"Tschechische Literatur zu Gast" Von der Dunkelheit in die Flut

Veronika Siska (von links), Anna Bolavá und Michael Stavaric sprachen über die Bedeutung tschechischer Literatur. Foto: Jehle

Hausach - Im Rahmen des Leselenz werden auch Literaturfenster für zeitgenössische Publikationen der deutschen Nachbarländer geöffnet. Zahlreiche Zuhörer hörten Ausschnitte aus zwei Romanen der tschechischen Schriftstellerin Anna Bolavá.

Die Bücher sind Teil einer Trilogie, deren letzter Band "Vor der Flut" für den europäischen Literaturpreis 2021 nominiert war. Für den ersten Teil "In die Dunkelheit" erhielt Bolavá 2016 den wichtigsten tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera in der Kategorie Prosa. Mittlerweile ist ihr Romandebüt in zehn Sprachen übersetzt worden – auf Deutsch allerdings ist das Buch erst nächstes Jahr zu bekommen.

"Wir hoffen, im Rahmen des Leselenz den Anstoß zu weiteren Übersetzungen zu schaffen", fand es Moderator Michael Stavaricč bedauerlich, dass das gemeinsame Literaturerleben der beiden Länder leiser geworden zu sein scheint. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war tschechische Erzählkunst in Deutschland sehr präsent. Stavaric erinnerte č an Kinderliteratur wie "Der kleine Maulwurf" und die berühmte Weihnachtsgeschichte, die jedes Jahr im Fernsehen zu sehen ist.

Lesung in der Muttersprache

"Auch sind wir allgemein sozialisiert worden von Autoren wie Milan Kundera, Pavel Kohout oder Václav Havel", nannte Stavaricč Tschechen, die Weltliteratur geschrieben haben. Anders sehe es aber aus, was zeitgenössische tschechische Schriftsteller angehe. Derart eingestimmt war das Publikum gespannt auf die Lesung – und wurde überrascht damit, dass Bolavá eine längere Passage ihres Buches in ihrer Muttersprache vorlas. Die Zuhörer konnten die slawische Sprachmelodie auf sich wirken lassen und in der anschließenden Übersetzung von Veronika Siska vielleicht die Sommerhitze in der südböhmischen Kleinstadt wiedererkennen, in der die Geschichte spielt.

Protagonistin Anna sammelt Heilkräuter, trocknet und verarbeitet sie in einer Weise, die ihr Leben bestimmt. Schon in der akribischen, ausgesprochen naturverbundenen Sprache bei der Schilderung einer Ernte von Lindenblüten schwingen beklemmende Untertöne mit. Anna stellt sich vor, im Blütenmeer zu sterben, sich im Duft restlos aufzulösen. "Das Sammeln hat mir den Sinn gegeben und den Sinn genommen", grübelt Anna und es schleicht sich beim weiteren Zuhören die Vermutung ein, dass sich hinter dem Sammeln von Heilkräutern eine tiefgehende existenzielle Metapher verbirgt.

Eine ähnlich geheimnisvolle Handlung entwickelt sich im zweiten Band mit dem Titel "Bis auf den Grund", aus dem Stavaricč einen Ausschnitt vortrug. Den Boden für die Lesung bereitete ein kurzes Einspiel der Oper "Rusalka" von Antonín Dvorák, in der es um Wasserwesen geht. Einem Grundmotiv vieler slawischer Märchen, wie Stavaricč anmerkte. Die Protagonistin empfand sich ebenfalls als nicht passend zu den sie umgebenden Menschen. "Sie lebte, aber sie hat kein Interesse daran", schrieb Bolavá. Die Hauptfigur könnte einer der alten Mythologien entsprungen sein, interpretierte Stavaricč gegen Ende seiner Lesung und ließ offen, ob das Mädchen seinen Platz unter den Menschen findet.

Umzug in die Stadthalle

Eingangs hatte Kurator José Oliver für den kurzfristigen Umzug in die Stadthalle um Verzeihung gebeten. Der Ortswechsel wegen der ungewissen Witterung erwies sich als richtig, denn es fiel ein ordentlicher Regenguss. Außerdem wäre es angesichts der großen Zuhörerschar im ursprünglich vorgesehenen Biergarten vom Gasthaus Eiche ziemlich eng geworden.

Anna Bolavá ist in Südböhmen aufgewachsen und studierte an der Karls-Universität in Prag. Nach ihrem Gedichtband "Das schwarze Jahr" debütierte sie mit dem Roman "In die Dunkelheit". Kommendes Jahr soll das Buch beim Mitteldeutschen Verlag erscheinen. Wann die beiden Folgebände der Trilogie "Bis auf den Grund" und "Vor der Flut" in Deutschland publiziert werden, ist noch ungewiss.

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