Hausach "Die Bedingungen hier sind ideal"

Im Garten des Molerhiisli fühlt sich die Berliner Autorin Lea Streisand sichtlich wohl. Foto: Beule Foto: Schwarzwälder Bote

Die 25. Hausacher Stadtschreiberin ist ins Molerhiisli eingezogen. Die Berliner Autorin Lea Streisand wird mit ihrer Familie bis Ende September bleiben – und arbeitet in dieser Zeit fleißig an ihrem nächsten Roman.

Hausach. "Hier komme ich wirklich zur Ruhe", sagt die Berlinerin zufrieden, während sie sich im Garten des Molerhiislis umblickt, in der Hand eine Tasse Kaffee, im Gesicht die wärmende Mittagssonne. Sie sei nicht gut im "Nein" sagen, erzählt Streisand, die Kolumnen für mehrere Zeitungen schreibt (siehe Info). Jetzt sei sie raus aus dem Berliner Alltag, könne ohne schlechtes Gewissen auch mal absagen.

Darauf angesprochen, dass sie so etwas wie die "Silber-Stadtschreiberin", also die Nummer 25, ist, lacht sie. Sie habe es nicht so mit Zahlen, aber sie habe gemerkt, wie routiniert die Stadt mit den Autoren umgehe und wie problemlos alles laufe. Sie sei dankbar, dass sie mit ihrer Familie anreisen durfte – das sei bei Stipendien nicht selbstverständlich. Während des Leselenz öffne sich die Stadt wie eine Blüte, er mache etwas mit der Stadt und schaffe eine angenehme Weltoffenheit. Darum sei der Kulturschock nicht ganz so groß gewesen – obwohl sie noch nie in einer Kleinstadt gelebt habe und sich erst an einiges gewöhnen musste. Dass die Uhren etwas anders ticken als in Berlin habe sie gemerkt, als sie sich eine Zeitung kaufen wollte. "Der Kiosk hatte Mittagspause – in Berlin undenkbar", erzählt sie und lacht.

Die Umgebung habe sie mit der Familie auf dem Fahrrad erkundet. Da sie eine leichte Gehbehinderung hat, ist Fahrradfahren ihr Sport. Auch die gleichnamige Protagonistin im aktuellen Roman "Im Sommer wieder Fahrrad" hat eine Gehbehinderung. Es gebe den Topos des spazierenden Schriftstellers, der im Gehen seine Inspiration findet. "Mit Gehbehinderung ist das schwierig, weil ich mich sehr drauf konzentrieren muss", so Streisand. Das Rad gebe ihr die Bewegungsmöglichkeit zurück, sie könne ihren Körper im Ganzen nutzen. Für sie sei die Möglichkeit, sich aus eigener Kraft fortbewegen zu können, auch so etwas wie ein emanzipatorischer Akt. "Ich habe das erst mit 15 gelernt", erklärt sie. "Ich war noch nie so stolz, wie an dem Tag, als ich das erste Mal allein mit dem Fahrrad zur Schule fuhr."

Fahrradfahren als emanzipatorischer Akt

Zurück zum Leben in der Kleinstadt: In Fischerbach gab es zum ersten Mal Schäufele und Apfelmost. Und der Mostmaierhof sei "eine echte Perle", sagt sie. Auch ein Besuch der Burgfestspiele stand bereits auf dem Programm. "Kann man nicht meckern, wie der Berliner sagt", so Streisand. Und sie komme wieder zum Lesen. "Ich habe viel Arbeitslektüre mitgebracht, auf die ich keine richtige Lust habe", erzählt sie. "Nun lese ich zum Vergnügen." Aus den vollen Regalen im Molerhiisli habe sie sich einen Band von Terézia Mora gefischt, außerdem zwei Lyrikbände gekauft und Isabel Allende wiederentdeckt. "Ich lese immer fünf Dinge auf einmal", sagt sie lächelnd und zuckt mit den Schultern.

Sie blinzelt in die Sonne, während eine Libelle träge über die Terrasse fliegt. Es gebe zwei Libellen, die beide jeden Tag ins Haus fliegen: eine kluge, die den Weg nach draußen schnell wieder findet und die dumme, die gerade ihre Runde durch den Garten dreht. Die kleinen Dinge seien wichtig, denn daraus entstehen ihre Texte, erklärt sie. Ihr Ziel in Hausach: Mit ihrem zweiten Roman so weit zu kommen wie möglich. "Weil die Bedingungen hier ideal sind", sagt sie. "Ich habe auch tatsächlich schon was geschafft."

"Geschichten aus der großen Stadt", heißen die Radiokolumnen, die sie wöchentlich für Radio Eins vom rbb spricht.

Privatperson und Kunstfigur gleichzeitig

Ob sich die kleine Stadt auch auf ihre Texte auswirke? Sie lacht. Für ihren neuen Roman mache sie sich da keine Sorgen, da helfe ihr die Einbildungskraft. Da sie im Roman aus der Vergangenheit erzähle, sei die Ruhe wichtiger.

Sie habe sich daran gewöhnt, gleichzeitig die Privatperson und die Kunstfigur Lea Streisand zu sein. Ihr Roman weise zwar viele autobiografische Züge auf, sei aber dennoch ein Roman. Ihre überwundene Krebserkrankung spielt darin eine Rolle und die Geschichte ihrer Großmutter, die sich gegen die Nazis stellte. Material, über das sie lange nachgedacht habe und mit dem sie sich gut auskenne. Dieses Wissen nutze sie. "Das Leben schreibt keine gute Geschichten", sagt Lea Streisand, "das machen Schriftsteller."

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Geboren wurde Lea Streisand 1979 im Ostteil Berlins. Sie studierte Neuere deutsche Literatur und Skandinavistik an der Humboldt-Universität Berlin und liest seit 2003 auf Lesebühnen und Poetry Slams im deutschsprachigen Raum. Sie schreibt Kolumnen für die taz, die Berliner Zeitung und das RND. Seit 2014 spricht sie bei Radio Eins ihre wöchentliche Hörkolumne "War schön jewesen". Streisands erstes Hörbuch "Wahnsinn in Gesellschaft" erschien 2009 bei Periplaneta Berlin. 2016 erschien ihr erster Roman "Im Sommer wieder Fahrrad" im Ullstein Verlag zusammen mit dem Erzählband "War schön jewesen".