Im Gespräch mit Thomas Kaiser Ettenheimer Innenstadtberater will Leerstände vermeiden

Julia Göpfert

Die Innenstadt beleben – das ist Mission von Thomas Kaiser von der IHK Südlicher Oberrhein. Noch bis Ende 2022 wird er Ettenheim als Innenstadt-Berater unterstützen.

Die Innenstadt beleben – das ist Mission von Thomas Kaiser von der IHK Südlicher Oberrhein. Noch bis Ende 2022 wird er Ettenheim als Innenstadt-Berater unterstützen. Gefördert wird das Projekt vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium. Mit der LZ hat Kaiser darüber gesprochen, was im ersten halben Jahr bereits passiert ist, was den Ettenheimer Betrieben zu schaffen macht und welche Lösungen es dafür gibt.

Herr Kaiser, was macht ein Innenstadt-Berater?

Ein Innenstadt-Berater hat eine moderierende Funktion. Ich versuche, die Aktiven in der Stadtmarketing-Struktur – wie Gewerbeverein oder Wirtschaftsförderung – und die Inhaber der Innenstadt-Betriebe zusammenzubringen. Dabei gibt es zwei Ziele: Die Innenstadt als Wirtschaftsstandort zu stärken und den Geschäften Hilfestellung zu geben.

Wie geht es den Ettenheimer Betrieben in der Innenstadt aktuell?

Das Weihnachtsgeschäft war wichtig und ist für viele Betriebe gut gelaufen, auch weil das Wetter ideal zum Einkaufen war. Allerdings haben die Einführung von 2G und die Pflicht zur FFP2-Maske teils zu 50 Prozent Umsatzrückgang geführt. 2G hatte zwar massivere Auswirkungen, aber es gefällt den Kunden auch nicht, nun verpflichtend eine FFP2-Maske tragen zu müssen. Das führt dann oft zu Diskussionen mit dem Ladenpersonal, das auch eine OP-Maske tragen darf – weil es mit dieser ja mitunter stundenlang im Laden steht.

Welche Besonderheiten weist Ettenheim auf?

Generell gilt: Je kleiner die Stadt, desto größer die Innenstadt. Ettenheim hat eine hervorstechende historische Altstadt – und damit besondere historische Straßenzüge, Gebäude und Ladenflächen. Diese oft kleinteiligen Gegebenheiten mit Zugang über Stufen werden zur besonderen Herausforderung für die Betreiber – egal, ob Handel, Gastro oder Dienstleistung. Für große Fachmärkte, Supermärkte oder Discounter wären die Flächen zu klein.

Für diese wurden daher Flächen außerhalb ausgewiesen...

Ja, und das ist prinzipiell besser, als größeren Geschäften gar keine Möglichkeit zu geben, sich anzusiedeln. Allerdings nimmt man damit auch in Kauf, dass die Innenstadt ausblutet, wenn langfristig viele relevante Geschäfte auf die grüne Wiese ziehen. Hier gilt es, eine Balance zu finden.

Und wie sähe diese Balance aus?

Ettenheim könnte das bestehende Steuerungsinstrument – also das Zentren- und Märktekonzept aus 2010 – nun fortschreiben und dann konsequenter entwickeln. Das bedeutet, dass sich zukünftig nur im Innenstadtbereich innenstadtrelevante Sortimente wie Kleidung, Schuhe oder Schmuck ansiedeln dürfen – nicht aber auf der grünen Wiese.

Es geht also zum einen darum, ein Abwandern zu verhindern. Gibt es aber andererseits Branchen, die man anlocken könnte?

Wer sich in der Innenstadt ansiedelt, muss sich sowohl gegen die Wettbewerber online als auch gegen die auf der grünen Wiese behaupten. Das gelingt vor allem in Nischen, die oft vom Inhaber und mit viel Herzblut geführt werden können. Das bezieht sich nicht nur auf den Handel, sondern auch auf Gastro und durch Dienstleistungen angereicherte Branchen wie Sattler oder Änderungsschneiderei. So sind wir etwa für einen Laden etwa mit einer Schneiderin im Gespräch. Von diesen Ansätzen bräuchte es ein paar mehr für Ettenheim. Solche Unternehmer überregional zu finden und anzusprechen, ist auch die Aufgabe des neu gebildeten Lenkungskreises, zu dem unter anderem Wolfgang Spengler, Jens Przibilla, Max Schulz und Heike Schillinger gehören.

Wie schlimm steht es denn um die Innenstadt?

Es gibt Städte, die deutlich schlechter aufgestellt sind als Ettenheim, auch in der Region. Aber auch in Ettenheim tun sich Lücken auf, etwa durch den Wegzug der Banken aus der Innenstadt. Und für diese Lücken gilt es, sinnvolle Nutzungen zu finden – was aber auch eine Chance sein könnte. Schließlich hat sich auch das Bankengeschäft stark weg vom Publikumsverkehr in einer Schalterhalle entwickelt.

Was heißt das?

