Hofstetten "Eine Mords-Entwicklung hingelegt"

Hofstetten. Was vor etwas mehr als einem Jahr bei der ersten Bürgemeister-Verabschiedung von Landrat Frank Scherer anerkennend als "die Kinzigtal-Mafia" bezeichnet wurde, nimmt am heutigen Montag sein Ende. Mit Hofstettens Bürgermeister Henry Heller verlässt der letzte Bürgermeister der hiesigen Raumschaft, die über deren Grenzen hinaus als beispielhaft für ihren Zusammenhalt galten, die Bühne. Mit dem Schwabo sprach Heller kurz vor dem Abschied über seine Errungenschaften in den vergangenen 24 Jahren.

 

Herr Heller, jetzt geht sozusagen der letzte Dinosaurier. Wie fühlt sich das für Sie an?

Einerseits ist es schade, dass diese tolle Konstellation jetzt nicht mehr besteht. Es wurde ja immer gesagt, wir wären die "Mafia", so langsam kann dieser Begriff ja auch positiv verwendet werden. Ich glaube, dass mit der Auflösung der Kinzigtal-Mafia eine sehr erfolgreiche Zeit in der Raumschaft Haslach zu Ende geht. Es war für mich persönlich eine tolle Zeit mit ebenso tollen Kollegen. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass es genau so positiv weitergehen wird.

Hat sich "die Familie" denn nach Ende der Amtszeiten Ihrer Kollegen zerstreut?

Nein. Wir whatsappen miteinander, wir treffen uns weiterhin – es geht weiter. (lacht)

Sie sprachen gerade von einer erfolgreichen Zeit für die Raumschaft. Was war Ihrer Ansicht nach die große Errungenschaft während dieser Zeit?

Innerhalb dieses Vierteljahrhunderts hatte keiner von uns eine Art Kirchturmdenken. Wir haben immer über den Tellerrand hinaus geschaut und Lösungen nicht nur für die eigene Kommune gesucht, sondern für die Raumschaft. Damit konnten wir sehr viel erreichen: Das interkommunale Gewerbegebiet, das Bürgerblatt, die Tourist-Information Gastliches Kinzigtal – es waren viele Dinge, die unsere Raumschaft ganz weit nach vorne gespült haben. Aber auch wenn wir in Kreissitzungen waren, kam die Raumschaft immer mit einer gemeinsamen Meinung an: Natürlich die, die für uns positiv war. Das Kirchturmdenken hat jetzt mal für 24 Jahre ausgesetzt und wir konnten Einiges tun. Ich hoffe, dass das bei meinem Nachfolger Martin Aßmuth und den anderen neuen Kollegen auch weiterhin so sein wird.

Mal weg von der Gemeinschaft: Fast ein Vierteljahrhundert lang waren Sie der Bürgermeister von Hofstetten. Was haben Sie hier erreicht?

"Erreicht" kann man da nicht so richtig sagen. Der Bürgermeister macht das, was für die Bevölkerung und die Entwicklung des dörflichen Lebens wichtig ist. Da haben wir einiges auf den Weg bringen können! Kurz nachdem ich 1994 angefangen habe, ging die Diskussion um eine langfristige Wasserversorgung los. Diese zog sich über acht, neun Jahre. Letztendlich haben wir aber eine Lösung finden können, die die Wasserversorgung für Hofstetten langfristig gesichert hat. Ohne Wasser gibt es keine Entwicklung!

Aber dann ging’s los .

Als die Versorgung über die Stadt Haslach mit der Kleinen Kinzig gesichert war, sind ganz viele Knoten geplatzt. Wir konnten Baugebiete erschließen – zuletzt ja erst vor kurzem noch das im Schneitbach mit 25 Plätzen. Die Gemeinde hat eine Mords-Entwicklung hingelegt! Als ich angefangen habe, hatte Hofstetten knapp 1500 Einwohner. Jetzt geht’s an die 1800. Prozentual ist das in diesem Zeitraum eine gewaltige Steigerung. Das war also die Phase, in der wir zu wenig Wasser hatten.

Sie hatten auch mal zu viel.

Ja, 2006 und 2008. Auch das waren Jahrhundertprojekte, beziehungsweise Jahrhundertereignisse. Die Schadensbeseitigung war immens. Wir waren nach dem ersten Hochwasser fast eineinhalb Jahre lang damit beschäftigt, zum Beispiel die ganzen Brücken wieder herzustellen. Und zwei Jahre nach dem ersten Hochwasser, als die Brücken gerade wieder standen, kam das zweite und die Brücken waren wieder weg! Das hat sehr, sehr weh getan und uns war klar, dass wir das kein drittes Mal erleben möchten. Damit begann dann ein weiteres Jahrhundertprojekt: Der Hochwasserschutz für Hofstetten. Allein hierfür sprechen wir von einem Investitionsvolumen in Höhe von mehr als sieben Millionen Euro.

