Kappel-Grafenhausen Ein Coup wie aus dem Film

Grafenhausen - Warum knacken, wenn man gleich den ganzen Geldautomaten mitnehmen kann? Nach dieser Devise gingen die Räuber vor, die am frühen Donnerstagmorgen auf spektakuläre Weise im Shell-Tankhof in Grafenhausen zugeschlagen haben.

Es sind Szenen wie aus einem Actionfilm: Ein Auto fährt rückwärts an den Eingang der Tankstelle. So nah, dass die Bewegungsautomatik die Schiebetür öffnet. Aus dem silbernfarbenen Wagen springen drei Maskierte. Die Männer öffnen den Kofferraum, zwei greifen sich einen gelben Spanngurt und legen ihn um den Geldautomaten, der direkt hinter der Tür steht. Der Dritte schlägt mit der Axt auf den Automaten ein. Plötzlich dreht sich der Mann in Richtung des Tankstellen-Shops, hebt bedrohlich das gefährliche Werkzeug hoch. Dann steigen alle wieder ins Auto. Es fährt los und mit einem Ruck folgt der Geldautomat. Dabei reißt er ein Regal mit Ölflaschen mit sich, schlägt gegen ein gegenüberliegendes Treppengeländer und den Rahmen der Eingangstür; dann ist er raus aus dem Gebäude.

Die Höhe der Beute? Dazu sagt die Bank nichts

Eingefangen hat diese Bilder kurz nach 1 Uhr am Donnerstag eine Überwachungskamera des Shell-Tankhofs am Ortseingang von Grafenhausen. Das Video dauert nur wenig länger als eine Minute. "Das war ein absolut professionelles Vorgehen", sagt Tankstellen-Chef Maik Schneider am Morgen nach dem Überfall. "Alle Handgriffe scheinen zu sitzen." Auch die mit der Axt. Die Hiebe sollten wohl die Verbindung zwischen Gerät und Gebäudewand lösen, die Drohgebärde galt einer Angestellten. "Die Mitarbeiterin kam hinter dem Tresen vor, um zu schauen, was da los ist, hat sich aber zum Glück gleich wieder zurückgezogen", sagt Schneider. Der Frau gehe es "angesichts dessen, was sie erlebt hat, gut", sie habe sogar noch ihre Schicht zu Ende gemacht. Hinweise zur Identität der Täter konnte sie laut Schneider kaum liefern: "Es wurde kein Wort gesprochen."

In der Tankstelle, die 24 Stunden geöffnet hat, hielten sich zum Zeitpunkt des Überfalls Kunden auf. Auch zu dieser Uhrzeit nicht ungewöhnlich, sagt Schneider. Zusammen mit seinem Bruder und Vater betreibt er neben dem Tankhof den Burger King und das Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft und ein ähnliches Ensemble noch einmal in Herbolzheim. "Hier in Grafenhausen ist immer was los, deshalb braucht es schon eine gehörige Portion Skrupellosigkeit für so eine Tat."

Die Abgebrühtheit der Männer zeigte sich auch im weiteren Verlauf. Nachdem sie den Geldautomaten aus dem Gebäude gezogen hatten, schleiften sie ihn noch etwa 300 Meter weiter auf einen Feldweg nördlich der Tankstelle. Dort, so die aktuellen Erkenntnisse der Polizei, luden sie ihn in den Wagen und fuhren davon. Trotz einer sofort eingeleiteten Fahndung, bei der auch ein Hubschrauber zum Einsatz kam, fehlt von den Tätern jede Spur.

Sichtung des Bildmaterials der Überwachungskamera durch die Polizei

Die Kripo in Offenburg hat sich der Sache angenommen. Zwei Beamte waren am Donnerstagvormittag für mehr als eine Stunde bei Schneider in der Tankstelle, unter anderem um das Bildmaterial der Überwachungskamera zu sichten. Welche Schlüsse sie daraus ziehen, bleibt "aus ermittlungstaktischen Gründen" vorerst geheim, wie eine Polizeisprecherin auf Nachfrage unserer Zeitung erklärte. Auch wie viel Geld die Räuber erbeuteten, ist unklar.

Der gestohlene Geldautomat gehört dem privaten Bankhaus Lenz aus München, das nach eigenen Angaben mehr als 2500 Automaten in ganz Deutschland betreibt. Ein Sprecher erklärte am Donnerstag, "dass wir in solchen Fällen grundsätzlich keine Angaben zur Höhe der Beute machen". Den Schaden an der Tankstelle schätzt Inhaber Schneider "grob auf rund 5000 Euro". Unter anderem müsse die Schiebetür ersetzt und das Geländer repariert werden. Ob er sich noch einmal einen Geldautomaten in seine Station holt, könne er aktuell noch nicht sagen.

Vor knapp zwei Jahren sprengte eine Bande einen Geldautomaten in Sulz, lieferte sich anschließend eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit der Polizei. Dass ein Automat nicht geknackt, sondern gleich mitgenommen wird, ist zwar seltener, aber nicht einzigartig in der Region. Vor etwa vier Jahren ereignete sich ein ähnlicher Fall an der Autobahnraststätte in Mahlberg. Der Täter wurde geschnappt. Ob es einen Zusammenhang zum Coup in Grafenhausen gibt, sollen die Ermittlungen klären. Laut der Polizeisprecherin "haben dieselben Sachbearbeiter den aktuellen Fall übernommen".

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