Herbolzheim Im "Deadline-Experiment" setzt sich ein Pfarrer ein fiktives Sterbedatum

Broggingen - "Das Bewusstsein für das eigene Sterben macht die Lebenszeit sinnvoll": Diese und weitere Erkenntnisse hat der evangelische Pfarrer Heiko Bräuning durch sein "Deadline-Experiment" gewonnen. Im Jahr 2012 legte er sein fiktives Todesdatum fest: 16. April 2016. Das – vermeintliche – Ende vor Augen, öffnete sich dem vierfachen Familienvater der Blick für das, was ihm wirklich wichtig ist. Am Montag, 19. Februar, kommt Bräuning aus seiner württembergischen Heimat nach Broggingen, um über sein "Deadline-Experiment" zu berichten (Rathaussaal, 19.30 Uhr). Im Vorfeld stand er dem Kurier Rede und Antwort.

 

Eine Deadline ("Todeslinie") bezeichnet den Ablaufzeitpunkt einer Frist. Sie hatten sich eine fiktive Galgenfrist von vier Jahren eingeräumt – was hat sich dadurch für Sie verändert? 

Ich konnte plötzlich Entscheidungen nicht mehr auf die berühmte "lange Bank" schieben. Das Datum war gesetzt, es stand im Kalender. So stellte sich jeden Tag neu die Frage: Was willst du in der verbleibenden Zeit noch tun? Und was nicht? Was lohnt sich? Was nicht? Was ist mir wirklich wichtig – und was absolut nebensächlich? Verbunden mit den Entscheidungen hat sich Glück eingestellt. Denn die Zeit war kostbar und ich wollte sie mit den Dingen verbringen, die mir wichtig sind.

Von Ihnen stammt die Aussage, dass die Zeit von 2012 bis 2016 die wichtigsten Jahre für Sie waren, weil Sie lernen mussten, Entscheidungen zu treffen. Können Sie hierfür Beispiele nennen?

Wenn mich mein kleiner Sohn im Büro um 16 Uhr anruft und fragt, ob ich nach Hause komme, um mit ihm Fußball zu spielen. Dann war die Entscheidung angesagt: bleiben und alles abarbeiten, bis ich dann um 19 Uhr nach Hause komme und mein Sohn leer ausgeht? Oder alles steh’n und liegen lassen und mit ihm Zeit verbringen? Klar, ich entschied mich immer öfter für meinen Sohn. Denn das ist mir wirklich wichtig. Ich träumte ein Leben lang bisher von einem eigenen Flügel. Das Non-Plus-Ultra für einen Klavierspieler. Aber ich hatte nie das Geld dafür. Trotzdem die Entscheidung, einen Flügel zu kaufen, auf die lange Bank schieben? Nein! Ich hatte ja nicht ewig Zeit. Ich hab den Flügel gekauft… die Bank hat geholfen. Also nicht die lange Bank, sondern die Hausbank! Gravierender war die Entscheidung, mich von meinem Job als verbeamteter Pfarrer der Landeskirche zu trennen. Zu kündigen. Weil ich merkte, dass ich zu viele Dinge dort tun muss, die nicht meinen Gaben und Talenten entsprechen, die mir viel kreative Energie rauben und mich auslaugen. Also habe ich gekündigt. Ein Schritt mit viel Risiko. Aber es ging um die Frage: Will ich bis an mein Lebensende Dinge tun, die mich nicht glücklich machen?

Sie sind vierfacher Familienvater und tragen Verantwortung für eine sechsköpfige Familie. Wie haben Ihre Ehefrau und Ihre Kinder auf Ihr Vorhaben reagiert?

Meine Frau hatte dafür kein Verständnis. Aber mit der Zeit merkte ich: es geht um mein Leben, um meine Entscheidungen. Und die dürfen nicht abhängig sein von dem, was andere über mich denken oder von mir halten. Also wurde ich sehr egoistisch. Und habe das alleine durchgezogen. Und es war richtig so. Denn ich darf mich nicht überall abhängig machen von anderen. Egoistisch sein heißt: Ich schaue, was mich glücklich macht, denn nur, wenn ich selber glücklich bin, kann ich andere glücklich machen. Zum Beispiel meine Kinder. Mit denen habe ich die "Deadline" nicht durchgesprochen. Sie waren noch zu klein. Heute sprechen wir viel darüber. Aber ich habe viel mit meinen Schülern gesprochen. Im Religionsunterricht. Und das war spannend: Endlich mal Reli-Unterricht über ein Thema, das alle angeht, wo alle mitsprechen können, und wo sich alle intensiv dran beteiligt haben!

