Hausach "Wir stehen unter Generalverdacht"

Hausach - Eine Studie der Katholischen Kirche offenbarte im September Erschütterndes: Mindestens 1670 Kleriker haben sich demnach von 1946 bis 2014 an Schutzbefohlenen vergangen. Diese Zahlen sorgten deutschlandweit für Empörunf. Auch Christoph Nobs, Pfarrer der Seelsrogeeinheit Hausach-Hornberg, bemerkt das Unbehagen der Gläubigen.

Herr Nobs, spüren Sie als Kirchenvertreter als Folge der Missbrauchsstudie bei Ihrer Arbeit mit Kindern ein erschüttertes Vertrauen seitens der Eltern und Kinder?

Im Zusammenhang mit konkreten Anlässen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatten – Ministrantenstunde, Erstkommunion, Firmung oder Ähnlichem – wurde ich nicht direkt darauf angesprochen. Es ist eher so ein allgemeines Unbehagen, das manche Leute äußern.

Wie genau tun diese Menschen das?

Sie sagen, dass zur Zeit eine schlimme Situation herrscht, was da an Problemen aufgedeckt und sichtbar wird. Es ist nicht unbedingt ein direkter Angriff auf die Pfarrer, aber wir stehen jetzt natürlich unter einer Art Generalverdacht.

Wie begegnen Sie diesem Unbehagen?

Zusätzlich zu den allgemeinen Leitlinien, die es schon gibt, erarbeiten wir für unserer Seelsorgeeinheit ein Schutzkonzept mit Gefährdungsanalyse und Maßnahmenkatalog. Dazu sind alle Pfarreien von der Diözesanleitung verpflichtet. Außerdem gehe ich offensiv mit dem Thema um durch Beiträge in unseren kirchlichen Mitteilungen, in denen ich die Gläubigen eingeladen habe, uns auf Verhaltensweisen hinzuweisen, die ihnen problematisch scheinen.

Wenn Sie jemand konkret auf die momentane Situation anspricht hat: Was sagen Sie diesen Menschen? Gerade den Leuten, die aufgrund der Thematik Probleme haben, sich weiter mit der Institution Kirche zu identifizieren?

Eine kritische Haltung ist immer gut. Gerade in der römisch-katholischen Kirche ist der Klerikalismus immer noch weit verbreitet. Dieser wird übrigens auch vom Papst selbst sehr angeprangert. Seiner Meinung nach sei dieser zu überwinden, weil er schädliche Strukturen und Haltungen verursacht. Aber Klerikalismus ist nicht nur eine Sache der Geistlichen, er beruht auf Gegenseitigkeit. Er steckt auch in den Gläubigen. Sie wollen in dem Priester etwas Besonderes, Unfehlbares sehen. Das öffnet das Tor zum Missbrauch verschiedenster, nicht nur sexueller Art. Klerikalismus ist die Einladung zum Machtmissbrauch. Seine Macht kann nur jemand missbrauchen, dem dieser Raum zugestanden wird.

Ist das ein Grund dafür, dass es in der Kirche immer wieder zu Missbrauchsfällen kommt?

Was bisher bekannt wurde, ist wohl nur die Spitze eines viel umfassenderen Eisbergs, sowohl in kirchlichen wie auch in anderen Bereichen der Zivilgesellschaft – in Schulen, Ausbildungsstätten, Arbeitsplätzen, Vereinen und vor allem im familiär-häuslichen Bereich. Ich sehe verschiedene Gründe, warum Missbrauchsfälle derzeit vor allem im Bereich der Katholischen Kirche bekannt werden. Zum einen liegt das an der offensiven Aufklärung durch den Jesuiten Mertens. Seither gibt es im Prinzip kein Ausweichen mehr. Zum anderen erleichtern streng hierarchische oder pyramidale Systeme Machtmissbrauch. Der Klerikalismus ist die kirchliche Variante. Die römisch-katholische Variante von pyramidaler Struktur gibt es auch an anderen Orten, aber bei uns ist sie besonders ausgeprägt und dann auch noch männlich-exklusiv und zölibatär. Da gibt es einen systemischen Zusammenhang, der wissenschaftlich nachgewiesen wurde.

Spielt der Zölibat Ihrer Meinung nach also eine Rolle?

Der Zölibat muss im Zusammenhang mit Klerikalismus und der Männerdominanz im System gesehen werden. Als Gesamtpaket.

Er ist also ein Faktor, der Missbrauch mit begünstigt.

Der Zölibat ist, so würde ich es sagen, nicht der einzige und nicht allererste Faktor, aber er ist einer, der dazugehört.

Wie schaffen Sie als Priester es, angesichts dieser Umstände Ihre Tätigkeit, auf dem schmalen Grad zwischen Nähe und Distanz auszuüben?

Das ist wirklich ein schmaler Grad und eine heikle Angelegenheit, für die es ein hohes Maß an Sensibilität und Bewusstsein braucht. Es fängt bereits beim Reden und der Wortwahl an. Mein Eindruck ist, dass wir uns da gerade erst am Anfang eines ganz langen Lernprozesses befinden. Im Prinzip sind wir in einer ähnlichen Situation wie Psychotherapeuten. Nähe und Distanz gehören zur Professionalität des Berufs. Aber das ist ein schwieriger Weg, ja. Auch bei den Therapeuten gibt es da sehr unterschiedliche Ansichten und teilweise auch extreme Positionen, von massivem Körpereinsatz in der Therapie bis zur rein verbalen Praxis.

Wie handhaben Sie das persönlich?

Wenn ich merke, dass es zu persönlich wird, gehe ich auf Distanz.

Was müssen die Kirche und ihre Vertreter tun, damit Vertrauen wieder hergestellt wird? Kann es das überhaupt?

Das Vertrauen ist bei vielen Menschen jetzt wohl sehr erschüttert und auf keinen Fall wieder schnell reparierbar. Schon seit vielen Jahren distanzieren gehen viele Menschen innerlich mehr oder weniger auf Distanz zur "offiziellen" Kirche oder verabschieden sich ganz. Das hat viele unterschiedliche Gründe. Die Katholische Kirche befindet sich in einem Reformstau und die Meinungen darüber, in welche Richtung die Kirche gehen soll, sind sehr kontrovers. Glaubwürdigkeit und Vertrauen gewinnen wir erst wieder, wenn das beherzt angegangen wird. Das wird aber ein schmerzlicher Prozess sein, der zu einer Zerreissprobe führen wird. Wir sehen das ja schon daran, wie es derzeit im Vatikan zu- und hergeht. Das sind knallharte Machtkämpfe, inhaltlich und auch personell. Und es betrifft nicht nur die Kleriker, sondern alle Gläubigen mit ihren teilweise sehr unterschiedlichen Interessen. Auf jeden Fall muss der Klerikalismus abgeschafft werden. Es geht nicht mehr, dass nur eine exklusive Gruppe von Männern, die dann auch noch zölibatär lebt, die alleinige Macht hat.

Wie soll das konkret aussehen?

Tja, darüber muss man reden. Da gibt es schon sehr viele Vorschläge. Schon seit dem 13. Jahrhundert befasst man sich damit. Das war schon im Konstanzer Konzil Thema. Das ist ein Jahrtausendthema.   Die Fragen stellte Charlotte Reinhard

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