils, dem Naturbad. Hierher hat OB-Bewerberin Christine Buchheit zum Gespräch mit Bürgern geladen. Kein schlechter Platz, um ihre grüne Ideen auszutauschen. "Was ist denn das für ein Club?", fragt ein älterer Mann in Badehose, klatschnass, der an den Tischen beim Kiosk vorbeischlurft, um sich umzuziehen. "Kein Club", lacht Christine Buchheit, "ich möchte hier über meine Kandidatur informieren". Der Badegast lächelt und läuft weiter.

Gut 20 Interessierte haben sich zur abendlichen Runde eingefunden. Jüngere Frauen, ältere Männer, querbeet durch die Sulzer Bevölkerung. Christine Buchheit, im bunt gemusterten Sommerkleid und trendigen weißen Turnschuhen, beginnt locker und erzählt, wer sie ist. "Fast 52" sei sie, arbeite in Berlin im Auswärtigen Amt bei Minister Heiko Maas, Diplomatin also, Beamtin auf Lebenszeit. Der Job dort sei interessant, sei aber "weg von den Menschen", räumt sie ein. Bei Konferenzen in Brüssel werde viel geredet und diskutiert, "aber es passiert dann nichts".

Deshalb sei sie auf der Suche nach einer "politischen Aufgabe", einer Position, in der sie ihren "großen Erfahrungsschatz" einbringen könne – und auch diplomatisches Geschick. "Denn das ist wichtig", erklärt sie den Gästen. Diese holen sich am Kiosk frisches Bier, die Kandidatin trinkt Saftschorle.

Ihr Mann stamme aus Lörrach, sei beruflich ungebunden und ihre Familie mit drei Kindern sehne sich zurück ins Badische. "Wir wollen ankommen", fügt sie hinzu und berichtet dann, dass sie beruflich schon viel in der Welt und im Arbeitsleben herumgekommen sei. In der freien Wirtschaft habe sie gearbeitet, fünf Jahre war sie in Kenia. Jetzt sei Zeit für etwas Dauerhaftes, eine Aufgabe mit Wirkungskraft und Gestaltungsmöglichkeiten: Oberbürgermeisterin in Lahr.

Ihre Themen hat die Kandidatin im Kopf, einen handgeschriebenen Stichwortzettel nimmt sie nur selten zur Hand. "Die Ökologie ist bei uns hinten runter gefallen", sagt sie in die Runde. "Auch die Städte müssen ökologisch handeln, von sich aus, jetzt. Sonst werden wir von oben dazu gedrängt", wird sie deutlich.

Sie bringt konkrete Beispiele mit, was ihr als Kandidatin von außen aufgefallen sei, in den vergangenen Wochen in Lahr. Etwa, dass die Busse am Abend und am Wochenende keine gute Verbindungen böten. Lahr fehle ein Verkehrskonzept und bessere Bustakte. Von Sulz zum Bahnhof über den Schlüssel zu fahren? Hält sie für keine gute Lösung. "Das muss doch auch direkt gehen!" An den Tischen wird genickt. Ein 365-Euro-Jahressticket für den ÖPNV schlägt sie vor, oder ein Vier-Fahrten-Ticket für vier Euro an Wochenenden. "Das geht. Lörrach macht’s vor", berichtet sie.

Immer wieder wird es grün, wenn sie von ihren Einschätzungen erzählt. "Dass Zalando auf seinen riesigen Dächern nichts begrünt hat oder keine Solarstromanlagen installiert hat, ist doch ein Unding!" Da müsse Stadtplanung ansetzen, ökologische Vorgaben machen, ganz konkret. Die Zuhörergruppe wächst unterdessen. Weitere Neugierige hocken sich dazu, der Kreis wird größer. Es wird zugleich schwieriger, der Debatte zu folgen.

Lahr, sagt Christine Buchheit, habe Umbrüche wie kaum eine andere Stadt erlebt, sei geradezu "Weltmeister im Wandel". Die Stadt habe sich nach jeder Herausforderung "geschüttelt und dann ging es gut weiter". Jetzt, so schlussfolgern die Zuhörer, will die Berlinerin offenkundig Lahr auf die Öko-Herausforderungen der Zukunft einschwören.

In die Themen und Gegebenheiten der Stadt hat sich die auswärtige Bewerberin mächtig eingearbeitet, wird deutlich, wenn man ihr zuhört. Sie kennt sich mit vielen Details aus, hat Zahlen parat und sich aus vielen Gesprächen mit Ortsvorstehern, Politikern, Behördenvertretern und Gruppen die wichtigen Punkte gemerkt. Das Angebot für Kinderbetreuung will sie ausbauen, Wohnraum für alle schaffen, leere Läden wieder füllen helfen. Das sei, nun blitzt der Damen-Joker kurz auf, "Chefinnen-Aufgabe". Edeka Kohler könnte doch zum Beispiel einen neuen Lebensmittelladen in der verwaisten Lahrer Innenstadt aufmachen, mit einem Lieferservice für ältere Menschen. "Persönlich in den Laden gehen, einige frische Sachen gleich mitnehmen und den Rest, schwere Sachen, gegen Aufpreis nach Hause liefern lassen, mit einem Elektro-Lastwagen", regt sie an. Da nickt die Zuhörerrunde verblüfft. Das hat noch keiner vorgeschlagen.

Gut eine Stunde hat Christine Buchheit gesprochen und auf Fragen von Zuhörern geantwortet. Erste Gäste spielen am Handy, quatschen miteinander, auch an Nebentischen wird es lauter, die Aufmerksamkeit schwindet. Buchheit registriert das und bringt einige Punkte noch schnell auf den Tisch. Mehr Radstellplätze brauche Lahr. Warum gibt es die Leih-E-Bikes eigentlich nicht auch in Sulz? Einen Platz für Jugendliche in der Kernstadt mit WLAN müsse her. Und den Marktplatz, der reichlich Vergangenheit ausstrahle, sollte endlich bürgerfreundlicher umgebaut werden. Leer stehende Häuser bräuchten Schub von der Stadt. "In Lahr wird viel gewollt. Aber dann nicht konsequent gemacht", kritisiert sie die aktuelle Stadtpolitik, vor allem ökologisch. "Wir brauchen Konzepte, die nicht in Schubladen vergessen werden, sondern die umgesetzt werden", appelliert sie und löst dann charmant die offizielle Runde auf.

Beifall brandet auf, anerkennende Worte fliegen der Bewerberin zu. Einige Gäste gehen, andere stehen für ein weiteres Bier an und die Grüne bleibt bei der Johannisbeerschorle. Christine Buchheit kann mit dem Abend zufrieden sein.

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