Hausach "Ich habe die Jahreszeiten vermisst"

Ein Jahr lang lebte und arbeitete die Hausacherin in Mexiko als Freiwillige. Foto: privat Foto: Schwarzwälder Bote

Hausach. Sie hat viel erlebt und eine andere Kultur erfahren: Nach ihrem Abitur lebte und arbeitete die Hausacherin Charlotte Auel ein Jahr lang als Freiwillige im Rahmen des "Weltwärts"-Programms in Mexiko. In einem Auslandstagebuch berichtete sie den Schwabo-Lesern von ihren Erlebnissen. Nun ist sie wieder zurück in Deutschland.

Frau Auel, Sie haben viele Monate in Mexiko verbracht, "um mal etwas ganz anderes zu machen", wie Sie kurz vor Ihrem Abflug erklärten. Und? War es ganz anders und was genau?

Auf jeden Fall. Ich glaube, so etwas werde ich nie wieder erleben. Ich hatte die Chance, viele neue Leute kennenzulernen und in eine andere Kultur einzutauchen. Zum ersten Mal war ich aus der Schule raus, ich war selbstständig und wohnte in einer WG. Ich wohnte mit einem anderen Freiwilligen und einer mexikanischen Studentin zusammen. Mit deren Familie hatte ich viel Kontakt. Weihnachten und Neujahr habe ich mit ihnen gefeiert. Das Essen war anders, der Verkehr... Aber ich habe mich erstaunlich schnell daran gewöhnt. Am Anfang konnte ich gar nicht glauben, wie die Mexikaner ihre Tacos zum Frühstück essen können. Oder wenn man in einen klapprigen Bus einsteigt. Überhaupt ist beim Verkehr alles auf den ersten Blick chaotischer, aber er hat schon seine Ordnung.

Was genau waren denn sonst die größten Unterschiede zwischen dem Leben hier und in Mexiko und den Deutschen und den Mexikanern?

Es ist schwierig zu sagen, so und so sind die Mexikaner. Vieles wird aber schon spontaner angegangen, auch bei der Arbeit. Es gab zwar Wochenpläne, aber oft wurde spontan umentschieden. Ich habe allerdings auch Mexikaner kennengelernt, die viel pünktlicher waren als ich und viel mehr geplant haben. Darum finde ich es schwer, das zu verallgemeinern. Die Arbeitseinstellung ist anders. Hier in Deutschland spielt Effizienz eine große Rolle – in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu schaffen. Diese Einstellung gibt in Mexiko nicht so sehr. Im Zweifelsfall arbeiten sie einfach länger. Es ist nicht so, dass sie weniger arbeiten. Überstunden sind auch dort normal. Außerdem ist der Nationalstolz viel ausgeprägter. Bei meiner Arbeit haben wir jeden Montag eine Zeremonie mit den Kindern gemacht, bei der die mexikanische und poblanische Hymne gesungen wurde und die mexikanische Flagge geehrt wurde. Das kannte ich aus Deutschland nicht.

Wie haben Sie ihre Freizeit in Mexiko verbracht? Sie hatten ja gehofft, ab und zu Klavier spielen zu können.

Das war etwas schwierig, weil ich in der WG in Puebla kein Klavier hatte. Aber die Familie der Studentin hatte eins und da konnte ich manchmal spielen. Nach der Arbeit bin ich oft in die Stadt gegangen. Außerdem habe ich viel mit anderen Freiwilligen unternommen, aber auch versucht, mit Einheimischen etwas zu machen. Bei meiner Arbeit waren viele Praktikanten in meinem Alter und mit einigen konnte ich echte Freundschaften schließen. Ich bin auch sehr oft ins Kino gegangen, denn das ist in Mexiko im Vergleich zu Deutschland sehr billig. Es kostet 40 Pesos, das sind etwa zwei Euro.

Haben Sie auch neue Hobbys entdeckt?

Ja, ich habe einen Tanzkurz gemacht, und zwar für Salsa und Bachata. Das war sehr lustig. Da bin ich mit ein paar anderen Freiwilligen hingegangen, sonst hätte ich mich wohl nicht getraut, denn die Mexikaner tanzen sehr gut. Denen wird das von klein auf mitgegeben. Da wird auch bei Familientreffen oft getanzt. Das habe ich ein halbes Jahr gemacht, aber als es in den Fortgeschrittenenkurs ging, habe ich mir gedacht, dass mir die Grundschritte reichen. Aber es hat Spaß gemacht.

Wenn Sie noch einmal nach Mexiko fliegen würden, was würden Sie dort erleben wollen?

Ich würde auf jeden Fall viele neue Orte kennen lernen wollen. Mexiko ist ein riesiges Land, achtmal so groß wie Deutschland. Ein ganzes Jahr war ich dort und ich hatte die Möglichkeit herumzureisen. Ich habe sehr viel gesehen, aber noch längst nicht alles. Und natürlich würde ich auch gerne die Leute wiedersehen.

Und was nicht?

Ich wusste ja, dass ich als Europäerin mit blasser Haut und blonden Haaren in Mexiko auffallen würde. Es war mir manchmal ein bisschen unangenehmn wegen dieses Aussehens anders behandelt zu werden, sei es positiv oder negativ, weil man in einen Club kommt oder weil mehr Geld von einem verlangt wird. Dieses "Anders-behandelt-werden" war manchmal etwas anstrengend. Vor allem, wenn man nicht ernst genommen wurde, weil man die Sprache noch nicht so gut beherrscht.

Was haben Sie am meisten vermisst?

Wie ich vorausgesagt habe das Brot. Es ist schon ein bisschen lustig, in Mexiko habe ich das deutsche Essen vermisst und hier vermisse ich das mexikanische. Und was ich auch noch vermisst habe, waren die Jahreszeiten. Natürlich gibt es auch in Mexiko Jahreszeiten, aber die sind nicht so intensiv wie in Deutschland mit beispielsweise Minusgraden im Winter. Dort gibt es eine Regen- und Trockenzeit und es ist im Winter auch ein bisschen kälter, aber im Vergleich zu hier ist der Unterschied nicht sonderlich groß.

Was machen Sie jetzt?

Ich studiere Sozialwissenschaften in Bochum. Das ist eine Mischung aus Kultur, Politik und Soziologie mit Methodenlehre. In dem Jahr in Mexiko habe ich gemerkt, dass mich das Gesellschaftliche mit allen Faktoren, diedort reinspielen, interessiert. Den Studiengang, wie er meinen Vorstellungen entspricht, gab es so nur in Bochum.   Die Fragen stellte Charlotte Reinhard.

"Weltwärts" ist ein entwicklungspolitischer Freiwilligendienst, der von der Bundesregierung gefördert wird. Während ihres Auslandseinsatzes unterstützen die Freiwilligen ein konkretes Entwicklungsprojekt. Sie sind in eine lokale Partnerorganisation eingebunden und unterstützen diese bei ihrer Arbeit. Rund 3500 Freiwillige leisten jedes Jahr mit öffentlicher Förderung an 7000 Orten einen Einsatz. Rund 180 zivilgesellschaftlichen Organisationen entsenden und begleiten die Freiwilligen.