Kippenheim Gemeinderat: Kippenheimer Ärger immer größer

Auch wenn seit fast zwei Jahren auf der Kippenheimer Ortsdurchfahrt Tempo 30 gilt – der Lärm, den die gut 20 000 Autos täglich produzieren, ist immer noch deutlich zu laut. Foto: Archivfoto: Bender

Kippenheim - "Fortschreibung des Lärmaktionsplans" – ein unspektakulär anmutender, weil formaler Tagesordnungspunkt wurde bei der Sitzung des Kippenheimer Gemeinderats zum Ärger-Thema: Ärger über Bürokratie, Ärger über Tempo 30, Ärger über Nachbarn.

"Es ist eine undankbare Aufgabe, die sie bei uns haben", erklärte Julian Siefert (SPD) in Richtung Attila Villany, der am Montag vom Freiburger Büro Fichtner nach Kippenheim gekommen war. Die Fachfirma hatte 2016 einen Lärmaktionsplan für die Gemeinde erarbeitet, der nun vorschriftsgemäß überprüft und möglicherweise veränderten Bedingungen angepasst werden sollte.

Im Fokus: die B 3, die nach wie vor Hunderte Menschen mit mehr Lärm beschallt, als gut für sie ist (wir berichteten). Villanys Fazit: Es habe sich bereits einiges getan, es ginge aber noch leiser. Verbesserungen könnten etwa mit dem Einbau von Flüsterasphalt auf der Straße und Schallschutzfenstern an den Häusern erzielt werden. Und natürlich mit einer Umfahrung. Indes sei festzuhalten, dass die Drosselung von Tempo 50 auf 30 eine "gut wahrnehmbare" Lärmminderung gebracht habe.

Spätestens an diesem Punkt wollten die Räte nicht mehr mitgehen und es wurde klar, was Siefert mit seinen eingangs zitierten Worten gemeint hatte: Über den Verkehrsexperten ergoss sich ein wahrer Ärger-Regen. Versuche von Bürgermeister Matthias Gutbrod, den Frust in andere Bahnen zu lenken ("Herr Villany ist der falsche Adressat"), gingen darin unter. Die Aufregerthemen sind altbekannt, aber aktueller denn je.

Tempo 30:  Vor knapp zwei Jahren trat man auf der Kippenheimer Ortsdurchfahrt auf die Bremse. Gezwungenermaßen. Das Regierungspräsidium bestand auf die Temporeduzierung. Leiser wie von der Behörde prognostiziert und von Villany nun festgestellt, sei es aber nicht geworden, sagte Julian Siefert mit hörbarem Sarkasmus in der Stimme: "Sollte es eine leichte Verbesserung geben, ist sie so leicht, dass sie für das Gehör nicht wahrnehmbar ist." Alles, was man mit Tempo 30 erhalten habe, "ist Verkehr, der nicht mehr aus dem Dorf rauskommt und Emissionen, dass es kracht".

Dass Anwohner andernorts "meistens zufrieden sind mit Tempo 30" und Untersuchungen gezeigt hätten, dass langsameres Fahren "in der Regel weniger Schadstoffe und oft einen besseren Verkehrsfluss" bedeutet, wie Villany vorbrachte, daran wollten die Räte für Kippenheim nicht glauben. "Aus kurzem Lärm ist langer Lärm geworden", brachte es Lothar Stulz (FW) auf den Punkt. Fraktionskollege Dieter Kirschbaum berichtete von eindeutigen Reaktionen der Anwohner auf die Temporeduzierung: "Fast täglich werden wir gefragt, was das soll." Rathauschef Gutbrod erlebt es offenbar ähnlich: "Bei mehr als 20 000 Autos am Tag gehen minimale Verbesserungen unter." Nur Günter Ackermann (FW) sieht eine Verbesserung. "Aber", schränkte er selbst ein, "das ist meine subjektive Wahrnehmung."

Lärmaktionsplan: Generell stellten die Räte den Lärmaktionsplan infrage: Teuer und aufwendig sei er, am Ende aber nutzlos. "Das Ganze würde nur etwas bringen, wenn man damit zu laute Autos aus dem Ort verbannen könnte", sagte Markus Studer (CDU) und forderte eine Regelung ähnlich der beim Feinstaub.

Siefert hielt die Verbesserungsvorschläge Villanys für unrealistisch: "Heute sollen wir Flüsterasphalt auftragen, das nächste Mal einen Tunnel bauen." Und Otto Hebding (CDU) störte sich daran, dass Lärmwerte errechnet, statt gemessen werden. Die Erklärung Villanys, der Gesetzgeber schreibe dies vor – etwa um Verfälschungen durch Störgeräusche auszuschließen – vermochte ihn nicht zufriedenzustellen: "In einem Industriebetrieb wird genau geschaut, an welchen Stellen es zu laut ist. Im Zweifel fliegt die Maschine raus."

Umfahrung: Der Wunsch nach einer Umfahrung, das wurde am Montag einmal mehr deutlich, ist aktuell wohl so groß wie nie. "Das ist nun mal das einzige, das eine Entlastung bringen würde", sagte Dieter Kirschbaum und kritisierte, dass die geplante neue Straße zwischen Ringsheim und Lahr "viel Gegenwind von anderen Gemeinden" erhalte: "Jeder denkt nur an sich."

Carola Richter (CDU) wurde konkreter, ohne Namen zu nennen: "Andere schaffen wahre Besuchermagnete, wollen aber den Schattenseiten nicht ins Gesicht blicken." Wen sie meinte: Kappel-Grafenhausen. Dort lehnt man die B 3-Umfahrung in weiten Teilen ab, während an der Autobahn eine Musterhaussiedlung geplant wird. Bürgermeister Jochen Paleit hatte jüngst gegenüber der LZ erklärt, die Besucher – gerechnet wird mit 40 000 im Jahr – würden zu 98 Prozent über die A 5 anreisen. Richter dazu: "Eine interessante Prognose, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Ausfahrten Ettenheim und Rust teilweise heute bereits so überlastet sind, dass viele schon in Lahr abfahren."

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