Kappel-Grafenhausen Das Projekt

Kappel-Grafenhausen - Die Machbarkeitsstudie im Rahmen des deutsch-französischen "Rhinaissance"-Projekts wird in der ersten Phase den aktuellen Zustand des Untersuchungsgebiets beschreiben, und die Rahmenbedingungen und Restriktionen analysieren.

In der zweiten Phase werden unterschiedliche Szenarien für eine ökologische Aufwertung untersucht und im Hinblick auf eine mögliche Umsetzung priorisiert. Zur Vertiefung spezieller Themen sind mehrere Workshops geplant.

Im vergangenen Jahr gab es viele Verstöße im Naturschutzgebiet im Taubergießen. Manche davon waren derart skurril und eklatant, dass sich Bettina Saier, Leiterin der Ökologischen Station des Regierungspräsidiums (RP) Freiburg, schockiert zeigte.

Doch die 52-Jährige lässt sich davon auch im neuen Jahr nicht unterkriegen. Mit zahlreichen Projekten versucht sie gemeinsam mit Partnern und Helfern für mehr Ruhezonen in der Natur zu kämpfen und den Menschen ins Bewusstsein zu reden.

Frau Saier, wie hat sich Ihr Alltag durch die Corona-Pandemie in der Ökologischen Station im Taubergießen verändert?

Wir mussten zahlreiche Präsenztermine, wie bei unserem aktuellesten Projekt "Rhinaissance", ins neue Jahr verschieben. Auch haben die zugenommenen Verstöße über die Sommerphase uns unsere Arbeit erschwert. Das waren doch sehr turbulente Zeiten.

Was meinen Sie konkret mit Verstößen?

Wir haben einfach gemerkt, dass noch mehr Besucher im Taubergießen unterwegs waren und so eine Belastung zwischen Besuchern und der Natur entstanden ist. Durch die starke Beunruhigung verschärften sich Konflikte zwischen Besuchern und Nutzern wie etwa Jägern oder auch zwischen unterschiedlichen Nutzergruppen wie Fischern und Jägern. So wurde etwa die Jagd durch Missachtung des Wegegebots oder auch durch illegale Übernachtungen gestört. Außerdem haben wir weitere Verstöße verschiedenster Art verzeichnet.

Die da wären?

Es gab etwa Partyboote, die mit Musikanlagen auf der Bootsstrecke unterwegs gewesen sind. Müllentsorgung am Ufer der Bootsstrecke oder auch Golfspieler in den Orchideenwiesen. Obendrein sogar eine Probefahrt mit einem Jeep durch das Naturschutzgebiet.

Die Palette der Vergehen war bunt. Ich bin wirklich schockiert. Wir hatten im Sommer den Punkt erreicht, an dem es zu viel geworden ist. Diesen Trend beobachten aber nicht nur wir hier bei uns sondern auch bei anderen beliebten Naturschutzgebieten. Das bekomme ich regelmäßig von Kollegen mit.

Sind die zunehmenden Verstöße die Folge vom Lockdown?

Ein Teil der Besucher war sicher wegen Corona mehr als gewöhnlich draußen. Aber wir müssen auch in diesem Jahr mit einer großen Zahl an Besuchern rechnen – unabhängig von der Pandemie.

Was haben Sie vor, um die Natur zu schützen?

Da unterscheiden wir grundsätzlich drei verschiedene Herangehensweisen. Als Erstes die Besucherlenkung. Damit erreichen wir die Zielgruppe an Menschen, die sich an die Regeln im Taubergießen hält und die wir auf entsprechende Wege ›lenken‹ können.

Wie durch Themenwege mit Infotafeln, Broschüren oder einer neuen Internetseite, die dieses Jahr online gehen wird. Solche Punkte arbeiten wir gemeinsam mit den Kommunen heraus, um eine gezielte Kontrolle über die Besucher zu bekommen.

Wie sehen die anderen beiden Ansätze aus?

Bei der zweiten Herangehensweise setzen wir auf verstärkte Polizeikontrollen und auf eine enge Zusammenarbeit mit den Landratsämtern. Es wird mittlerweile deutlich mehr kontrolliert, aber es gibt Kapazitätsprobleme. Zudem haben wir ein deutsch-französisches Formular erarbeitet, um künftig Verstöße schneller ahnden zu können.

Der dritte und vielleicht wichtigste Ansatz ist die Prävention. Hier versuchen wir die Leute zu erreichen, die sich nicht an die Regeln halten und sich auch keiner Schuld bewusst sind. Etwa die, die ihren Hund frei laufen lassen. In diesem Falle sind dann Helfer notwendig, die auf Regeln hinweisen, aufklären und bei Bedarf auch sanktionieren.

