Haslach i. K. Corona-Krise: Bestatter müssen neue Wege finden

Sterben in Corona-Zeiten stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Bestatter Tim Messner (von links) mit Tochter Amelie und Lebensgefährtin Verena Zettwoch sowie Firmeninhaber Rainer Messner stehen den Angehörigen zur Seite. Foto: Störr

Haslach - Die Corona-Pandemie stellt viele Berufsgruppen vor besondere Herausforderungen. Wenig Beachtung finden dabei die Bestatter. Doch gerade für sie ist jeder Einsatz eine Herausforderung, die Gefahr einer Ansteckung besteht immer.

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Die Haslacher Bestatter-Familie Messner blickte für den Schwabo auf gravierende Veränderungen durch die unterschiedlichen Corona-Verordnungen seit Mitte März.

"Es gab strenge organisatorische Richtlinien, die kaum einzuhalten waren", verwies Inhaber Rainer Messner auf den Anfang der Pandemie. Theorie und Praxis seien weit auseinander gegangen, für Beerdigungen habe es wöchentlich neue Vorschriften gegeben.

Zu Beginn seien nur zehn Leute erlaubt gewesen, der Pfarrer war dort bereits eingerechnet. "Wir konnten plötzlich keinen Anteil mehr an der Situation der Hinterbliebenen nehmen, alles ist kühl und distanziert geworden", bedauert Tim Messner.

Werden die Bestatter gerufen, gilt die erste Frage der Covid-19-Erkrankung – je nach Antwort richtet sich die Schutzausrüstung. Einmal-Handschuhe und ein einfacher Atemschutz gehören zum Standard. Für den besonderen Einsatz habe man sich für teure Schutzmasken mit Visier, Einmal-Schutzanzüge und Spezialhandschuhe entschieden. "Man weiß als Bestatter nie, wo man hinkommt", betont Rainer Messner. Die eigene Gesundheitsvorsorge und der Schutz der Mitarbeiter hätten oberste Priorität im Familienunternehmen. Ein positiver Corona-Fall würde den Betrieb komplett lahm legen.

Aktuell könnten die Sargträger aufgrund ihrer Risikogruppen-Zugehörigkeit nicht eingesetzt werden, was für Familie Messner einen Rund-um-die-Uhr-Dauereinsatz bedeute.

Noch keine Rückkehr zur Normalität

"In der Betreuung der Angehörigen ist viel verloren gegangen", verweist Verena Zettwoch auf einen weiteren Aspekt. Es habe alles weitestgehend servicefrei ablaufen müssen und die Hinterbliebenen seien auf sich alleine gestellt gewesen.

"Das war alles – bloß nicht würdig", bringt es Rainer Messner auf den Punkt. Beerdigungen seien zunächst mit zehn Personen, dann mit Verwandten in gerader Linie erlaubt gewesen, mittlerweile dürften bis zu 50 Personen teilnehmen. Allerdings immer noch ohne Rosenkranz- und Totengebet, mit Adresslisten der Teilnehmer und – mit viel Abstand – nur unter freiem Himmel.

Wenn ein Mensch an Covid-19 verstirbt, ist selbst die Verabschiedung durch die Angehörigen am verglasten Sarg nicht mehr möglich. Dann wird der Holzsarg versiegelt und die Feuerbestattung empfohlen.

Dadurch wird allerdings auch der Trauerprozess schwieriger, wie Diplom-Psychologe Matthias Wohlfahrt-Sieben von der Caritas-Beratungsstelle in Haslach erklärt. Denn es erleichtere den Umgang mit dem Tod, wenn außen herum etwas geschehe, wie beispielsweise die Organisation einer Trauerfeier oder der Leichenschmaus.

"Man trifft sich, man spricht miteinander und ist sich nah. Dabei geschieht etwas, das auch den Verstorbenen würdigt", erklärt der Psychologe. Wenn das alles aber wegfalle, gebe es weniger Teilhabe und damit werde es auch schwieriger, zu sehen: Es ist mit dem Verstorbenen nicht nur etwas weg, sondern es bleibt auch ganz viel.

Für Erwachsene sei es bei Trauerfeiern oft wichtig zu sehen, wie eingebunden der Verstorbene in die Gemeinde war. Für Kinder sei es sehr viel wichtiger zu sehen, wie die Erwachsenen mit der Trauer umgehen. "Wenn Erwachsene ihre Trauer konstruktiv verarbeiten, lernen Kinder damit umzugehen. Wenn sie aber innerlich und äußerlich zusammenbrechen und in Schweigen verfallen, wird der Tod zum Tabuthema", erklärt Matthias Wohlfahrt-Sieben.

Die Kulturen seien enorm reich im Umgang mit dem Tod. Unter den aktuellen Corona-Bedingungen sei die Umsetzung sehr viel schwerer. Deshalb wäre es gerade jetzt wichtig, kreative Formen der Trauerbewältigung zu finden.

Für den katholischen Pfarrer Helmut Steidel führten die sehr starken Beschränkungen und kleinen Formen der Beerdigung zu unterschiedlichen Erlebnissen. Auf der einen Seite erlebte er sehr familiäre und intime Formen der Beisetzung samt sehr persönlichen Gesprächen mit den Angehörigen. Andererseits habe er aber auch gesehen, wie schwer sehr kleine Beerdigungen für Angehörige waren, deren Verstorbene bei Freunden, Bekannten und in der Öffentlichkeit sehr angesehen waren.

Kritische Infrastruktur

Bestatter zählen eindeutig zu den systemrelevanten Berufen. Dass bei ihnen Corona-Tests nur nach Auftreten von Verdachts-Symptomen vorgenommen werden, ist völlig unverständlich. Muss ein Verstorbener mit bestätigter Corona-Infektion abgeholt werden, gehen vorsichtshalber Tim Messner und Lebensgefährtin Verena Zettwoch los. Rainer Messner zählt selbst zur Risiko-Gruppe, ebenso die Sargträger des Familienunternehmens.