Herbolzheim Der Stoff, der Geschichte schrieb

Ein Stück Geschichte in den Händen: Der Ettenheimer Wolfgang Siefert hat mit seiner Firma den Stoff beschichtet, mit dem vor 25 Jahren der Reichstag verhüllt wurde – und Millionen Besucher in die Bundeshauptstadt lockte. Foto: privat/Kneffel

Herbolzheim/Berlin - Ein ganz besonderes Ereignis feiert Jubiläum: Vor genau 25 Jahren wurde der Berliner Reichstag verhüllt. Eine Firma aus Herbolzheim leistete einen wichtigen Beitrag zu dem geschichtsträchtigen Projekt – mit Aluminium. Nach einer Idee der Künstler Christo Waldimir Jawaschew und Jeanne-Claude Denat de Guillebon – gemeinhin als "Ehepaar Christo" bekannt – wurde zwischen dem 17. und 24. Juni 1995 das Reichstagsgebäude in Berlin verhüllt. 23 Jahre lang hatten die beiden für die Verwirklichung ihrer Idee gekämpft, bis der Bundestag im Februar 1994 nach längerer, teils sehr emotional geführter Debatte mit 292 Ja- gegen 223 Nein-Stimmen dem Kunstprojekt zustimmte. Bis zum 7. Juli war das Berliner Bauwerk dann verhüllt und zog rund fünf Millionen Besucher an.

110 000 Quadratmeter wurden beschichtet

Doch was hat das Jubiläum mit der hiesigen Region zu tun? Die Antwort findet sich in der seit 1991 in der Herbolzheimer Allmendstraße angesiedelten Firma Rowo Coating von Roland Müller und Wolfgang Siefert, Spezialisten für Beschichtung. Sie nämlich haben das Polypropylengewebe, mit dem das Gebäude von 90 professionellen Kletterern verhüllt und mit 15,6 Kilometer Seil umwickelt wurde, einseitig mit Aluminium beschichtet. Die gesamte Menge betrug sage und schreibe 110 000 Quadratmeter. Das entspricht der Fläche von gut einem Dutzend Fußballfeldern. Die Alu-Beschichtung war hauchdünn: 0,1 Gramm auf den Quadratmeter. Nach Ende der Verhüllung wurde das Material recycelt, regranuliert, wie es im Fachjagron heißt.

Wie der weltbekannte Künstler Christo auf Rowo in Herbolzheim kam, erfährt die LZ bei einem Gespräch mit dem in Ettenheim wohnhaften Gesellschafter Wolfgang Siefert. An einem Sonntagabend im Januar 1994 erfuhr Siefert über die ZDF-Sendung "Bonn direkt" (benannt nach dem damaligen Regierungssitz) vom Vorhaben Christos in Berlin. Mit dem Fotografen Wolfgang Volz als Kontaktperson telefonierte Siefert tags darauf. "Wir haben uns sofort gut verstanden", berichtet Siefert. Das spontane Vertrauensverhältnis bestätigte sich bei einem folgenden Treffen bei einer Ausstellung in München, bei der sich Christo, Volz und die beiden Rowo-Geschäftsführer erstmals persönlich begegneten. Ergebnis: Die Herbolzheimer Firma hatte den Auftrag, Christo einen verlässlichen Lieferanten des benötigten Verhüllungsmaterials.

In Etappen, etwa alle zwei Monate, berichtet Siefert im Rückblick, kamen neue Geweberollen in Herbolzheim an, die dort dann beschichtet wurden. Zwei Mitarbeiter seien jeweils zwei Tage damit beschäftigt gewesen, die meist etwa 20 Rollen – jede 500 Meter lang und anderthalb Meter breit – im sogenannten Rollcoater im Vakuum zu bearbeiten. So kamen am Ende 146 Rollen für das Gesamtkunstwerk zusammen.

Nächstes Projekt: der Pariser Triumphbogen

Rowo machte seinen Job vor 25 Jahren offenbar gut: Im Herbst kommenden Jahres soll der Pariser Triumphbogen verhüllt werden, von einem Neffen Christos, der am Pfingsmontag im Alter von 84 Jahren starb. Und wieder haben die Herbolzheimer den Auftrag erhalten. Im Vergleich zu vor 25 Jahren ist die Dimensionierung des knapp 50 Meter hohen, 45 Meter breiten und 22 Meter tiefen Denkmals am Ende der Pariser Champs-Elysées bescheiden. Gerade einmal 35 000 Quadratmeter Gewebe, also knapp ein Drittel des Reichsttagsstoffs, sind dafür mit Aluminium zu beschichten. Die Freude über den Zuschlag für das wohl erneut weltweit Aufsehen erregende Vorhaben vermag dies freilich nicht zu mindern

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