Gutach Gebert hatte drei Frauen und 17 Kinder

Von Evelyn Jehle

Gutach. Das Freilichtmuseum Gutach widmet im Jubiläumsjahr an jedem letzten Sonntag im Monat einem seiner Schwarzwaldhöfe einen Thementag. Die ungewöhnliche Geschichte des über 400 Jahre alten Lorenzenhofs aus Oberwolfach lockte viele Besucher in die gute Stube des Gehöfts.

Ungewöhnlich nicht nur hinsichtlich der Ungewissheit, wer der Erbauer des stattlichen Anwesens – ungewöhnlich ist auch die Verknüpfung mit der Geschichte des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach (MFO). Am Sonntag spürten Thomas Hafen, wissenschaftlicher Leiter des Museums, und Stefan Klaus, wissenschaftlicher Administrator des MFO, dem gemeinsamen wechselvollen Geschichtsstrang nach.

"Eine spezielle Untersuchung von Holzproben des Hauses hat ein Fälldatum der Bäume um 1608 ergeben", erläuterte Hafen die Recherchen zur Bestimmung des Alters von dem Bauernhof. Urkundlich erwähnt werde ein Lorenz Gebert erst 1806, als das Großherzogtum Baden nach Zufall des Wolftals die Besitztümer auflistete. Ein Geberthof sei wohl schon vorhanden gewesen und deshalb der Vorname als Benennung verwendet worden. Staunend vernahm die Zuhörerschaft, dass ein Gebert mit drei Frauen 17 Kinder zeugte und sein Sohn Johann Jakob zwölf Nachkommen hatte.

Erstmals verkauft wurde das Anwesen 1850 an Johannes Echle. Nachdem Philipp Haas, Ehemann von Erbin Genoveva, Pech mit verschiedenen Holzverkäufen hatte, wurde der Besitz 1904 versteigert.

Ein Baron kaufte das Anwesen und baute das Jagdschloss oberhalb des Hofs. Der nachfolgende Eigentümer, ein belgischer Bankier, musste bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten den "Sommersitz" aufgeben.

Ende 1937 ist der Grundbesitz in die Familie Rothfuß übergegangen, die jedoch nur Interesse am Waldgelände hatte und das Jagdschloss samt Grund an den pfälzischen katholischen Schulfond verkaufte. "Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs suchten die Nationalsozialisten angesichts der zunehmend aussichtslosen Kriegslage verzweifelt nach jeder erdenklichen Rettung", nahm Stefan Klaus den Faden auf. Forschung und Entwicklung sollten nun zum Endsieg verhelfen. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Wilhelm Süss aus Freiburg, sollte die kriegswichtigen Forschungen leiten.

"Die Entscheidung für Oberwolfach als Institutssitz war pragmatisch, denn Luftangriffe auf den entlegenen Ort waren unwahrscheinlich", erklärte Klaus. Spannend erzählte er die Geschichte, wie der irische Numeriker John Todd 1945 das Institut vor der Plünderung bewahrte. "Die Marokkaner standen schon vor der Tür," schilderte Klaus.

Die britische Navy hatte jedoch Wind von der Sache bekommen und Todd, seinerzeit in britischen Diensten, erschien in Uniform und erklärte, dass die Einrichtung unter Schutz der Engländer stehe. "Anlässlich seines 70. Geburtstages nannte er diese Tat seine wichtigste Leistung für die Mathematik", sagte Klaus. Alle drei Jahre vergebe das MFO den "John-Todd-Award" an besonders herausragende junge mathematische Forscher. Das Jagdschloss wurde Mitte der 70-er Jahre abgerissen, der vernachlässigte Lorenzenhof in Einzelteile zerlegt, saniert und im Freilichtmuseum wieder aufgebaut. Wie Thomas Hafen eingangs erwähnte, hatte Hermann Schilli den Hof nach rein architektonischen Gesichtspunkten ausgewählt.

"Ein typisches Kinzigtalbauernhaus sollte es sein", so Hafen, gesäubert von der Individualgeschichte. Doch wie der spannende Vortrag eindrücklich zeigte, wird das gemauerte Sockelgeschoss, auf das ein holzgezimmertes Obergeschoss aufgesetzt ist mit Leben erfüllt von jenen, die darin beheimatet waren.