Vieles muss bestellt werden Lieferengpässe bei Fahrrad-Händlern

Bernhard Schmidt hat in seinem Laden noch rund 80 Räder stehen. Die meisten muss er aber bestellen, Kunden müssen sich deshalb oft gedulden. Foto: Fischer

Pandemie: Nachfrage nach Rädern wegen Corona stark gestiegen

Haslach - "Der Ausflug auf dem Rad ist für viele die neue Art des Urlaubs", sagt Bernhard Schmidt. Das macht sich auch in seinem Fahrradladen bemerkbar – bei den Reparaturen und den verkauften Rädern.

Schon vor Corona seien E-Bikes immer beliebter geworden, erzählt Schmidt. "So können nun Freunde, die nicht auf einem Trainingslevel sind, trotzdem gemeinsam fahren. Auch die Berge hier in der Region sind damit kein Problem mehr", stellt er die Vorteile des E-Bikes dar. Beliebt sei gerade vor allem das Mountainbike mit Motor, aber auch Tourenräder oder leichte, sportive Räder ohne Motor seien gerade im Trend.

"Die Verkaufszahlen sind im vergangenen Jahr nochmal beachtlich in die Höhe geschossen, nicht nur bei den motorisierten Fahrrädern. Man hat schon gemerkt, dass die Menschen sich so ihre Freiheit während der Pandemie zurückgeholt haben. Sobald es draußen schön ist, schwingen sich fast alle aufs Rad – auch in den Urlaub."

Spontankäufe sind fast unmöglich

Wer aktuell auf der Suche nach einem Fahrrad ist und auf einen Spontankauf hofft, hat allerdings oft Pech. Auch Schmidt muss seine Kunden oft wochenlang vertrösten und das Wunschrad erst im Händler-Katalog bestellen – mit mindestens vier bis zehn Wochen Lieferzeit. In seinem Laden hat er noch rund 80 Fahrräder stehen, doch oft sei da nicht das richtige dabei. "Die meisten Kunden haben zumindest eine grobe Vorstellung ihres Wunschrads. Und vielen kommt es vor allem auf die Farbe an", erklärt er.

Im Vergleich zum Autokauf, bei dem Interessenten einfach in ein vergleichbares Modell steigen und es Probe fahren könnten, sei der Fahrradkauf schwieriger. "Es kommt vor allem auf die Geometrie an und es gibt so viele unterschiedliche Fahrradmodelle, dass der Kunde eigentlich jedes Rad einmal gefahren sein muss, bevor er es kauft", so Schmidt.

Deshalb bietet der Haslacher Händler seinen Kunden die Möglichkeit, ihr Wunschrad in den Laden zu bestellen und es dort Probe zu fahren. Wem es nicht gefällt, der muss es dann auch nicht kaufen. Dennoch lautet Schmidts Maxime: Lieber zu viel bestellen als zu wenig.

Neues Rad wird noch am selben Tag verkauft

"Die Räder, die die Kunden dann nicht kaufen, stelle ich in den Laden zum Verkauf. In der Regel verkaufe ich sie dann am selben Tag noch an jemand anderen", sagt Schmidt und präsentiert auf dem Computer seine Liste mit vorbestellten Fahrrädern: Alleine vom Hersteller Cube sind hunderte Räder dargestellt, deren Lieferdatum noch Wochen in der Zukunft liegt.

"Das Problem ist, dass die einzelnen Teile für die Fahrräder aus Fernost kommen und die Firmen dort einerseits wegen der Corona-Beschränkungen ausgebremst werden und andererseits wegen der hohen Nachfrage nicht mehr hinterherkommen."

Auch die Ersatzteile für die Werkstatt, die im Hinterhof neben dem Verkaufsladen untergebracht ist, verspäten sich immens. Zwar habe er durch die bereits hohe Nachfrage im vergangenen Jahr frühzeitig geplant und viele Standardteile bis zu einem Vierteljahr im Voraus bestellt.

Selbst Standardreparaturen erfordern eine lange Wartezeit

So könne er Standardreparaturen wie den Reifentausch oder neue Bremsbeläge meist innerhalb eines Tages erledigen. Doch gerade Spezialteile wie ein bestimmter Bremshebel oder ein einzelner Gegenstand für die Gangschaltung ließen rund drei Monate auf sich warten. "Aktuell stehen in der Werkstatt rund zehn Räder, die wir erst in einigen Wochen reparieren können. Das krasseste Beispiel ist ein Fahrrad, bei dem ein ganz banales Teil für die vordere Gabel fehlt – Ersatz gibt es dafür aber erst im August."

Der Tausch der kompletten Gabel als Alternative sei möglich, koste aber dann 400 bis 800 Euro. "Bei 30 bis 40 unterschiedlichen Modellen ist die Vielfalt eben sehr groß. Da sind die Ersatzteile manchmal teurer als das komplette Rad", bilanziert der Rad-Profi. Diese Vielfalt führt auch dazu, dass für die Werkstatt eine lange Ausbildung benötigt wird (siehe Info).

Wer in einer Fahrradwerkstatt arbeiten möchte, muss zunächst eine dreieinhalbjährige Ausbildung als Zweiradmechatroniker in der Fachrichtung Fahrrad absolvieren. Danach ist noch eine Weiterbildung zum Meister möglich. "Um die Produkte der Fahrradbranche kennenzulernen, braucht es Zeit. Die Ausbildungsdauer ist schon nötig, um gut in das Geschäft reinzukommen", sagt Schmidt.