Lahr Als die erste Lok durch Lahr fuhr

Norbert Klein

Geschichte: Wie die Bahn in die Stadt kam, Premierenfahrt fand heute vor 175 Jahren statt

Lahr - Auf den Tag genau vor 175 Jahren fuhr die erste Lokomotive mit mehreren Passagierwaggons im provisorischen Bahnhof in Dinglingen ein. Doch wie kam es, dass gerade die südbadische Provinz so früh an ein Eisenbahnnetz angeschlossen wurde?

Eisenbahngeschichte in Lahr begann vor 175 Jahren 

Die Regionalgruppe Geroldseckerland im Historischen Verein für Mittelbaden bemüht sich jedes Jahr, Jubiläen von historischen Ereignissen zu beleuchten. Dieses Jahr steht zwar das Ende des Zweiten Weltkriegs im Mittelpunkt, dennoch sollte nicht vergessen werden, das vor genau 175 Jahren die Eisenbahngeschichte in Lahr Einzug hielt.

Zunächst einmal aber soll kurz die Entwicklung der Dampfmaschine beleuchtet werden: 1712 Erfindung der Dampfmaschine für eine Wasserpumpe in walisischen Bergwerken; 1769 dann montiert Nicholas Cugnot eine Dampfmaschine auf Rädern, um Artilleriekanonen zu transportieren. 1804 probt Richard Trevethick den ersten Einsatz auf einem Schienenfahrzeug und letztendlich setzt der legendäre George Stephenson 1814 die Vorgängerpläne um und entwickelt die erste Lokomotive, die unter dem Namen "Rocket" in die Eisenbahngeschichte eingeht.

Allerdings erst elf Jahre später ist die "Rocket" so weit fortentwickelt, das eine erste Passagierfahrt erprobt werden kann. Am 15. September 1830 findet die erste Jungfernfahrt einer Bahn auf der neu gebauten Eisenbahnstrecke zwischen Liverpool und Manchester statt.

Der innovative Landesherr von Baden, Leopold, entsandte daraufhin Ingenieure nach Liverpool, um die verkehrstechnische Neuentwicklung zu begutachten. So kam es, dass die badischen Ingenieure begeistert nach Karlsruhe zurückkehrten und den 40-jährigen Großherzog überzeugten, diese technische Neuheit ebenfalls einzuführen.

Großherzog schickt Ingenieure nach England

Und dann kam eins zum anderen: Großherzog Leopolds Kabinett verabschiedete am 2. April 1838 das Badische Eisenbahngesetz. Beschlossen wurde damals der Bau einer Eisenbahnstrecke von Mannheim nach Basel. Die Techniker, zu denen auch der englische Ingenieur Thomas Turner gehört, der von den Badenern abgeworben worden war, machten sich sofort an die Umsetzung des Kabinettsbeschlusses.

Bereits am 29. August 1840, am Geburtstag von Leopold, wurde das erste Teilstück zwischen Mannheim und Heidelberg eröffnet. Der Großherzog hatte es sich nicht nehmen lassen, vor der Eröffnung die Strecke persönlich abzufahren und sich dabei die Bahnhofsneubauten und die dazugehörigen Werkstätten zu besichtigen.

Rufen wir uns aber nochmals diesen denkwürdigen Akt der Eröffnung der ersten Badischen Eisenbahnstrecke in Erinnerung. Nur zehn Jahre nach der Einführung des Personen- und Güterverkehrs auf einem Schienenstrang, hatte das kleine Land Baden diese innovative Idee ebenfalls umgesetzt.

Mehr als 200 Kilometer Streckennetz

Und nur fünf Jahre später war auch Lahr bereits an das Badische Schienennetz angeschlossen. Mit Elan war ab 1840 der Streckenausbau nach Süden fortgesetzt worden: Es ging von Mannheim über Heidelberg, Bruchsal und Durlach sowie Karlsruhe, weitere Stationen waren Rastatt, Baden-Baden, nach 137,9 Kilometern konnte der Zug in Appenweier und ab dem 1. Juni 1844 auch in Offenburg (Kilometer 145,5 ) und schließlich in Lahr (Kilometer 163,6) und ab dem 30. Juli 1845 nach insgesamt 208 Kilometern Strecke in Freiburg halten.

Am 20. Februar 1855 konnte der Ausbau entlang des Rheins abgeschlossen und der Badische Bahnhof Basel eingeweiht werden. Doch damit nicht genug: Die Pläne waren in der Zwischenzeit weiterentwickelt worden, sodass über Bad Säckingen und Waldshut der Eisenbahnverkehr bis nach Konstanz (13. Juni 1863) fortgeführt werden konnte.

Zurück zur Jungfernfahrt auf der Strecke Offenburg–Freiburg am 30. Juli 1845: Auch bei dieser Fahrt mit der Lokomotive "Zähringen"  ließ es sich Großherzog Leopold nicht nehmen, dabei zu sein. An jeder Station ließ er anhalten, damit ihm die Bürgermeister und andere Honoratioren vorgestellt werden konnten. Dies geschah selbstverständlich auch in Dinglingen, wo der Lahrer Oberbürgermeister Karl Funk und der Dinglinger Vogt Christian Bader die Herzöge begrüßte. Und das, obwohl es vor Ort noch gar kein Bahnhofsgebäude gab, denn dieses wurde erst ein Jahr später, 1846, fertiggestellt.

Vor der Jungfernfahrt fand jedoch bereits am 27. Juli eine Hauptversuchsfahrt von Karlsruhe bis nach Freiburg statt, die 6,5 Stunden dauerte. Eingesetzt waren 21 Waggons, in denen neben Ministerialbeamten und –angestellten auch ausgewählte Bürger saßen, die eine Freikarte erhalten hatten.

Einige Episoden dürfen in dieser "kleinen Eisenbahngeschichte" nicht fehlen. Das erste "Eisenbahnopfer" war bereits am 14. August 1845 zu verzeichnen: ein Schlosser, der auf der Bahn arbeitete, beging Selbstmord, indem er sich zwischen Emmendingen und Denzlingen auf die Schienen legte. Dann spielte die Bahnverbindung während der Badischen Revolution 1848/1948 mehrfach eine tragende Rolle.

Freischärler werfen Schienen in den Fluss

Weil man befürchtete, dass nach der Ausrufung der Republik durch den Revolutionär Gustav Struve in Lörrach preußische Soldaten nach Süden transportiert werden sollten, blockierten Lahrer und Friesenheimer Republikaner am 22. und 23. September 1848 die Strecke bei Friesenheim. In Orschweier wurde die Bahnlinie sogar sabotiert. 81 Freischärler demontierten die Brücke über den Ettenbach und warfen die Schienen in den kleinen Fluss.

Und am 25. und 26. Juli 1849 wurde die Eisenbahn in Dinglingen wiederum angehalten, weil Lahrer Konterrevolutionäre damals vermuteten, dass sich im Zug die Staatskasse der badischen, provisorischen Regierung unter Brentano befand, die in die Schweiz in Sicherheit gebracht werden sollte.