Gutacher Autorin Helga Aberle erzählt ihre Leidensgeschichte

Christine Störr
Helga Aberle hat ihre Leidensgeschichte veröffentlicht. Foto: Störr

Die in Gutach lebende Autorin Helga Aberle hat ihr neues Buch „Vergib – lass los – und lebe“ veröffentlicht. Die autobiografische Erzählung nimmt den Leser mit in die unvorstellbare Leidensgeschichte der Autorin, aus der sie nach Jahren der Krankheit und des Schmerzes auch vieles gelernt hat.

Gutach - Wer Helga Aberle heute trifft, sollte nicht glauben, was sie durchgemacht hat. Auf 560 Seiten beschreibt sie ihre Patienten-Geschichte, die mit einer Niereninfektion im August 1986 beginnt.

Weichen für den Rest des Lebens gestellt

In ihrem Buch schreibt sie: "Mit keinem Gedanken dachte ich daran, dass an diesem Tag die Weichen für die nächsten Wochen, Monate – nein, für den Rest meines Lebens gestellt wurden. Dieser Tag war für mich das Tor in ein ganz finsteres Tal. Schmerzen, Angst und eine grenzenlose Verzweiflung sollten mir auf dem Weg durch dieses Tal begegnen."

Eine Odyssee aus Schmerzen und Unverständnis

Denn die anschließende Blutvergiftung wurde ebenso wenig erkannt wie die bakterielle Infektion der Wirbelsäule – eine Odyssee aus unerträglichen Schmerzen, Unverständnis und Qualen nahm ihren Lauf, weil keiner der Ärzte ihr glaubte und es Monate dauerte, bis ein Röntgenbild die Ursache zeigte. Zwei Halswirbel hatten sich aufgrund der Infektion quasi aufgelöst und eine Querschnittlähmung drohte. Also wurde Helga Aberle in ein Gipskorsett gezwängt und der Kopf per Halofixateur (Metallgestell) für vier Monate festgeschraubt. Damals hatte sie drei kleine Kinder.

Nie gelernt, sich zu wehren

"Es hat Jahre gedauert, bis ich wieder klar denken konnte", erzählt Helga Aberle im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Jahre der Genesung und Therapie, in denen sie sich die Frage stellte, warum ihr das alles passieren konnte. "Daran war nicht das Kranksein an sich schuld, sondern weil ich nie gelernt hatte, mich zu wehren", weiß die 74-jährige heute. Während einer Atemtherapie-Stunde habe sie die eigene verkrampfte Hand ganz deutlich als kleine Kinderhand wahrgenommen und sich auf Spurensuche in der eigenen Vergangenheit gemacht. So wandelte sich Frage nach dem "Warum" irgendwann in die Frage nach dem "Wozu" der Krankheit.

Ein Tag entscheidet über den Rest des Lebens

Im Buch liest sich das: "Mein schwerstes Leid wurde zu meinem größten Gewinn. Damals entschied ein einziger Tag über den Rest meins Lebens. Ein Tag, an dem ich mich selbst für so viele Tage verlieren sollte. Es war, als hätte das eigene Leben sich irgendwohin verirrt. Da lagen Jahre vor mir, nach denen ich als eine andere zu mir zurückkehrte. Ganz sicher wäre ich ohne diese schicksalsschwere Erkrankung heute nicht da, wo ich bin – und auch nicht die Person, die ich bin."

Die Geschichte für die Kinder aufgeschrieben

Diese Erkenntnis sei ein überaus schmerzlicher Prozess vieler Jahre gewesen, in dem das Schreiben eine ganz wesentliche Rolle gespielt hatte. Denn Erlebtes aufzuschreiben, lasse den Schmerz zwar zunächst neu aufflammen, erlösche aber langsam und werde zum ruhenden Teil der eigenen Lebensgeschichte. Diese hatte die Autorin zunächst einmal für die eigenen Kinder aufgeschrieben, deren Kindheit zum großen Teil durch die Krankheit geprägt wurde. Vor neun Jahren hatte sie im Schlosser-Verlag dann eine erste Version "In Traurigkeit mein Lachen" veröffentlicht.

Die Kernbotschaft

Die vergangenen Jahre hat sie dazu genutzt, um die eigene Geschichte gründlich zu überarbeiten, um sensible Gedichte einzuarbeiten und vor allen Dingen, um die eigenen Erkenntnisse zu Papier zu bringen. Als Kernbotschaft ihres Buches benennt Helga Aberle den gewaltfreien, liebe- und respektvollen Umgang mit Kindern, um sie zu starken Persönlichkeiten werden zu lassen.

Die Autorin

Helga Aberle wurde 1947 im Raum Köln geboren und arbeitete bereits mit 17 Jahren zusammen mit ihrer Mutter im Gutachheim. Lange Jahre lebte sie mit ihrer Familie im Gutacher Obertal, zog dann für 20 Jahre nach Lahr und ist seit sechs Jahren wieder zurück in Gutach. Neben dem Schreiben ist das Fotografieren eine große Leidenschaft, so ziert das Cover eine abendliche Aufnahme aus Friesenheim. Das Buch "Vergib, lass los und lebe" ist beim Verlag tredition in Hamburg erschienen, kostet 19 Euro und ist im Buchhandel sowie den bekannten Online-Buchplattformen erhältlich.