Kunstprojekt in Ettenheim Junge Ukrainer offenbaren ihre Gefühle mit Graffiti

Julia Göpfert

Wie seinen Gefühlen Ausdruck geben, in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht? Die Ettenheimer Heimschule St. Landolin schlug ukrainischen Jugendlichen vor, sie einfach als Graffiti an die Wand zu sprühen.

Ettenheim - Das Graffiti-Sprühen sei für ihn eine ganz neue, großartige Erfahrung gewesen, berichtet Artem, einer der acht ukrainischen Jugendlichen, die bei der Aktion mitgemacht haben, auf Englisch. Natürlich habe er schon zuvor gesehen, wie Leute Graffiti an die Wand gesprüht hatten, selbst ausprobiert habe er es zuvor aber noch nie. Im Gespräch mit unserer Zeitung wird deutlich, wie stolz er darauf ist, nun selbst ein Graffiti, ein grünes Auto, geschaffen zu haben. Die ukrainischen Menschen, besonders die jungen, hätten im Krieg viele schlechte Erfahrungen gemacht. Bei der Graffiti-Aktion habe er diese für einige Stunden vergessen können.

Was sich nun dort an der Wand beim Sportplatz der Heimschule St. Landolin findet, hat aber weniger mit dem aktuellen Krieg oder der Politik als mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu tun: sich öffnende Blüten, ein roter Drache oder eine Frau mit Corona-Maske. Motive, die sie zum Teil als Vorlage im Internet gefunden haben und die sie irgendwie ansprachen. Und nicht nur sie: Die Graffiti erregten auch die Aufmerksamkeit der Heimschüler, die bereits in den Pausen vorbeikamen, um die entstandenen Werke zu betrachten und zu bewundern.

Aktion hat Jugendliche verschiedener Nationen zusammengeschweißt

"Es sind echt krasse Talente darunter, manche hatten es schnell drauf", urteilt der Freiburger Graffiti-Künstler Philipp Barth, der den Jugendlichen, die Grundlagen vermittelt und auch mitgeholfen hat, den Graffiti den letzten Schliff zu verleihen. Zwar haben sie alle zum ersten Mal in ihrem Leben Graffiti gesprüht, manche brachten aber Vorerfahrungen im Zeichnen mit, die ihnen dabei halfen, das gewünschte Motiv umzusetzen. Letztendlich gehe es bei der Aktion auch weniger um Perfektion, als darum Spaß zu haben, betont der Freiburger Künstler.

Nur zwei Wochen hatte es gedauert, die Idee des Graffiti-Projekts umzusetzen. Herangetragen worden war sie an Barth von Christoph Bühler, dem Vater eines Freundes, der als Lehrer an der Heimschule arbeitet. Normalerweise sei die Vorlaufzeit für seine Workshops länger. Die Graffiti-Dosen wurden erst am Tag vor der Aktion gekauft, die Motive von den ukrainischen Jugendlichen erst am Morgen desselben Tages ausgewählt.

"Besonders glücklich sind wir über das vorbehaltlose Miteinander der Jugendlichen mit russischen, ukrainischen und deutschen Wurzeln während der gesamten Aktion. Dadurch entstand ein Vertrauen stiftendes Klima, in dem die jungen Menschen aus der Ukraine Wertschätzung erfahren und als Schaffende ihre je eigenen Motive zum Ausdruck bringen konnten", berichtete Initiator Bühler, der die pädagogische Leitung der Gymnasien der Heimschule St. Landolin innehatte, der Lahrer Zeitung. Die Verständigung mit Barth war über drei Schüler aus der Klasse G8a möglich, die die gesamte Zeit über anwesend waren und Ukrainisch oder Russisch sprachen. Aber auch nonverbal gelang es, sich zu verständigen und Kunstwerke entstehen zu lassen.

Der 18-jährige Phlipp Barth hat sich in der Graffiti-Szene bereits einen Namen gemacht und auch schon einige Wettbewerbe gewonnen. Mit seinen Motiven nehme er die Leute gerne auf den Arm – etwa hinsichtlich ihrer Oberflächlichkeit, erläutert Barth. Seine. Kunst sehe er multimedial, so arbeitet er etwa auch mit Musik und Film. Nach dem Abitur will er ein Jahr Pause machen, um sich so weiter seiner Kunst zu widmen.

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