Das haben in der Vergangenheit in der Regel ehrenamtliche Naturschutzwarte gemacht. Aber inzwischen gibt es nur noch eine sehr geringe Zahl. Insgesamt ist eine effektive Gebietsbetreuung im Taubergießen aufgrund seiner Größe von knapp 17 Quadratkilometern, der hohen Frequentierung, der guten Zugänglichkeit und der außergewöhnlichen Eigentumsverhältnisse der französischen Kommune Rhinau für uns eine große Herausforderung. Wir haben leider keine hauptamtlichen Ranger wie auf dem Feldberg oder in der Wutach-Schlucht, um so Konflikte zu minimieren.

Wieso gibt es bei ihnen keine Ranger?

Der Posten des Rangers steht in Konkurrenz mit anderen Erfordernissen im Naturschutz, die ebenfalls Zuschüsse benötigen. Fest steht: Für die Gebietsbetreuung großflächiger Naturschutzgebiete wie dem Taubergießen ist der Einsatz von Rangern mit klaren Befugnissen sinnvoll und anerkannt. Deshalb arbeiten wir am RP intensiv an einer Lösung. Denn wenn ich am Freitag nach Hause gehe, dann kommen die Leute. Ein Ranger könnte in diesem Falle auch an Wochenenden und ganzjährig zumindest stichprobenartig das Gebiet überwachen, verstärkt mit sozialen Medien arbeiten und die Qualität dieses Naturschutzgebiets sichern. Zudem würde unsere Arbeit mit ehrenamtlichen Helfern, den örtlichen Polizeibehörden, den Mitarbeitenden der Unteren Naturschutzbehörden, dem Nabu und Ruster Rheinauenzentrum voranschreiten. Wir hätten qualifizierte Mitarbeiter, die wiederum weitere Helfer ausbilden könnten.

Was muss sich bei den unbelehrbaren Besuchern ändern?

Ich denke vielen fällt es schwer, zwischen ökologisch hochwertigen und einfach hübsch aussehenden Gebieten zu unterscheiden. Mein Eindruck im Taubergießen ist etwa, dass viele einfach eine Park-ähnliche Landschaft suchen.

Denen reicht es vielleicht, entlang des Rheins zu laufen. Für sie sieht die Welt in Ordnung aus. Was in der Natur aber wirklich vor sich geht, das erkennen sie nicht. So ist etwa die Fischfauna im Rhein verarmt, im Gewässergrund lebende Organismen weisen eine geringe Vielfalt auf und Lebensräume für kiesbrütende Vogelarten wie zum Beispiel dem Flussuferläufer fehlen.

Je mehr wir uns vom Bild einer reichen Natur entfernen, desto schwerer tun wir uns auch, diese Artenvielfalt schätzen zu lernen. Die Leute müssen verstehen: Das Naturschutzgebiet ist primär kein Naherholungsgebiet! Die Natur braucht ihre Rückzugsräume.

Welche Projekte laufen aktuell, um die Natur aufzuwerten?

Das deutsch-französische Projekt "Rhinaissance" etwa. Bei der Machbarkeitsstudie wollen wir herausfinden, wie der Rhein und seine Auen auf der französischen Ile de Rhinau und im Naturschutzgebiet Taubergießen naturnäher und lebendiger gestaltet werden können.

Anfang Dezember haben wir Habitate für eine vom Aussterben bedrohten Libellenart aufgewertet. Auch haben Kollegen zwei neue Fischaufstiege bei Kappel-Grafenhausen im Rahmen des Baus des Polder Elzmündung fertiggestellt. Damit ist der Gewässerbereich jetzt durchgängiger für Fische. Ich möchte darüber hinaus die Zusammenarbeit mit Universitäten ausbauen.

Wie sieht ihr persönlicher Alltag aus?

Die Pandemie stellt natürlich auch meinen Alltag vor Probleme. Verschobene Präsenztermine müssen durch digitale ersetzt werden. Dieser Umstieg auf die digitalen Medien ist für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit eine Herausforderung, da ich mich auch um die simultane Übersetzung für die Teilnehmer kümmern muss und das Internet in der Station sehr wackelig und langsam ist. So fortschrittlich sind wir momentan noch nicht aufgestellt.

Haben Sie die Hoffnung, dass trotz der Pandemie und dem fehlenden Bewusstsein der Besucher die Natur im Taubergießen eine Chance hat, ihre Rückzugsräume wiederzubekommen?

Auf alle Fälle! Ich würde sogar sagen, dass es nach wie vor Ruhezonen im Herzen des Taubergießen gibt. Auf der anderen Seite ist es auch eine Herausforderung, zusätzliche Bereiche, die jetzt vielbesucht und vielgenutzt sind, zu beruhigen.

Meine Ambition ist, den deutsch-französischen Naturraum wieder zusammenzubringen und Biotope beidseits des Flusses enger zu verbinden. Da ich eng mit den Kommunen arbeite und viele Schwergewichte als Partner an unserer Seite sind, bin ich sehr zuversichtlich, mit ökologischen Aufwertungen die Gebiete längerfristig beruhigen und damit auch die biologische Vielfalt stärken zu können. Beim Verlust der Biodiversität handelt es sich um eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, dem mit allen Mitteln entgegengewirkt werden muss.

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