Herbolzheim "Eine Weisheit, die kein Schulbuch lehrt"

Wie gelingt es, die Erfahrungen und Weisheit älterer Menschen an die jüngere Generation weiterzugeben? Sonja Ehret versucht es mit einem Brief, den Großeltern an ihre Enkel schreiben können. Eine Idee, die auch in der Region begeistert.

Heidelberg/Herbolzheim. "Gerade die ältere Generation hat viele Erfahrungen gemacht, die sie der nachfolgenden auf den Weg geben kann: Sie hat den Krieg erlebt, den Wiederaufbau mit dem Wirtschaftswunder und die Wendezeit und in dieser Zeit persönliche Herausforderungen gemeistert", erklärte Herbolzheims Bürgermeister Thomas Gedemer, als er das Projekt den Senioren vorstellte. Bei "Brief an einem Enkel" sollen Ältere ab 65 Jahren, besonders aber Hochbetagte ab 80 Jahren, Erfahrungen aus ihrem Leben vermitteln. "Die Briefeschreiber sind dabei in ihrer Wort- und Themenwahl völlig frei und auch in der Wahl ihres Enkels. Manche schreiben an ihren Lieblingsenkel, manche an alle auf einmal, andere an noch nicht geborene oder fiktive Enkel", erklärt Sonja Ehret vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg.

Sie hat das Forschungsprojekt im September 2018 im Rahmen des deutsch-polnischen Generationentags ins Leben gerufen. "Es geht darum, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken und zu zeigen, wie wichtig Ältere und Großeltern dafür sind. Wir wollen zeigen, wie sehr sie die gute Entwicklung Jüngerer beeinflussen", erklärt sie. Wichtig sei die Wissensweitergabe, der Dialog. Deshalb soll es am Ende des Projekts auch eine Veranstaltung geben, in der sich Studenten mit Über-80-Jährigen austauschen.

Eine, die auf jeden Fall mitmachen will, ist die Herbolzheimer Gemeinderätin Doris Daute. "Ich habe viel erlebt und dabei auch gesehen, wie sich die Welt verändert hat und wie mein Leben in der Bundesrepublik immer besser wurde. Die Jugend heutzutage hat diese Entwicklungsmöglichkeiten nicht mehr", erklärt sie. In ihrem Brief will sie die Welt beschreiben, wie sie sie erlebt hat, Zeiten, die die anders waren, als sie die Jugend kennt. Zudem will sie die Erfahrung vermitteln, wie man mit dem Leben zufrieden sein kann. Dautes Enkel sind momentan noch zu jung, ihren Brief zu lesen, aber sie will ihn für sie aufbewahren.

"Dankbarkeit, Frieden, Liebe, Zusammenhalt und Heimat werden in vielen Briefen als Wert vermittelt. Auch interessieren sich viele Ältere fürs Zeitgeschehen und äußern sich zu Europa, zudem spielt oft der Krieg, den die Briefeschreiber erlebt haben, eine große Rolle", erklärt Ehret und fügt hinzu: "In diesen Briefen findet sich eine Weisheit, die kein Schulbuch jemals lehren kann."

Eingeladen mitzumachen, sind übrigens nicht nur die Herbolzheimer, vielmehr hat Ehret Fördergelder beantragt, um das Projekt, das entstanden ist, in ganz Deutschland und auch im Nachbarland Polen bekannt zu machen.

Die Stadt Herbolzheim indes hat mit dem Briefen noch etwas Besonderes vor. Sie plant Kopien davon der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Erfahrungen für Erkenntnisse über die Stadtgeschichte zu nutzen.

Weitere Infos gibt es auf der Homepage der Stadt Herbolzheim (www.herbolzheim.de). Dort kann auch das Formular mit den persönlichen Angaben, das mit dem Brief abgegeben werden sollte, heruntergeladen werden. Der Brief kann im Herbolzheimer Rathaus abgegeben werden. Weitere Infos gibt es auch bei Projektleiterin Sonja Ehret unter Telefon 06221 / 54 81 97 oder per E-Mail an sonja.ehret@gero.uni-heidelberg.de.

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