Hofweier Michael Gegg: "Ich wollte etwas erreichen"

Hofweier - Vor 25 Jahren lag Michael Gegg die Handballwelt zu Füßen. Viele Bundesligaklubs warben um das 19-jährige Talent aus Hofweier. Den Zuschlag erhielt Tusem Essen. Doch ein schwerer Unfall ließ den Traum von der großen Karriere jäh platzen.

Was war vor 25 Jahren nicht alles spekuliert worden. Verlässt Michael Gegg den Regionalligisten HGW Hofweier? Wenn ja, wohin würde es das damals gerade 19-jährige Ausnahmetalent ziehen? Der TuS Schutterwald bot sich schon aufgrund der räumlichen Nähe an. Schutterwalds Co-Trainer Roland Birnbreier hatte bereits seine Fühler nach dem Linksaußen ausgestreckt, wie die Lahrer Zeitung am 11. Februar 1994 schrieb. Doch auch andere Vereine aus der Bundesliga waren auf den Juniorennationalspieler aufmerksam geworden. Die ambitionierte SG Hameln in Form des ehemaligen HGW-Trainers Sead Hasanefendic klingelte bei Gegg durch und überredete das Talent, die hoffentlich baldigen Mitspieler beim Bundesligaspiel der SG gegen Scharnhausen zu beschnuppern. Doch am Ende wurde es weder die Rattenfängerstadt noch Schutterwald. Stattdessen unterzeichnete der 19-Jährige Mitte März 1994 einen Dreijahresvertrag beim Europokalteilnehmer Tusem Essen. "Ich wollte etwas erreichen", nennt Gegg 25 Jahre später im Gespräch mit unserer Zeitung die Beweggründe für die Entscheidung zum Wechsel ins Ruhrgebiet. "Bereits mit sechs Jahren habe ich gewusst, dass ich eines Tages Profi werden will. Und da war die Perspektive in Essen einfach besser."

Vor allem seine zukünftigen Mitspieler, die Handballlegenden Jochen Fraatz und Alexander Tutschkin, reizten Gegg seinerzeit. "Heute macht jeder den Dreher, aber damals hat Jochen Fraatz den gewissermaßen erfunden", schwärmt Gegg noch heute vom 185-fachen Nationalspieler Fraatz.

Das Ziel waren die Olympischen Spiele in Atlanta

Doch auch der Ortenauer musste sich handballerisch nicht vor seinen prominenten Nebenleuten verstecken. Trotz seines noch jungen Alters wusste Gegg auf Anhieb in der Bundesliga zu überzeugen. Ende Juni 1994 dann die doppelte Belohnung. Bundestrainer Arno Ehret, 1979 deutscher Vizemeister mit Geggs Ex-Klub Hofweier, hatte den angehenden Bankkaufmann auf dem Zettel für die Nationalmannschaft. Nach der verpatzten Europameisterschaft in Portugal wollte Ehret einen Neuanfang mit jungen Spielern einleiten und Gegg sollte helfen, das strauchelnde Nationalteam wieder auf die Beine zu bekommen.

Bei einem Vier-Länder-Turnier mit Spielen gegen Ägypten, Litauen und Marokko hinterließ der Ortenauer auf Anhieb mächtig Eindruck beim Bundestrainer. "Mein Ziel waren damals schon die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta", erinnert sich Gegg an den gelungenen Auftakt mit dem Bundesadler auf dem Dress. Doch nach nur sechs Partien in der ersten Liga wurde der Traum von der großen Karriere jäh zerstört. Mitte Oktober, auf dem Rückweg von einem Bundesligaspiel bei der SG Leutershausen, verunglückte der Hoffnungsträger mit seinem Auto auf der Autobahn in der Nähe von Köln schwer. Drei Wochen lang lag der Hofweierer im Koma, danach an eine Lungenmaschine angeschlossen auf der Intensivstation.

Die Handballkarriere war beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte: "Ich habe danach nie wieder offiziell gespielt", erzählt Gegg, der sich zwar für ein Comeback quälte, jedoch bei den Profis nicht mehr zum Zuge kam. Nur drei Monate nach dem schweren Unfall dann der nächste Schicksalsschlag für die Familie Gegg. Während eines Regionalligaspiels des HGW Hofweier erlitt der Vater des Nationalspielers einen tödlichen Herzinfarkt auf der Tribüne, von wo aus er seinem zweiten Sohn Thomas zuschaute.

In Essen blieb Gegg dennoch noch mehr als drei Jahre, bevor es ihn zurück in die Heimat zog. "Ich habe erst noch meine Lehre beendet", so Gegg, der trotz aller Rückschläge auch heute noch von seiner Zeit im Ruhrgebiet schwärmt: "Die Leute sind offen und direkt. Und Essen ist einfach wunderbar, da habe ich mich immer sehr wohlgefühlt."

Auch wenn die aktive Karriere für Michael Gegg vorbei war, hatte der Hofweierer bei seiner Rückkehr in die Heimat den Spaß am Handball noch nicht verloren: "Ich habe dann noch Hugsweier und Friesenheim trainiert", erzählt der 44-Jährige. Noch Jahre nach dem schweren Unfall sei er im Urlaub von Fremden auf seine Zeit in Essen angesprochen, berichtet Gegg. "Doch das hat sich inzwischen gelegt. Die Handballeuphorie im Land ist weg."

Heim-WM schon gar nicht mehr richtig verfolgt

Und auch bei ihm persönlich ist die große Lust auf Handball inzwischen verflogen. "Ich schaue mir zwar noch ab und zu Spiele des HGW an, aber die WM in diesem Jahr habe ich schon gar nicht mehr richtig verfolgt. Ich bin wohl einfach zu lange raus", so der Ortenauer, der heute als Immobilienberater in Offenburg arbeitet.

"Wahrscheinlich geht’s mir inzwischen zu gut", sagt Gegg lächelnd mit Blick auf die schwere Verletzung, die ihm einst den Traum vom Profisport gekostet hat. Und dennoch wird er manchmal ganz gerne an seine erste und einzige Station in der Bundesliga erinnert: "Neulich habe ich von Tusem Essen eine Urkunde für meine 25-jährige Vereinsmitgliedschaft bekommen. Das war schon schön."

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