Die aber Hofstetten nicht alleine aufgebracht hat.

Wir haben sehr gute Beziehungen ins Stuttgarter Ministerium. Und in unserem ehemaligen Kultusminister Helmut Rau haben wir einen Freund und Fürsprecher gehabt. Ihm haben wir viel zu verdanken. Dank seines Einsatzes haben wir Beihilfen bekommen – eine kleine Gemeinde wie diese kann solche Großprojekte ohne Förderungen gar nicht finanzieren. So hat das Land Baden-Württemberg zum Beispiel den Hochwasserschutz bei uns zu 70 Prozent gefördert. Das war aber bei weitem nicht das einzige Großprojekt: Das Rathaus ist saniert worden, wir haben das Seniorenzentrum gebaut, die Schule wurde grundsaniert, es ist viel in die Sanierung des Kindergartens geflossen ...

Sie scheinen sehr findig zu sein, was das Anzapfen von Fördertöpfen betrifft.

Ich habe auch bei umfangreicheren Projekten immer gewartet, bis eine entsprechende Förderung angestoßen wurde, wie etwa die Konjunkturpakete. Zuletzt war das Dach der Gemeindehalle dran, die Förderung kam aus dem Ausgleichsstock. Die Gemeinde hat so auch eine geringe Pro-Kopf-Verschuldung. Im Vergleich zu anderen stehen wir sehr gut da.

Gibt es für Herrn Aßmuth überhaupt noch etwas zu tun?

Ein guter Bürgermeister kann sich zum bestehenden "Ist" immer ein besseres "Soll" vorstellen. Ich sage immer: Stillstand ist Rückschritt. So kommt auf meinen Nachfolger die fortschreitende Digitalisierung in allen Lebensbereichen, auch die Versorgung mit Glasfaser, zu, aber auch Fragen wie die nach einer Lösung für den Kindergarten. Und da muss man dran bleiben!

Können Sie ein Erlebnis aus Ihrer Zeit als Bürgermeister festmachen, das für Sie das Schönste war?

Da gibt es Vieles: Die Eröffnung des Rathauses war wunderschön. Oder als das Rückhaltebecken fertig war, weil ich dann wusste, dass große Gefahren für die Bevölkerung gedämmt sind. Aber ich bin vor allem begeisterter Sportfan. Wenn eine unserer Mannschaften aufgestiegen ist oder Meisterschaften gewonnen hat, hat’s immer bei uns zu Hause eine große Feier gegeben. Sie haben sich auch ins Goldene Buch eingetragen. Welcher Minister sich vor zehn Jahren eingetragen hat, ist eine Sache. Aber wenn unsere Mannschaft in die Landesliga aufsteigt? Das ist doch was Besonderes, das gehört rein.

Würden Sie im Nachhinein irgendetwas aus Ihrer Amtszeit anders entscheiden?

Wir hatten Anfangs eine harte Zeit, als es um die Wasserversorgung ging. Da musste ich aber durch und meine Linie klar beibehalten. Das waren aber wirklich harte Jahre. Vielleicht hätte ich das diplomatischer machen können. Aber als Bürgermeister muss man die Entwicklung des Dorfs immer im Blick haben und diesen Weg gehen – allen recht machen kann man es sowieso nicht. Ich war sicher nicht fehlerfrei, aber die Gemeinde steht richtig gut da und ich übergebe sie mit gutem Gewissen.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand ganz besonders?

Auf eine nicht verplante Freizeit. Ich setze mich jetzt erst mal vier Wochen in den Schaukelstuhl und tue nichts. Wenn die vorbei sind, fange ich an zu schaukeln. Ich bin ja auch noch nicht so alt und freue mich darauf, viel zu unternehmen. Außerdem reise ich gerne, dafür hatte ich bisher sehr wenig Zeit.   Die Fragen stellte Lisa Kleinberger.

24 Jahre lang hat er die Geschicke der Gemeinde Hofstetten geführt. Am heutigen Montagabend ist Schluss: In der Gemeindehalle wird Henry Heller im Kreis zahlreicher Weggefährten feierlich verabschiedet. Im Oktober 2017 hatte er bekannt gegeben, nicht für eine vierte Amtszeit als Bürgermeister zu kandidieren. Sein Nachfolger ist Martin Aßmuth, der im ersten Wahlgang gewählt wurde.

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