Hausach Jede Geschichte hat eine Geschichte

In entspannter Atmosphäre arbeiteten die Kinder an ihren Geschichten. Foto: Beule Foto: Schwarzwälder Bote

Ungeahnte Gedankengänge und kreative Geschichten – so haben in dieser Woche zehn Kinder die Vormittage ihrer Ferien verbracht. Über Geschichten und Erzählübungen kamen die Jugendlichen aus verschiedenen Kulturkreisen ins Gespräch.

Hausach. Eine schöne Gemeinschaft habe sich im Laufe der Woche unter den elf- bis 14-Jährigen gebildet, erzählt Victoria Agüera Oliver de Stahl, während die Jugendlichen am Morgen in der Kulturgarage eintrudeln. Sogar der jüngste Teilnehmer sei mit seinen sechs Jahren prima in der Gruppe aufgenommen worden. Das ist der bunt gemischten Truppe auch anzumerken: Von Berührungsängsten keine Spur unter den Kindern aus verschiedenen Herkunftsländern.

Darum gehe es auch in der Schreib- und Erzählwerkstatt, erklärt José F.A. Oliver. Das von der Baden-Württemberg-Stiftung geförderte Projekt will Kinder unterschiedlicher Herkunft über das Geschichtenerzählen ins Gespräch bringen. Er glaube, dass sich Menschen eher verstehen, wenn sie sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen. "Sprache ist so etwas wie Sozialarbeit", sagt er und erzählt von einem Teilnehmer, der am Anfang der Woche erzählte, er sei drei Wochen auf der Flucht gewesen. "Je mehr er erzählte, desto mehr Details fielen ihm ein", so Oliver.

Als die Gruppe komplett ist, kehrt Ruhe ein. Hochkonzentriert sitzen die Kinder um den Tisch und berichten von den Geschichten, an denen sie während der Woche arbeiten. Eine "Pechfamilie", die am Ende doch Glück hat, eine Geburtstagsfeier auf dem Bauernhof und immer wieder das Computerspiel "Fortnite" – das sind unter anderem die Themen, mit denen sich die Kinder beschäftigen.

An diesem Tag soll es um Biografien gehen. "Nur beschreiben, wann und wo man geboren wurde, ist langweilig", erklärt Oliver den Kindern.

Aufgaben geben Impulse für das Schreiben

Eine der Teilnehmerinnen habe zum Beispiel von Dingen erzählt, die sie mit ihrem verstorbenen Opa noch machen wollte. "Das verrät viel mehr über Menschen", so Oliver. Nach einem Biografie-Spiel gibt es eine kleine Aufgabe für die Kinder: In drei Sätzen sollen sie Dinge beschreiben, die sie sich überhaupt nicht vorstellen können. Diese kleinen Aufgaben sollen Impulse geben für die längere Geschichte, an denen die Kinder arbeiten, so Oliver.

Um die Themen der Geschichten zu erarbeiten, gab es zuvor verschiedene Spiele: Vom Kennenlern-Interview zum Aufschreiben von Träumen. In einer Schreibkonferenz berichten die Kinder von ihren Fortschritten und tauschten sich aus. Da es sich in einer entspannten Atmosphäre am besten arbeitet, begangen die Tage in der Kulturgarage stets mit einem gemeinsamen Frühstück und endeten mit einem Mittagessen.

Und was können sich die Kinder nun überhaupt nicht vorstellen? Die Antworten lesen sie in der Runde vor. "Ich kann mir nicht vorstellen, Brokkoli zu essen", meint zum Beispiel Tobias. Und Sabrina kann sich nicht vorstellen, wie es ohne Familie und Freunde wäre. Und Sarah kann es sich nicht vorstellen, nach Afghanistan zurückzukehren. Dass sich gleich zwei Jungen nicht vorstellen können, ohne das Spiel "Fortnite" zu leben, sorgt für Schmunzeln. Das sei doch sehr verbindend, meint Oliver und lacht.

Im Gegensatz zu den Schreibwerkstätten mit Jugendlichen im Rahmen des Leselenzes ist die Erzählwerkstatt in der Kulturgarage nicht ergebnisorientiert im Sinne einer Publikation, so José F.A. Oliver. Das Ins-Gespräch-Kommen stehe im Vordergrund. Die Geschichten, die in der Werkstatt ihren Anfang nahmen, können die Kinder zu Hause fertig schreiben.

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