Gerüchte an der Grenze Ukrainische Flüchtlinge misstrauen Deutschland

Marco Armbruster
Waren mit dabei in Polen (von links): Helfer Bogdan Mylovanov, WRO-Mitarbeiter Yannick Haldenwanger, WRO-Geschäftsführer Dominik Fehringer und Tatjana Johanson, Ärztin am Ortenau-Klinikum, bei einer Beratungsrunde.             Foto: WRO

Viele Initiativen versuchen derzeit aus der Ukraine geflüchtete Menschen nach Deutschland zu bringen. Dabei scheuen sich viele, das Hilfsangebot anzunehmen, wie WRO-Geschäftsführer Dominik Fehringer berichtet. Ursache sind üble Gerüchte.

Ortenau/Przemysl - Die Wirtschaftsregion Ortenau (WRO), das Landratsamt und die Rotary-Clubs im Kreis haben gemeinsam einen Hilfstransport an die Ukrainisch-Polnische Grenze nach Przemysl organisiert. Auf dem Rückweg nahmen sie rund 70 Kriegsflüchtlinge mit zurück nach Deutschland. Doch das war gar nicht so einfach, schildert WRO-Geschäftsführer Dominik Fehringer, im Gespräch mit unserer Zeitung.

"Unsere Erfahrung mit den Menschen aus der Ukraine ist, dass sie einen offiziellen Status als Flüchtling nach Möglichkeit vermeiden wollen", berichtet Fehringer, der den Transport begleitet hatte, von seinen Erfahrungen in Polen. Deutschland sei zudem in der Köpfen der Ukrainer nicht das erste Land der Wahl. Denn mit den Deutschen verbinde man schmerzliche historische Erfahrungen.

Mehrere Busse mussten leer zurück in die Heimat

"Nicht von ungefähr kursieren nun Gerüchte, dass man, einmal in Deutschland angelangt, das Land nicht mehr verlassen könne, weil die Pässe eingezogen würden", so Fehringer. Auch von Zwangsarbeit und Arbeitslagern sei die Rede.

"Hier ist dringend Aufklärungsarbeit erforderlich. Polen hat längst die Grenze der Aufnahmefähigkeit erreicht", betont der WRO-Geschäftsführer. Ein großes Problem ist offenbar auch die Sprachbarriere: "Die Flüchtlinge sprechen vielfach weder Deutsch noch Englisch. Ohne unsere russisch- und ukrainischsprachigen Begleiter wäre es unmöglich gewesen, das Vertrauen zu den Menschen herzustellen", berichtet Fehringer.

Und ohne das Vertrauen der Menschen, geht es nicht: Mehrere Busse ehrenamtlicher Initiativen aus Deutschland seien daher nach vergeblicher Wartezeit leer zurückgefahren, so der WRO-Geschäftsführer. "Niemand tritt gerne eine Reise ins Unbekannte ohne verlässliche Informationen an."

Helfer klären mit Plakaten auf

"Wir haben festgestellt, dass alles mit Kommunikation zu tun hat. Daher haben wir vor Ort in aller Eile Plakate und Flyer erstellt", so Fehringer. Die Plakate mit Infos über den Zielort haben Ortenauer Helfer im Flüchtlingszentrum aufgehängt. Für die Busfahrt selbst gab es Flyer mit Infos zur Initiative "Krisen-Helfer" und zur Ortenau.

"Um die Arbeit anderer Initiativen aus Deutschland zu unterstützen, haben wir vor unserer Abreise weitere Informationen zu Deutschland und dem Umgang mit Flüchtlingen aufgehängt. "Wir haben dort klar die uns bekannten Gerüchte aufgegriffen und diese entkräftet", berichtet Fehringer weiter. Aus seiner Sicht wäre es aber wichtig, dass an den meist frequentierten Grenzübergangsstellen eine deutsche Infostelle eingerichtet würde – Dänemark mache das vor. "Die Situation ist nicht mit dem Jahr 2015 zu vergleichen, als vorwiegend junge Männer nach Europa kamen. Wir können nicht Frauen und kleine Kinder wochenlang durch Europa irren lassen, bis sie sichere Zuflucht finden", fordert WRO-Geschäftsführer Fehringer.

Die Gesamtzahl der seit Kriegsbeginn aus der Ukraine geflüchteten Menschen wurde vom UN-Flüchtlingskommissariat zuletzt auf mehr als 3,2 Millionen geschätzt. Mehr als zwei Millionen davon hat laut UNHCR allein das EU-Land Polen aufgenommen. Die UN schätzt, dass es bis zu vier Millionen Flüchtlinge werden könnten. Die EU zeigt sich weniger optimistisch und geht gar von bis zu acht Millionen Menschen auf der Flucht aus. Bis Freitag waren bereits 200 000 Menschen in Deutschland registriert.

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