Hausach "Zum Nachteil der Volksgenossenschaft"

Die Ausschreibung zur Versteigerung Repro: Hensle Foto: Schwarzwälder Bote

Die "Reichspogromnacht" am 9. November 1938 war ein schwarzer Tag für die Juden in ganz Deutschland. Überall brannten Synagogen und Juden wurden das Ziel von Gewalt. Nicht in Hausach. Doch auch dort war Judenfeindlichkeit zu spüren.

Hausach. Der 9. November ist ein Schicksalstag der Deutschen. Am 9. November 1918 war Novemberrevolution, Sturz des Kaiserreiches und Beginn der Demokratie., am 9. November 1923 fand der gescheiterte Hitler-Putsch in München statt und am 9. November 1989 fiel die Mauer. Aber auch der 9. November 1938 gehört zur Geschichte der Deutschen. In der "Reichspogromnacht" brannten reichsweit Synagogen, wurden Juden misshandelt, ermordet oder in Konzentrationslager verschleppt.

Nicht in Hausach. Der Grund ist einfach: Ausweislich der Volkszählung von 1933 gab es dort keine Juden . Nichtsdestotrotz bahnten sich der von oben verordnete Antisemitismus und die von unten kommende Judenfeindlichkeit auch so ihren Weg.

Dies wird deutlich an der Auseinandersetzung um die Jagdverpachtung Hausach- Einbach. Die Gemeindejagd in diesem Teil des Kinzigtals war durchaus begehrt. Und so setzten die beiden Gemeinden am 7. Januar 1935 eine Jagdversteigerung im Bürgersaal des Rathauses Hausach an. Die Jagd war zwar begehrt, aber die Bieter nicht bereit, das von den beiden Gemeinden erwartete Angebot abzugeben. Also wurde die Versteigerung 14 Tage später nochmals wiederholt. Die Angebote waren für die Gemeinderäte auch diesmal derart unbefriedigend, dass eine Nachgebotsfrist bis zum 15. Februar 1935 eingeräumt wurde. Und diesmal gab es neben den bisherigen ortsansässigen Bieter noch einen weiteren: Franz Schiele, Fabrikbesitzer in Hornberg. Dieser bot mit 460 Mark den Höchstbetrag, die Gemeinden hatten auf 500 gehofft.

Noch ehe Schiele einen rechtskräftigen Zuschlag erhalten hatte, wandten sich dessen Konkurrenten, neben drei Erbhofbauern auch Paul A., Schlossbergwirt in Hausach, an Reichsjägermeister Göring: "Es liegt uns fern, der Ehre des Herrn Schiele nahezutreten. Bestehen bleibt jedoch die Tatsache, dass der Fabrikteilhaber des Schiele, der Herr Bruchsaler, ein Jude ist und dass diese Fabrik vor einigen Jahren in Liquidation war und ihre Schulden zum Nachteil der übrigen Volksgenossen abschüttelte."

Dieses Schreiben war doppelt perfide. Zum einen wandten sich die Denunzianten unmittelbar an Göring in seiner Eigenschaft als Reichsjägermeister. Zum anderen war ihnen sicher bewusst, dass Göring nach Hitler zweiter Mann im NS-Staat war.

Bürgermeister abgesetzt

Der Hausacher Bürgermeister Alfred Haas, dem das Schreiben per Abschrift zuging, rechtfertigte sich gegenüber dem Wolfacher Kreisjägermeister Krafft: Schiele sei "politisch einwandfrei" und finanziell "in sehr glänzenden Verhältnissen". Und so hoffte Haas, "dass von Seiten des Herrn Reichsjägermeisters Göring der Zuschlag der Gemeindejagd an den Herrn Schiele nicht zurückgezogen wird". So kam es denn auch. Allerdings war Schiele, nachdem er, "ohne jede Frist" eine durch die Polizei übermittelten "Vorladung zu einem Übungsschießen nach Haslach" erhalten hatte, wie er klagte, der "Ausübung der Jagd in Hausach völlig entleidet". Diese Zeilen, die Schiele am 7. August an Bürgermeister Hass richtete, erreichten diesen letztlich nicht. Haas war am 24. August 1935 wegen Unterschlagung des Amts enthoben worden.

Der Nachfolger war Fritz Kölmel, seit März 1933 NSDAP-Mitglied. Das Pikante war, dass Kölmel zuvor Bürgermeister in Hornberg war. Schiele und Kölmel kannten sich, hatten auch über die Jagdpachtangelegenheit telefoniert. Das Telefonat änderte wohl nichts an der Absicht von Schiele: Entnervt wollte er raus aus dem Pachtvertrag. Und so ging schließlich mit Wirkung zum 1. April 1936 für 400 Reichsmark die Pacht an den ursprünglichen Bieter Schlossbergwirt Paul A. über, wobei Schiele sich verpflichtete, den Restbetrag von 148 Reichsmark jährlich bis zum Vertragsende 1944 zu zahlen. Als das Vertragsende 1944 nahte, war es fast vorbei mit dem Jagdglück von Paul A. Kölmel wandte sich an den Landrat: "Es solle versucht werden wegen des politischen Verhaltens von A. die Jagd zu vergeben. A. spende sehr schlecht und besuche nie eine Kundgebung oder Versammlung der Partei."

Der Vertrag wurde bis nach Kriegsende durchgewinkt, diesmal ging es ja nicht um einen Juden oder Judenfreund.

Bei den Novemberpogromen wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Mehr als 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30 000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert.

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