Von einem verstorbenen Menschen ist die Aussage überliefert: "Auf unserem Sterbebett werden wir nicht die Dinge bereuen, die wir getan haben – sondern die Dinge, die wir nicht getan haben." Warum müssen offensichtlich viele Menschen ihr eigenes Ende vor Augen haben – und sei es fiktiv –, um sich verstärkt den Dingen zu widmen, die Ihnen wirklich wichtig sind?

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Tod verdrängt. Unsere Friedhöfe sind gut abgeschirmt, oft außerhalb. Wer den Tod verdrängt, verdrängt die Endlichkeit. Das heißt, wir verführen uns selbst dazu, als ob wir alle Zeit der Welt hätten. Und lassen viel Zeit verstreichen. Zeit aber ist kostbar. Wir können dem Leben nicht mehr Zeit geben, aber wir können der Zeit mehr Leben geben. Wer sich bewusst wird – auf welche Art und Weise auch immer –, dass wir nur begrenzt Zeit haben, der geht mit dieser Zeit anders um. Zeit ist zu kostbar, als dass wir sie mit Nebensächlichem verbringen und uns wie Sand in den Fingern verrinnen lassen. Also: Wir müssen entdecken, dass unsere Lebenszeit begrenztes Gut ist. Und sie so sinnvoll wie möglich zu nutzen, dazu hilft es, das Ende im Sinn, vor Augen zu haben.

Wie haben Sie den 16. April 2016 erlebt?

Wie ein Damoklesschwert. Nicht ganz angstfrei. Immer mit der Frage: Wie sterbe ich denn jetzt? Wann wird es passieren? Sagt das Hirn zum Herz: Er wollte am 16.04.2016 sterben. Also abschalten! Es war ein sehr, sehr spannender Tag mit vielen überraschenden Momenten!

Welche Gedanken verbinden Sie mit dem Gebet aus Psalm 90, Vers 12: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden"?

Ich verbinde damit die Einsicht, dass es in der Bibel ausschließlich darum geht, dass wir glücklicher leben und zufrieden sind. Alles andere ist dem Schöpfer ein Graus. Lohnt sich die Zeit, in der wir hassen? Lohnt sich die Zeit, in der wir arbeiten, ohne auch nur ein wenig Lust dazu zu haben? Lohnt sich die Zeit, die verrinnt, ohne dass wir unsere Träume, Visionen, Wünsche leben, statt ihnen hinterher zu träumen oder hinterher zu trauern? Klug werden durch das Bedenken des Todes ist nicht, sich perfekt auf das Sterben vorzubereiten und den Tod als Feind zu sehen. Sondern klug werden heißt, ein sinnvolleres, glücklicheres Leben zu führen! Und von solchen Gedanken ist die Bibel von A-Z voll!

In Ihrem Buch schreiben Sie: "Eine Deadline schafft unwillkürlich genau diesen heilsamen Druck, der für Veränderungen notwendig ist!" War Ihnen dieser Zusammenhang schon zuvor bewusst?

Mir waren vorher keine Zusammenhänge bewusst. Ich hatte zwar schon oft als Pfarrer über diesen Bibelvers gepredigt, aber was es konkret bedeutet, dadurch klug zu werden – das hatte sich mir bis dahin nicht erschlossen. Aber jetzt! Das habe ich durch das Setzen des fiktiven Sterbedatums gelernt!

Welche Botschaft haben Sie nach dem "Deadline-Experiment" für Ihre Zuhörer?

Es sind eine ganze Menge von Botschaften, auf die ich in der Lesung oder in dem Vortrag eingehen werde. Unter anderem den Mut, Entscheidungen zu treffen im familiären Umfeld: Versöhnung statt lebenslang Hass und Missgunst. Den Mut, Träume zu leben und nicht Leben zu verträumen. Das Geheimnis vom Loslassen: Ich muss nicht alles tun, muss keine Rollen spielen, die mir nicht passen, ich muss nicht jahrelang alles mögliche mit mir rumschleppen. Es geht mir besser, wenn ich Entscheidungen treffe, die mir helfen, mein Leben zu leben und nicht, dass mein Leben verlebt und gelebt wird von anderen und anderem.

> Weitere Informationen: Heiko Bräuning: "Mein Deadline-Experiment", ISBN 9783867732833, 13,99 Euro

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