Lahr "Angst vor Ansteckung schwingt mit"

Pfarrer Johannes Mette (links) salbt auch weiterhin schwer kranke Kirchenmitglieder macht aber keine Corona-Salbungen. Darum kümmert sich Pater Yesudas in Schutzausrüstung. Foto: Fischer

Lahr - Die anhaltende Isolierung und die Ängste der Bürger sind in der aktuellen Lage allgegenwärtig. Wir haben die Dekane Mette und Becker gefragt, wie Seelsorge in Corona-Zeiten funktioniert. Die katholische und evangelische Kirche haben verschiedene Ansichten.

Schutz steht an erster Stelle

Zu den Aufgaben der katholischen und evangelischen Kirche zählen nicht nur Gottesdienste, Kommunion, Konfirmation oder Taufen, sondern auch die Gemeindearbeit. Ein wichtiger Teil ist dabei die Seelsorge: Gespräche mit alten und kranken Kirchenmitgliedern oder einfach denen, die Sorgen, Probleme oder Ängste loswerden wollen.

Doch die Corona-Krise schränkt die Kirchenoberhäupter in ihrer Arbeit stark ein, das bestätigen sowohl der evangelische Dekan Rainer Becker, als auch der Dekan der Katholischen Seelsorgeeinheit "An der Schutter", Johannes Mette. Ihr Tenor: "Seelsorge findet statt, aber unter erschwerten Bedingungen."

"Die verstärkten Einschränkungen machen die Seelsorge und auch generellen Gemeinde-Besuche wie zum Beispiel bei Geburtstagen schon schwer. Im Sommer konnten wir Gespräche noch draußen abhalten, jetzt klären wir immer ab, was den Menschen am liebsten ist – ob bei ihnen zu Hause oder zum Beispiel im Gemeindehaus", erzählt Rainer Becker.

An Geburtstagen beispielsweise bringe er auch den Segen und ein kleines Geschenk an der Haustüre vorbei. "Auch, wenn jemand im Sterben liegt, versuchen wir, Termine zu machen. Mit Abstand und Maske ist das überhaupt nicht einfach, denn da wären Mut machende Berührungen wie Händeschütteln schon hilfreich."

Große Sorgen bereiten ihm die Besuche in Altenheimen, die oft nicht stattfinden könnten. "Dort können wir dieses Jahr keinen Gottesdienst feiern. Die Angst, dass das Virus ins Haus kommt, ist einfach zu groß. Der Schutz der Bewohner steht nun an erster Stelle", betont Becker.

Anspannung und Sorgen sind viel höher sind als im Sommer

Auch bei allen anderen Kirchenmitgliedern gelte das natürlich, deshalb erfolge der Erstkontakt bei Problemen auch immer übers Telefon, gegebenenfalls erfolge dann eine Einladung ins Pfarrhaus für ein persönliches Gespräch. "Ich merke, dass die Anspannung und Sorgen viel höher sind als noch im Sommer – man merkt, dass jetzt die dunkle Jahreszeit anbricht. Die Menschen sorgen sich um ihre Gesundheit und um ihre Familie", erzählt Becker. Auch kirchlich sei der November eher ein Monat des Abschiednehmens und des Gedenkens an die Toten.

Gerade am Sterbebett sei die Seelsorgearbeit für den Dekan besonders schwer mit Abstand und den Einschränkungen. "Das tut schon sehr weh. Kleine Gesten sind zentrale Dinge, die jetzt nicht möglich sind. Die Angst vor einer Ansteckung schwingt immer mit, das ist eine sehr große Belastung für meine Kollegen und mich und ist furchtbar anstrengend", sagt Becker.

Bei Seelsorgegesprächen gehe es nicht primär um einen "frommen Bibelspruch, sondern vielmehr darum, ein offenes Ohr und Herz zu haben, gut zuzuhören und das Signal zu geben, "dass wir da sind". Oft erzähle Becker auch von seinen persönlichen Erfahrungen, was ihm in schwierigen Situationen selbst hilft als Angebot zur Stütze. "Es ist wichtig, die Beziehungen zu uns selbst und zur Kirche, aber auch untereinander zu der Familie zu stärken. Gott ist dabei und spendet Trost", sagt Becker.

Auch in der katholischen Kirche sind Gespräche mit den Seelsorgern prinzipiell möglich, bestätigt Dekan Johannes Mette. Die Beicht­gespräche fänden entweder in Kapellen oder in den Sälen der Gemeindehäuser statt, der Beichtstuhl sei dafür in Corona-Zeiten ungeeignet.

"Die Nachfrage nach Gesprächen mit Seelsorgern ist nicht sprunghaft angestiegen. Es gibt aber zunehmend Menschen, die auf die Maßnahmen schwierig reagieren und sie nicht einordnen können, was dann zu Diskussionen führt. Durch eine solche Abwehrhaltung können sich Ängste auch kanalisieren", sagt der katholische Dekan.

Ein wichtiger Teil der Seelsorge in der katholischen Kirche ist die Krankensalbung (siehe Info). Auch diese fände weiterhin statt, aber seine Kollegen seien dabei in volle Schutzmontur eingepackt, mit Kittel und Handschuhen. Er sei dazu, gerade im März und April, auch oft ins Klinikum gerufen worden. Von einem Arzt habe das Lahrer Dekanat Anweisungen, Schutzkleidung und eine Schulung bekommen. Seelsorgegespräche führe er im Klinikum allerdings nicht, dafür gebe es dort eigene Seelsorger.

Das Händeschütteln fehlt bei vielen Anlässen

"Die Salbung bei Krankheit oder am Sterbebett gehört dazu und ist wichtig. Ich würde niemals sagen, dass ich wegen der Angst, sich dabei anzustecken, nicht komme. Auch bei Corona-Patienten hat unser Pater Yesudas das schon gemacht", erzählt Mette.

Seit mehreren Monaten sei er allerdings nun für keine Salbung mehr gerufen worden. Auch die Salbungen bei Gottesdiensten mit 40 bis 50 Menschen finden nun natürlich nicht statt, so Mette. Bei allen anderen Anlässen außer der Salbung muss der Mindestabstand eingehalten werden. "Berührungen sind wichtig. Das Händeschütteln fehlt bei vielen Anlässen, besonders am Grab beim abschließenden Gebet ist das schmerzlich."

Er habe gemerkt, dass es einige Menschen, die Seelsorgegespräche wünschen, mehr Zeit hatten, um über ihr Leben nachzudenken, und dieses jetzt ändern wollen. "Die finanziellen Sorgen sind schon größer geworden. Auch die Zusammenarbeit mit der Caritas ist etwas mehr geworden."

Die Seelsorge sei durch Corona schwieriger geworden. Dennoch sieht Mette etwas Positives: "Ich habe mehr Zeit für Telefonate und kann mir dadurch noch mehr Zeit nehmen für die, die sie wirklich brauchen."

Krankensalbung

Schwer kranke oder im Sterben liegende Kirchenangehörige oder deren Familie können für eine Segnung den Priester zur Salbung rufen. Die Krankensalbung oder heilige Ölung ist eine in vielen Kirchen praktizierte Handlung, die vor allem mit Anweisungen aus dem 5. Kapitel des Jakobusbriefes begründet wird.

In der römisch-katholischen Kirche, den altkatholischen und den orthodoxen Kirchen gilt die Krankensalbung als Sakrament. Früher wurde die Krankensalbung in der katholischen Kirche als Letzte Ölung bezeichnet; innerhalb der anthropo­sophisch orientierten Christengemeinschaft wird sie auch heute noch so genannt.

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