Kippenheim Kippenheimer Arzt: "Die Jungen müssen hartnäckig sein"

Kippenheim - Obwohl sie ein hohes Risiko haben, schwer am Coronavirus zu erkranken, sieht man sie noch immer zahlreich in den Straßen und Supermärkten: alte Menschen. Der Kippenheimer Arzt Sebastian Heinze erklärt im Interview, warum Senioren – auch wenn es ihnen schwerfällt – jetzt unbedingt zu Hause bleiben sollten und wie Angehörige sie dazu bewegen können.

  • Herr Heinze, nicht wenige sagen, dass es in der aktuellen Situation leichter sei, Kinder zu überzeugen, nicht aus dem Haus zu gehen, als Alte. Können Sie das bestätigen?

In meine Praxis kommen beide Gruppen. Ich würde sagen, die nehmen sich da grundsätzlich nicht viel. Aber die junge Generation hat durch die sozialen Medien einfach mehr Informationen, tauscht sich auch untereinander aus und weiß mittlerweile, wie gefährlich das Virus ist.

  • Das müsste mittlerweile aber auch bei den Älteren angekommen sein. Schließlich sind sie die Hauptbetroffenen.

Das ist richtig, je älter der Mensch desto gefährlicher kann ihm das Virus werden. Zwar sind leider auch jüngere Patienten nicht vor schweren Krankheitsverläufen gefeit. Das darf man nicht unterschätzen.

Aber Studien zeigen, dass das Risiko ab 50 zunehmend steigt. Noch mehr, wenn Vorerkrankungen hinzukommen, etwa Diabetes oder Herzprobleme oder sogar eine Kombination aus beidem. Das ist im Alter leider häufig der Fall. Wir müssen jetzt die Kurve der Neuinfektionen abflachen, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und die problematischen Fälle weiter adäquat versorgen zu können.

  • Warum sieht man dann trotzdem noch immer viele Senioren beim Einkaufen – sind Alte unbelehrbar?

So pauschal würde ich das nicht sagen. Aber ich sehe das Phänomen auch, und als Arzt natürlich mit Sorge. Ich denke, das Bedürfnis nach Selbstständigkeit und Selbstbestimmung spielt da eine große Rolle. Das wird im Alter nicht kleiner, im Gegenteil.

Hinzu kommt die soziale Komponente im Supermarkt: Man trifft sich, hält ein Pläuschchen. Darauf zu verzichten, ist für ältere Menschen hart und fällt ihnen entsprechend schwer.

  • Die Hilfsdienste, die die Gemeinden für Risikogruppen eingerichtet haben, werden kaum genutzt. Fällt es älteren Menschen schwer, Hilfe anzunehmen?

Das kommt auf die Art und vor allem den Grad der Hilfe an. Das Problem ist, dass die Gefahr nicht sichtbar ist, das Virus löst nicht bei jedem Infizierten Symptome aus. Da kann dann schon mal die Unvernunft siegen und man sagt sich: "Ach komm, ich lauf’ ja nur schnell zum Bäcker um die Ecke."

  • Wie kann ich als Angehöriger da gegensteuern?

Indem ich auf die Gefahr aufmerksam mache, sie erkläre. Und zwar immer wieder. Wiederholungen sind das A und O. Man muss Geduld haben und versuchen, Verständnis aufzubauen. Das, was den jungen Menschen Facebook und Co. ist, ist den Älteren die persönliche Ansprache.

Auch das Angebot, einkaufen zu gehen, sollte nicht nur einmal kommen. Die Jungen müssen hartnäckig sein und im Zweifel beim nächsten Gang in den Supermarkt einfach für die Älteren miteinkaufen.

  • Und wenn Oma und Opa mit Trotz reagieren und sich partout nicht helfen lassen wollen?

Die Gefahr besteht natürlich, aber ich denke, das dürfte die Ausnahme sein. Dann hilft wieder nur reden, reden, reden. Nach meinen Beobachtungen hat sich das Bild in den vergangenen zwei, drei Tagen übrigens geändert. Es sind weniger alte Menschen draußen unterwegs.

  • Das dürfte am Kontaktverbot liegen.

Ja, manchmal braucht es offensichtlich eine Ansage von oben – da sind dann alle Generationen wieder gleich.

  • Für Großeltern ist es schwer, dass sie aktuell ihre Enkel nicht sehen dürfen.

Ich finde, das ist eine tolle Gelegenheit für die Jungen, die Älteren in die Geheimnisse der digitalen Medien einzuführen. Viele Senioren haben zum Beispiel längst Whats­app auf ihren Handys, nutzen es aber nicht. Jetzt könnte man es lernen. Auch für die Zeit nach Corona. Die Fragen stellte         Felix Bender. 

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