Lahr Altstadtflair, das es so nicht mehr gibt

Der Wickertsheimer-Weg wird am Freitag, 9. September, eingeweiht. Der Schwarzwaldverein will damit an den Lahrer Kunstmaler Wilhelm Wickertsheimer erinnern. In einer Serie stellen wir einige Stationen vor – heute das Gerberviertel.

 

Lahr. Als er 1936 von der Bismarckstraße in westliche Richtung schauend diese Altstadtszenerie am Spital im Bild festhielt, hatte Wickertsheimer eine Vision, die nicht Wirklichkeit geworden ist, denn der "Kanal" blieb nicht erhalten, sondern wurde in Etappen bis zum Ende der 1970er-Jahre aufgefüllt. Im hier gezeigten Bereich geschah es in Zusammenhang mit dem Abriss der Zehntscheuer Ende der 1960er-Jahre.

Einige Lahrer werden sich noch daran erinnern, dass die damalige vom Gewerbekanal durchquerte Altstadt sich nicht so romantisch präsentierte, wie es das Gemälde nahelegt. Das Wasser stank zeitweilig bestialisch und Ratten sprangen munter herum. Es war eben noch die Zeit, in der man unverantwortlich und sorglos mit den Fließgewässern umsprang, sie zu Abflussrinnen und Kloaken degradierte.

Die "Neue Schutter" – wie viel schöner ist doch diese historisch belegte Bezeichnung als der Name "Gewerbekanal" – wurde vor vielen Jahrhunderten im Bereich der Gerolds­ecker Vorstadt (beim heutigen Padberg-Wehr) vom originären Flussbett der alten Schutter abgeleitet, um zunächst die Bischofsmühle (später Lohmühle genannt) am Standort der ehemaligen alten Ölfabrik Schmidt anzutreiben und weiteren Mühlen in der Stadt und den Gerbern und Färbern dienlich zu sein. Das Padbergwehr gab es schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zuvor hatte ein Damm für die Aufstauung der Schutter gesorgt, um Wasser für den Durchfluss des Bettes der Neuen Schutter, das mitten durch die Altstadt führte, abzuzweigen.

Die Neue Schutter floss ab der Klostermühlgasse quer durch den alten Friedhof neben der Stiftskirche, entlang der Waldstraße (heute Max-Planck-Straße) auf den heutigen Rossplatz zu und von dort in Richtung Stadtmühle. Sie wäre heute, bei der allgemein verbesserten Wasserqualität, eine Augenweide und Attraktion, ein "Klein-Venedig", wie auf dem Bild angedeutet. Sie dürfte auch in der ferneren Vergangenheit, als die Gerber noch zugange waren, üble Gerüche abgegeben haben. Bei Grabungen im Bereich des Rossplatzes wurden einige hölzerne Wannen gefunden, die an deren Tätigkeit erinnern. Die Schaller’sche Gerberei hatte beispielsweise ihren Standort auf dem Rossplatz im Gebäude der früheren, mittlerweile abgerissenen Zehntscheuer.

Nachdem der Zehnte im 19. Jahrhundert abgelöst worden war, diente die Scheuer – das Fachwerkgebäude in der Bildmitte – verschiedenen gewerblichen Zwecken. Die hintere Brücke, die auf dem Bild zu entdecken ist, führte nach rechts in die Rossgasse. Wer dort links abbog, erreichte den Schlossplatz und die Marktstraße. Die vordere Brücke führte zum Gasthaus zum Bären, dem "Bier-Bären".

Auf dem Originalbild ist das Spital nicht zu sehen

Etwas rätselhaft mutet an, dass der Maler die sich links anschließende Nordfassade des Spitals außen vor gelassen hat. Ihm war vielleicht der Zusammenhang von Wohnen, Handwerk und der Lebensader Wasser wichtiger. Auf der nicht gezeigten linken, südlichen Seite stand und steht heute noch das im Zeitraum von 1837 bis 1843 errichtete Spitalgebäude, das kürzlich modernisiert und durch einen Anbau erweitert wurde. Vorgängerbau war der Schellische oder Kanoffski’sche Hof gewesen, der im 17. Jahrhundert Maria Salome Kanoffsky von Langendorf gehörte, der Tochter des Freiburger Stadtkommandanten Oberst Friedrich Ludwig Kanoffsky von Langendorf, der in der Thomaskirche in Straßburg begraben liegt. Sie verkaufte den Hof an Hofrat Scheid, der nächste Besitzer war Kammerrat Schell. Dessen Erben verkauften 1748 das Anwesen an den Rotgerbermeister Jakob Baum und seine Ehefrau Anna Maria, geborene Wolf. Am 19. Mai 1753 kaufte die Stadt Lahr den Gesamtkomplex für 2400 Gulden, um das Spital wiedereinzurichten, das östlich des Dinglinger Tors (Kaiserstraße, beim ehemaligen Modehaus Menzer) seit Langem in Trümmern gelegen hatte.

Auf dem Foto, das die heutige Situation wiedergibt, erkennt man kaum noch Ähnlichkeiten mit dem einstigen Gerberviertel. Die an die Neue Schutter angrenzenden Häuser sind ebenso verschwunden wie die Zehntscheuer und das Haus links im Hintergrund, das einem blau gestrichenen Neubau weichen musste. An dieser Stelle macht die Aufstellung einer Stele mit Wickertsheimers gemaltem Altstadtflair besonders Sinn, weil das Verschwundene zur Erinnerung oder zum Kennenlernen wiederkehrt.

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