Haslach i. K. Störche beziehen Horst auf Kirche

Haslach - Der Haslacher Storch bezog am 26. Januar seinen Horst auf der Kirche, ein paar Tage gesellte sich sein Weibchen zu ihm. Warum sind sie dermaßen früh dran? Hat das vielleicht etwas mit dem Klimawandel zu tun? Der Schwabo befragte Experten.

Wolfgang Schäfle aus Böhringen ist Storchenvater, Mitarbeiter der Vogelwarte Radolfzell und hat gestern Abend in Haslach den Vortrag "Mein Leben mit dem Storch" gehalten. Er glaubt nicht, dass der Klimawandel etwas damit zu tun hat, dass die Haslacher Störche sehr früh zurück aus ihrem Quartier in Afrika waren. Er macht einen Lernprozess dafür verantwortlich.

 Das sagt ein Storchenvater:

"Der Storch kann zwar bis zu - 25 Grad Celsius aushalten. Aber er kann hier im Winter nur überleben, wenn er genügend Futter findet", erklärt er. Als Fleischfresser ernähre sich der Storch hauptsächlich von Mäusen, Regenwürmern und Amphibien wie Fröschen, die im Winter gerade bei gefrorenem Boden schwer bis gar nicht zu erlegen seien.

Es gibt aber trotzdem Störche, die nicht ziehen. Schätzle kümmert sich um ein paar solcher Tiere und bietet ihnen Nahrung an. Diese Vögel seien meistens in Gefangenschaft groß worden und hätten die Erfahrung gemacht, dass sie Futter bekommen.

In der freien Wildbahn aufgewachsene Störche könnten aber nicht hier gehalten werden, indem sie gefüttert werde, betont Schätzle. Jedoch gebe es wilde Exemplare, die gelernt hätten, dass sie gar nicht so weit ziehen müssen, um im Winter zu überleben. Oft würden sie in Spanien stoppen und dort den Winter über bleiben. Mülldeponien und Reisfelder böten genügend Nahrung. "Ich gehe davon aus, dass die Haslacher Störche keine echten Zieher sind", meint Schätzle. "So früh ist keiner aus Afrika wieder zurück."

 Das sagt ein Biologe: Hans-Günther Bauer ist Ornithologe am Max-Planck-Institut in Radolfzell. Der Vogelkundler ist der gleichen Meinung wie Schätzle. Auch er glaubt nicht, dass der Klimawandel eine Erklärung für die frühe Rückkehr der Störche ist. "Sie weist auf eher einen verkürzten Zugweg hin", bestätigt er. "Ich vermute, dass die Störche in Spanien Nahrungsquellen gefunden haben."

Bauer erklärt, warum es für Störche von Vorteil ist, so früh wie möglich ihren Horst wieder zu beziehen: "Er kann von einem anderen Paar besetzt werden. Da ist es gut, möglichst schnell da zu sein und das Nest für sich zu beanspruchen. Wer zuerst kommt, hat bessere Chancen." Das weiß auch das Haslacher Storchenpaar: 2015 musste es sich eines Pärchens erwehren, das versuchte, den Horst auf dem Kirchturm zu besetzen.

Abgesehen davon dauere die Aufzucht der Jungen lange, mindestens dreieinhalb bis vier Monate. "Da ist es günstig, möglichst früh damit zu beginnen – sobald die Wetterbedingungen es zulassen und genügend Nahrung da ist." Schließlich würden die meisten Störche zwischen September und Oktober wieder mit dem Zug beginnen. Die ersten machten sich schon im August bereit.

Generell beobachtet er, dass die Zahl der Langstreckenzieher abnehme. Die Strategie, einen kürzeren Weg auf sich zu nehmen und früh wieder im Brutgebiet zu sein, zahle sich aus. Mit dem Klimawandel habe das nichts zu tun. "Klimawandel ist nicht gerichtet. Die Störchen können sich nicht darauf verlassen, dass in jedem Jahr die gleichen Bedingungen herrschen", führt der Ornithologe aus.

Auch er bestätigt, dass es Störche gibt, die gar nicht ziehen. "Volierenstörche tun das oft nicht", sagt er. "Manche von ihnen lassen sich aber von Artgenossen mitziehen." Bauer ist der Meinung, dass in Deutschland überwinternde Störche nicht gefüttert werden sollten. "Darüber kann man streiten. Ich finde, dass das Wildtiere sind und sie damit klar kommen müssen."

 Das sagt ein Haslacher Vogelkundler:

Die Bewegungen der Störche zwischen Offenburg und dem Kinzigtal werden kartiert. Rudi Allgaier, Vogelkundler aus Haslach, hat Meldungen von Störchen erhalten, die bei Madrid überwintert haben – rund 1280 Kilometer Luftlinie von Haslach entfernt. "Ein Storch fliegt auf seinen Zügen im Schnitt etwa 400 Kilometer pro Tag. Manchmal schafft er auch 700. Da kann er innerhalb von zwei Tagen wieder im Kinzigtal sein", weiß er. Im Vergangenen Jahr habe es beispielsweise für zwei bis drei Tage eine warme Südströmung gegeben, die die Störche quasi per Rückenwind ins Kinzigtal getragen hätte.

Auch die Steinacher Störche seien immer recht früh im Jahr wieder an ihrem Horst gesichtet worden. Sie seien meistens aber etwas später dran als die Haslacher. Die Störche aus Biberach und Gengenbach würden gar nicht wirklich ziehen und bezögen in der Nähe von Straßburg ihr Winterquartier.