Kollektive Zwangserkrankung? Experten geben mit Blick auf Corona-Pandemie Entwarnung

Das rasche Ausbreitung des Covid19-Virus hat viele Menschen alarmiert, sie halten Hygieneregeln ein. Wenn aber diese Gedanken den Alltag beeinträchtigen und das Handeln bestimmen, kann eine Zwangsstörung vorliegen. Foto: Oberbergkliniken / Xavier Sotomayr

Maske tragen, Hände waschen, Abstand halten: Die Covid-19-Vorsichtsmaßnahmen haben unser Verhalten verändert. Leiden bereits alle an einer kollektiven Zwangserkrankung? Nein, geben die Experten der Oberberg Fachkliniken Entwarnung.

Hornberg/Wiesbaden - "Die Covid-19-Abstandsmaßnahmen und die Sorge, uns selbst oder andere mit dem Virus anzustecken, hat unser Verhalten verändert", heißt es in einer Mitteilung der Oberbergkliniken. Sie bringe die Menschen dazu, im Gespräch mehr als einen Schritt zurückzutreten, es zu vermeiden, Türklinken anzufassen oder möglicherweise zum dritten Mal am Tag das Smartphone mit dem Desinfektionstuch zu reinigen. Manchmal schleichen sich die Gedanken ein: Ist das eigentlich noch normal oder ist die Angst vor der unsichtbaren Gefahr völlig übertrieben?

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Ein Bedürfnis nach Sicherheit habe grundsätzlich jeder, so die Experten der Oberbergkliniken. Die aktuelle Bedrohung führe auch bei gesunden Menschen zu zwanghaft anmutenden Handlungsweisen, etwa häufigem Händewaschen oder Vermeiden von Körperkontakt außerhalb der Familie.

Kritisch wird es dann, wenn das Handeln mit quälenden Gedanken oder inneren Bildern verbunden sei: Das verursache ausgeprägte Ängste, Ekel oder großes Unbehagen. Um diese Gefühle zu unterdrücken oder zu neutralisieren, würden Menschen, die an Zwängen leiden, bestimmte Handlungen ständig wiederholen. Auch, wenn sie sie meist als unsinnig oder zumindest übertrieben empfänden. Auf Dauer führt das zwanghafte Verhalten jedoch häufig zu einem enormen Leidensdruck. Nimmt das Zwangsverhalten täglich mehr als eine Stunde in Anspruch, erhärtet sich der Verdacht auf eine klinisch relevante Zwangsstörung.

Zwangssymptome werden aus Scham verschwiegen

Experten gehen davon aus, dass in Deutschland schätzungsweise eine Million Menschen unter dem peinigenden Drang leiden, bestimmte Handlungen ausführen zu müssen. Die meisten Betroffenen, weiß Andreas Wahl-Kordon, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Hornberg, verschweigen ihre Zwangssymptome aus Scham. Deshalb würde die Krankheit oft nicht richtig oder erst spät erkannt. Das belegt eine Studie von Wahl-Kordon und Team, die Patienten in ambulanter fachpsychiatrischer Behandlung auf pathologische Zwänge hin untersuchte. Mehr als 70 Prozent der getesteten Patienten zeigten eine Zwangsstörung, welche zuvor nicht diagnostiziert wurde. Man müsse gezielt nachfragen, so Wahl-Kordon. Denn: "Viele Patienten sehen ihre Zwänge nicht als Erkrankung, sondern eher als peinliche Macke, die es zu verstecken gilt." Man könne jedoch mit fünf Fragen herausfinden, ob eine Zwangsstörung möglicherweise vorliegt: "Benötigen Sie viel Zeit fürs Waschen und Putzen? Haben Sie sich schon öfter dabei ertappt, Tätigkeiten mehrfach zu kontrollieren? Werden Sie von Gedanken gequält, die Sie nicht loswerden können? Benötigen Sie für alltägliche Tätigkeiten übermäßig viel Zeit? Sind Sie besonders sorgfältig, was Ordnung und/oder Symmetrie betrifft?" Wer eine dieser Fragen mit "Ja" beantwortet und bereits wiederkehrende Beeinträchtigungen erlebt hat, könnte laut den Experten der Oberbergklinik unter einer Zwangsstörung leiden.

Wegen der Corona-Krise befürchtet Wahl-Kordon, dass sich bei mehr Menschen Zwangsstörungen entwickeln könnten. "Die Pandemie stellt eine Stresssituation für die gesamte Bevölkerung dar. Besteht eine biologische oder genetische Veranlagung, eine Zwangsstörung zu entwickeln mit einem erhöhten Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle, so kann die Pandemie bei den Betroffenen Auslöser für einen Ausbruch der Krankheit sein", erklärt der Psychiater und Psychotherapeut.

Die Pandemie hat auch Folgen für Patienten mit einer diagnostizierten Zwangsstörung. "Viele Betroffene fühlen sich momentan in ihrem Verhalten bestätigt", sagt Psychiater Tobias Freyer, Ärztlicher Direktor der Oberberg Parkklinik Wiesbaden, dazu.

Irrationale Angst wird zur realen Gefahr

Wer an Kontaminationsängsten leidet, vermeidet es typischerweise, Hände zu schütteln oder Ähnliches. Zwanghaftes Waschen und Desinfizieren gehören zum täglichen Ritual. Durch Covid-19 sind diese Handlungen auf einmal in einem gewissen Maße sinnvoll oder sogar vorgeschrieben. Was zuvor eine irrationale Angst war, wird jetzt zur realen Gefahr. Das kann bestehende Zwangssymptome verstärken.

Eine psychotherapeutische Behandlung mit angeleiteten Expositionsübungen ist dann das erste Mittel der Wahl, erklärt Wahl-Kordon, der die aktuelle Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Zwangsstörungen mit entwickelt hat. Bei diesen Übungen wird der Patient mit Situationen konfrontiert, die den Zwang auslösen, ohne dass er diesem nachgeben darf. Es geht also zum Beispiel darum, eine Türklinke anzufassen und sich mit der Hand durch Gesicht und Haar zu streichen, ohne sich danach waschen zu dürfen. "Das ist für die Patienten eine enorme Überwindung und mit großer innerer Unruhe verbunden", sagt Wahl-Kordon. Die Betroffenen lernen aber, die dem Zwang zugrunde liegenden Gefühle wie Angst oder Ekel zu regulieren. Durch dieses Verfahren wird das zwangsgesteuerte Verhalten auf Dauer durch normales Verhalten "überschrieben", ergänzt Freyer. Die Chance, die Zwänge dadurch loszuwerden oder zumindest stark zu verringern, sei sehr hoch. Wer also Zwangssymptome bei sich feststelle, solle diese nicht verschweigen, sondern sich professionelle Hilfe suchen, so die Bitte der Psychiater.

Mehr Hintergrund zu Therapiemöglichkeiten bei Zwangsstörungen gibt es im Internet unter www.oberbergkliniken.de/artikel/zwangsstoerungen-behandeln-selbsthilfe-therapiemoeglichkeiten

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