Man muss Geschäfte und Institutionen ansiedeln, die Verbundeinkäufe begünstigen und so Menschen anziehen. Die Leute gehen etwa in die Innenstadt, weil sie zum Arzt wollen und gehen dann noch in die Apotheke. Oder sie gehen in der Mittagspause essen und kaufen sich anschließend noch ein Buch.

Was also ist zu tun?

Prinzipiell gilt: Alles ist besser als Leerstand. Lieber bekommt eine Innenstadt noch ihren zehnten Dönerladen, bevor die Fläche leersteht. Aber: Es gibt Einrichtungen, die mehr und welche, die weniger geeignet sind, eine Innenstadt zu beleben. Eine Mediathek, die häufig genutzt wird, zieht etwa wesentlich mehr Leute in die Innenstadt als ein Lager, in das keiner geht.

Tun sich in den nächsten Jahren in Ettenheim noch weitere Leerstände auf?

Die Gefahr besteht. Bei etwa jedem fünften Betrieb in Ettenheim steht in den nächsten fünf Jahren eine Nachfolgeregelung an. Das heißt: Die Inhaber überlegen altersbedingt aufzuhören. Um für einen Betrieb einen passenden Nachfolger zu finden, braucht es im Durchschnitt genau diese fünf Jahre. Es gilt also jetzt zu handeln, um Leerstände zu vermeiden.

Warum dauert das so lange?

Den Nachfolger muss man ja erst einmal suchen, wenn dieser in der Familie nicht vorhanden ist, etwa über die Börse der IHK. Und er muss ja auch bereit sein, das entsprechende Geld zu investieren. Oft wird hier auch Eigentum zum Problem bei Nachfolgern, die dann Miete bezahlen müssen. Betriebswirtschaftlich muss der Betrieb dann auch noch funktionieren, also muss er vorab zukunftsfit aufgestellt werden.

Welche neue Wege könnte man in Sachen Innenstadtbelebung noch gehen?

Es gibt zum einen das Konzept der "Pop-Up-Stores", die nur saisonal geöffnet sind. Zum anderen können auch Betriebe auf der grünen Wiese oder Handwerksbetriebe die Innenstadtlage als "Schaufenster zum Kunden" nutzen. In sogenannten "Showrooms" könnten sie etwa im Schaufenster auf saisonale Angebote aufmerksam machen oder dort noch ein Basisangebot anbieten. So könnte etwa ein Gartenbetrieb in der Innenstadt auf den Beginn der Gartenzeit hinweisen und dort Kleinigkeiten wie Samen, Rechen oder Gartenscheren anbieten. Eventuell auch noch in Verbindung mit einem Gartenlokal in den Sommermonaten – da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Und wie sieht es mit der Digitalisierung der Ettenheimer Betriebe aus?

Digitale Sichtbarkeit ist sowohl für den Einzelbetrieb wie auch für die Standortgemeinschaft wichtig. Nicht nur in Zeiten der Pandemie. Mit "Ettenheim.delivery" hat die Stadt gemeinsam mit dem Gewerbeverein "Unternehmen Ettenheim" eine gute Online-Übersicht geschaffen. Auf der einzelbetrieblichen Ebene erstaunt es mich aber immer wieder, dass der kostenfreie Google-Business-Eintrag immer noch nicht von allen gemacht wird – dieser gibt Kunden unter anderem Auskunft über die Öffnungszeiten eines Geschäfts. Derzeit prüfen wir im Rahmen des Projekts die digitale Sichtbarkeit aller rund 75 Innenstadtbetriebe. Neben dem Google-Eintrag schauen wir auf Website, Social Media und Portalaktivitäten. Darauf aufbauend werden wir Schulungs- und Betreuungsangebote vor Ort anbieten.

Was bewegt sich sonst noch gerade in Ettenheim?

Zum Frühjahr steht mit der "Ettenheim-Card" eine Überarbeitung des bisherigen Gutscheinsystems an. Zudem haben wir zu Beginn das zwölf Punkte umfassende Aktionsbündnis pro Innenstadt beschlossen. Das ist aber noch nicht der neue gesamtheitliche Ansatz für die Belebung der Innenstadt. Für neue Ideen wird im März und April noch der eigens gegründete Innenstadtbeirat aktiviert, der dann Strategien bestätigt und priorisiert, die noch in 2022 zur Umsetzung geführt werden. Das Ziel ist ein Masterplan Innenstadt für Ettenheim.

Was wünschen Sie sich noch für Ettenheim?

Vor Kurzem war eine Schaufenster-Doktorin da, um sich die Außenwahrnehmung anzusehen. Nur fünf Betriebe haben diese Chance genutzt – diese waren aber begeistert. Ich wünsche mir daher, dass mehr Betriebe die Chance nutzen, die ihnen die Innenstadt-Beratung bietet. Die Angebote sind kostenlos und bringen nur Vorteile. 

Die IHK bietet Geschäftsinhabern eine Facebook-Schulung an. Diese ist online am Donnerstag, 27. Januar, von 18 bis 20 Uhr und am Samstag, 29. Januar, von 18 bis 20 Uhr. Anmelden kann man sich dazu unter www.ihk.de/innenstadtberatung.

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