Lahr 30 Jahre Mauerfall würdig gefeiert

Die Gesprächsrunde mit Guido Schöneboom (links) kam beim Publikum gut an. Foto: Wilhelm Foto: Lahrer Zeitung

Vor rund 130 Zuhörern ist am Samstag im Schlachthof mit einem Konzert der "Seilschaft" (der ehemaligen Band von Gerhard Gundermann) der Bedeutung des 9. Novembers 2019 ausführlich Rechnung getragen worden.

Lahr. Als erfolgreicher Anwalt gegen das Vergessen agierte der Erste Bürgermeister Guido Schöneboom, der zusammen mit Birgit König, Leiterin der Mediathek, als Initiator des Abends wirkte und damit ohne angestaubte Ostalgie die Lebensleistung vieler ehemaliger DDR-Bürger anerkannte.

In seiner Begrüßungsrede hat der neue Oberbürgermeister Markus Ibert vor allem darauf hingewiesen, dass sich heutzutage der Ruf der Leipziger Montagsdemonstranten "Wir sind das Volk" angesichts der aktuellen Situation in der Bedeutung "Wir sind ein Volk" verankern muss.

Anschließend moderierte König eine kleine Gesprächsrunde mit Schöneboom, Tina Powileit, der Schlagzeugerin der "Seilschaft", Keyboarder Michael Nass und Christine Thom-Schindowski vom Verein "Gundermanns Seilschaft" in Tübingen. Schöneboom antwortete auf die Frage, was er mit der "Seilschaft" verbinde, "Freundschaft" – und schilderte, dass der Virus "Gundermann" im Hause Schöneboom auch die nächste Generation infiziert hat. Thom-Schindowski machte keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für "die Seilschaft" und meinte, würde man sie vor die Wahl stellen, ein Konzert der "Seilschaft" oder der "Stones" zu besuchen, dann wäre sie für "die Seilschaft".

Band verzeiht Stasi-Vergangenheit

Sehr bewegend waren die Schilderungen von Nass darüber, wie die Band mit dem Stasi-Outing von Gundermann umgegangen ist und ihm letztendlich verziehen hat. Powileit schilderte die Entstehung der Band. Die bekannte DDR-Band "Silly" hat als Dankeschön für die Arbeit Gundermanns als Texter ihrer Stücke sein Album "Einsame Spitze" als Begleitband eingespielt. Für die Livepräsentation dieses Albums stand "Silly" aus zeitlichen Gründen jedoch nicht zur Verfügung.

Das war die Initialzündung für "Gundermann und Seilschaft" mit Powileit als Frau der ersten Stunde. Neben Nass sind noch Mario Ferraro und Andreas Wieczoreck Gründungsmitglieder, die noch mit Gundermann getourt haben und bis zu seinem Tod 1998 viele erfolgreiche Songs mit ihm geschrieben haben. Nach Gundermanns Tod – beim Revival der Band 2008 zu Gundermanns zehntem Todestag – stießen Christoph Frenz und Leadsänger Christian Haase hinzu.

"Die Seilschaft" präsentierte dem Publikum einen genrereichen Abend. Die teilweise melancholischen Texte Gundermanns von Abgehängtsein und Desillusionierung, packte die Band in schmissige Arrangements, die von Rock über Country und Folk ein breites Stimmungsbild wiedergaben. Dabei prägte Wieczoreck mit Saxofon, Flöte oder Bluesharp den Genremix, mal soulig bei dem Song "Herzblatt" oder im Country-Stil bei der Ode an die Umweltschutzbewegung "Grüne Armee".

Bei dem Song "Der siebte Samurai" intonierte Ferraro gekonnt die Gitarre sogar im Afrosoul-Stil, und das "Hajojo" ging den zahlreichen Zuhörern kräftig in Kehle und Beine. "Die Seilschaft" demonstrierte erfolgreich, wie man die faszinierenden Texte Gundermanns in einen zeitlosen Anzug einkleidet. Die Zuhörer im Schlachthof, eingebettet in den Sound und das Licht der Lahrer Rockwerkstatt, honorierten schließlich den gelungenen Abend mit der Forderung nach mehreren Zugaben.

Gerhard Gundermann, der singende Baggerführer, ist im Osten Deutschlands eine Kultfigur. Geboren 1955 in Weimar, zählte "Gundi" zu jenen, die weder im Staatssozialismus der DDR noch im wiedervereinigten Deutschland ihre politische Heimat fanden. Sein Leben zeigt eine kontroverse Biografie, vom Offiziersschüler bis zum Hilfsmaschinist, trotz seiner erfolgreichen Musikerkarriere. Ob als IM-Mitarbeiter oder später als ausgestoßener Genosse, die vielen Facetten seines Lebens finden Eingang in den Texten.

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