Kenzingen "Damit Opfer nicht alleine bleiben"

"Jedes Verbrechen hinterlässt Spuren – auch auf der Seele." Bruno Bösch und Monika Toussaint ist das bewusst. Mit ihrer Arbeit beim Weißen Ring wollen sie Opfern von Straftaten helfen. Foto: Göpfert Foto: Lahrer Zeitung

Damit Opfer von Straftaten Hilfe bekommen, wurde vor 42 Jahren der gemeinnützige Verein Weißer Ring gegründet. Die Außenstelle Breisgau Hochschwarzwald/Emmendingen in Kenzingen hat 2017 ein aufreibendes Jahr hinter sich.

 

Kenzingen. 12 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich in Kenzingen für den Weißen Ring. Die Außenstelle ist für den gesamten Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald sowie für den Landkreis Emmendingen mit Ausnahme der Stadt Freiburg, zuständig. Außenstellenleiterin Monika Toussaint und ihr Stellvertreter Bruno Bösch erläutern im Gespräch mit unserer Zeitung, warum die Arbeit des Weißen Rings so wichtig ist, wie der Verein den Opfern hilft und warum 2017 so ein herausforderndes Jahr war.

Warum ist der Weiße Ring notwendig? "Ich trage immer das hier", sagt Bösch als Antwort auf die Frage und tippt auf sein Armband. "Damit Opfer nicht alleine bleiben," ist darauf zu lesen. Es ist das Credo des Weißen Rings. Bösch erläutert: "Unser Rechtssystem kümmert sich um die Täter, aber nicht darum, was mit den Opfern passiert. Aber für das Opfer, egal von welcher Straftat, ist seine Situation immer eine schlimme." Wann hilft der Weiße Ring? Immer dann, wenn eine Straftat vorliegt. Die Spanne umfasst alles – ­von Einbrüchen, Stalking und Cybermobbing, über häusliche Gewalt, Sexualdelikte wie Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch bis hin zu Körperverletzungs- und Tötungsdelikten. Die Ehrenamtlichen arbeiten mit Polizei, Ärzten, Anwälten und Kliniken zusammen, die die Opfer fragen, ob sie den Weißen Ring einschalten sollen. Ein kleiner Teil der Betroffenen meldet sich auch selbst über das Internet oder das Opfer-Telefon 116 006.

Wie hilft der Weiße Ring? "Indem wir die Opfer dort abholen, wo sie mental und psychisch stehen", erklärt Toussaint. Die Betreuung könne sehr kurz sein, in manchen Fällen aber Jahre andauern.

Zum einen leisten die Ehrenamtlichen menschlichen Beistand. Zum anderen unterstützt der Weiße Ring auch mit materieller Hilfe. Das können Schecks für eine rechtsmedizinische Spurensicherung, für Therapiegespräche oder Ferienhilfe für betroffene Kinder oder auch finanzielle Soforthilfe sein. "Ich hatte beispielsweise einmal eine alte Frau, der die komplette Rente gestohlen worden war. Sie brauchte Geld, um über den Monat zu kommen", erzählt Bösch.

Außerdem übernimmt der Verein eine Art Lotsenfunktion, um Opfern zu zeigen, wo sie Hilfe bekommen. Die Ehrenamtlichen begleiten die Opfer auch zu Vernehmungen oder vor Gericht und füllen Anträge für die Opferentschädigung aus. Denn: Viele überfordert das in ihrer Situation. Was der Weiße Ring jedoch nicht macht, ist eine Rechtsberatung, dafür geben die Mitarbeiter Rechtsschecks aus.

Warum ist die Hilfe des Weißen Rings so wichtig? "Ein Opfer kann jeder werden – egal welche finanzielle oder gesellschaftliche Stellung er einnimmt", machen Toussaint und Bösch deutlich. "Die Betroffenen brauchen jemanden, der ihnen zuhört und die Angehörigen sind oft zu nahe dran, um objektiv zu sein", erklärt Toussaint und ergänzt: "Eine frühe psychische Aufarbeitung des Geschehens in den ersten Wochen nach der Tat ist sehr, sehr wichtig, sonst besteht die Gefahr, dass Ängste traumatisch oder pathologisch werden." Bereits ein Einbruch hinterlasse Spuren in der Psyche. "In diesem Fall ist jemand in den intimsten, privatesten Lebensbereich eingedrungen. Für die Opfer ist das ganz, ganz schlimm. Sie fühlen sich oft in ihrer Wohnung nicht mehr wohl und müssen nicht selten umziehen", erklärt Toussaint.

Warum war 2017 ein schwieriges Jahr? 2017 hat der Weiße Ring 120 Fälle betreut, in denen auch materielle Hilfe notwendig war und 100 Fälle, in denen die Ehrenamtlichen den Betroffenen allein mit Gesprächen weiterhelfen konnten. Doch nicht die Anzahl der Fälle, sondern die Intensität war bemerkenswert. Es gab vier (versuchte) Fälle von Mord beziehungsweise Totschlag – was auch für die Mitarbeiter eine nicht unerhebliche Belastung darstellt. Welche Ausbildung durchlaufen die Mitarbeiter? Interessenten werden zunächst zu einem Gespräch geladen, dann stellen sie sich den anderen Mitarbeitern vor. Anschließend dürfen sie drei Fällen mitbegleiten. Können sie sich dann immer noch vorstellen für den Weißen Ring zu arbeiten, müssen sie an einem dreitägigen Grundlagenseminar teilnehmen und innerhalb eines Jahres ein weiteres Seminar besuchen. Jeder Mitarbeiter muss pro Jahr mindestens zwei Seminare besuchen. Für die Ehrenamtlichen ist das mit Reisen und Freizeitverlust verbunden. "Doch es ist notwendig, damit die Helfer die Situation ihres Opfers verstehen", erklärt Bösch. "Wenn es beispielsweise um Cybermobbing geht, ist es wichtig, dass das Gegenüber weiß, wovon die Rede ist und wo das Pro­blem des Opfers liegt."

Um die für sie entstehende Belastung zu bewältigen, sprechen die Ehrenamtlichen einmal im Monat intern gemeinsam über ihre Fälle, einmal im Jahr gibt es eine Supervision von außerhalb.

Was treibt die Ehrenamtlichen an? Auf diese Frage gibt es für Bösch nur eine Antwort, für die er wieder auf sein Armband tippt: Sie helfen, "damit Opfer nicht alleine bleiben."

Der Weiße Ring Emmendingen/Breisgau Hochschwarzwald ist eine der wenigen Außenstellen, die ein eigenes Büro haben. Und das auch nur, weil ihm ein Sponsor in Kenzingen dieses zur Verfügung stellt. Auch die Einrichtung ist gespendet. Denn das Geld, das für den Weißen Ring gespendet wird, wird komplett zur Hilfe der Opfer verwendet Der Verein bekommt keine staatlichen Hilfen, sondern finanziert sich aus Mitgliederbeiträgen, Spenden, Vermächtnissen und Mitteln der Justiz (Bußgelder). Alle Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Wer ihre Arbeit unterstützen möchte, kann sich mit der Außenstelle Emmendingen/Breisgau Hochschwarzwald unter Telefon 07642/9076825 oder per E-Mail an weisserring-em@t-online.de in Verbindung setzen.

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