Kundgebung in Lahr Demonstranten fordern Ende des Ukraine-Kriegs

Endrik Baublies

Die Demo auf dem Rathausplatz hat gezeigt, dass der Krieg in der Ukraine viele Lahrer erschüttert. Alt-OB Müller hob hervor, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR sehr viele Menschen von dort in Lahr eine neue Heimat gefunden haben.

Lahr - Etwa 250 Lahrer, darunter auch etliche Aussiedler aus Russland, waren zu der Kundgebung gekommen, zu welcher der Freundeskreis Flüchtlinge eingeladen hatte. Die Farben Blau und Gelb, die die ukrainische Nationalflagge prägen, waren in der Menge nicht zu übersehen. Einige Gruppen zeigten sogar Flagge, indem sie abwechselnd gelbe oder blaue Jacken trugen. Neben Wolfgang G. Müller, Lahrer OB von 1997 bis 2019, sprach Oleksandra Valter, die aus Cherson im Süden der Ukraine stammt. Auch Günter Endress, einer der Sprecher des Freundeskreises, und Herbie Wickertsheim, der die Flüchtlingsband "The Worlderers" gegründet hat, unterstützten das Anliegen der Versammlung.

Müller zog in seiner Rede einen historischen Rahmen, der mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 begann und bis zur Gegenwart, dem Überfall Putins auf die Ukraine, reichte. Ob gegenüber Russland in der Mitte der 1990er-Jahre und im Zuge der schnellen Osterweiterung der NATO Fehler gemacht wurden? Das ließe sich so einfach nicht beantworten. Putin als Nazi zu deklarieren – das sei jedenfalls falsch. "Vergleiche mit Nazis gehen immer in die Hosen." Auch "aalglatte Statements" – etwa in Antalya beim Gipfel des russischen Außenministers Sergej Lawrow mit dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba oder "wohlfeile Formulierungen" in Talkshows – seien keine Hilfe. Es gebe nur einen Weg: Müller forderte ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen und sprach damit den Besuchern auf dem Rathausplatz aus dem Herzen.

In Lahr haben nach dem Ende des Kalten Krieges viele Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen UdSSR Zuflucht gesucht und gefunden. Das Heute-Journal im ZDF brachte am Samstagabend dazu einen Bericht aus der "kleinen Stadt Lahr" mit Bildern und kurzen Statements von Bewohnern des Kanadarings. In dem Beitrag war von 10 000 Menschen aus Russland die Rede, die in Lahr heimisch geworden seien. Auch der Alt-OB war sich sicher, dass die Stadt vor diesem Hintergrund "eine besondere Rolle in der Region" spiele. "Russisch ist die zweite Alltagssprache in Lahr."

Auffallend war, dass auch etliche ehemalige Aussiedler an der Demonstration gegen Putins Krieg teilnahmen. Es waren vor allen Aussiedler, die sich immer um ein gedeihliches Miteinander in Lahr bemüht haben und das immer noch mit Engagement tun. Müller nannte unter anderem Nina und Hilde Beck sowie Waldemar Held. Auch Alexander Marker ist hier hervorzuheben – er war am Samstag ebenfalls gekommen. Unter den Besuchern waren auch OB Markus Ibert und der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner.

Müller erinnert an Lage der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

Müller betonte, dass es nach dem Ende des Kriegs in der Ukraine irgendwie auch wieder ein Miteinander in Europa geben müsse. Er erinnerte an die Situation der Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zitierte den Dichter Ferdinand Freiligrath sinngemäß so: "Trotz alledem gibt man sich wieder die Hand."

Günter Endress, Jahrgang 1944, betonte, dass er nun so lange in Frieden habe leben dürfen. Oleksandra Valter, die mit anderen Teilnehmern aus ihrer Heimat zum Schluss die ukrainische Nationalhymne sang, beschrieb die Lage dort so: "Die russische Armee hat auf dem Boden keinen Erfolg." Daher würden mehr und mehr Luftangriffe geflogen, weshalb die ukrainische Armee jetzt dringend Hilfe in der Luft benötige.

Herbie Wickertsheim hatte die Versammlung mit dem Lied von Udo Lindenberg "Komm, wir ziehen in den Frieden" eröffnet. Bei dem Refrain "Give Peace a Chance" von John Lennon und der "Plastic Ono Band" aus dem Jahr 1969 sangen die meisten mit, auch wenn das unter den Masken nicht zu sehen war. Valter und ein knappes Dutzend Landsleute beendeten die Kundgebung mit dem Singen der ukrainischen Nationalhymne.

Die von Herbie Wickertsheim gegründete Gruppe "The Worlderes", die aus Flüchtlingen besteht, will am kommenden Samstag, 19. März, auf dem Lahrer Sonnenplatz erneut ein Zeichen gegen Aggression setzen und musikalisch für eine Kultur des Willkommens werben. Das Konzert soll um 10 Uhr beginnen.

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